Der Neckar-Odenwald-Kreis wird 50 Jahre alt

Vor dem Zusammenschluss wurde heftig gestritten

Ein Blick in die Annalen von Karlheinz Neser

Von 
Karlheinz Neser
Lesedauer: 
Jubiläum: 1973 entstand der Neckar-Odenwald-Kreis. © Sabine Braun

Neckar-Odenwald-Kreis. In diesem Jahr gibt ein Jubiläum: Der Zusammenschluss der Kreise Buchen und Mosbach zum Neckar-Odenwald-Kreis jährt sich zum 50. Mal.

Unser Landkreis ist ein Ergebnis der Kreisreform, die zum 1. Januar 1973 in Kraft trat. Sie wurde von der damals im Land regierenden Großen Koalition (1966 bis 972) gleichzeitig mit der Gemeinde- und Funktionalreform angegangen. Ministerpräsident war Hans Filbinger (CDU), Innenminister Walter Krause (SPD). Mit der Vorlage des „Denkmodells zur Kreisreform“ Ende 1969 wurden zwei Jahre lebhafter Diskussion in unserem Raum eingeleitet, die durchaus Gräben entstehen ließ: Zwischen Landräten, Mitgliedern von Parteien und Vertretern gesellschaftlicher Gruppen beider Landkreise, denn es wurde heftig gestritten.

Nachdem durch die Kreisreform die Zahl der Landkreise reduziert werden sollte – von ehemals 63 blieben lediglich 35 übrig –, war schnell klar, dass keiner der beiden, zudem bevölkerungsarmen Kreise (1970 Buchen 66 265, Mosbach 73 950 Einwohner) überleben konnte, es sei denn durch Gebietserweiterungen. So gab es in Buchen Überlegungen nach einem fränkischen Kreis unter Einbeziehung von Teilen der Landkreise Heilbronn, Künzelsau und Tauberbischofsheim, in Mosbach nach Arrondierungen um Teile der Kreise Sinsheim und Heidelberg (vor allem Raum Eberbach).

Konturen standen bald fest

Dafür gab es jedoch keine Chance, so dass die wesentlichen Konturen des neuen Landkreises bald feststanden. Es ging jetzt nur noch um die Zuordnung einzelner Verwaltungsräume. Von den ehemals 138 selbstständigen Gemeinden der beiden Altkreise mussten schließlich 20 Gemeinden mit 16 146 Einwohnern an den Main-Tauber- und Hohenlohekreis und den Landkreis Heilbronn abgegeben werden. Aus den verbliebenen ehemals 118 Gemeinden wurden 27 Gemeinden gebildet.

Kreissitzfrage

Der eigentliche Streit, mitunter sehr emotional in der Presse, den Parteien, der Öffentlichkeit und in den beiden Kreistagen ausgetragen, fand um den Kreissitz statt. Die Landesregierung hatte Mosbach als Sitz des neuen Landkreises vorgeschlagen. Die Kreistage und die politischen Parteien setzten sich in den beiden Altkreisen jeweils gegensätzlich für Buchen oder Mosbach als Kreissitz ein. Nach langem parlamentarischem Ringen fiel dann am 23. Juli 1971 im Landtag die endgültige Entscheidung mit 60 zu 40 Stimmen bei 13 Enthaltungen für Mosbach. Jubel auf der einen, Enttäuschung auf der anderen Seite.

Integration des neuen Landkreises

Die am 24. Oktober 1971 gewählten Kreistage hatten den Übergang in den neuen Landkreis zu leisten. Ein Personalproblem stellte sich wie in anderen Landkreisen nicht: Der Kampf um den Landratsposten zwischen amtierenden Landräten. Da der Mosbacher Landrat Dr. Ditton, bis 1974 gewählt, aus gesundheitlichen Gründen zum 31. Dezember 1972 in den vorzeitigen Ruhestand ging, lief es auf Landrat Geisert zu, insbesondere nachdem er der Mosbacher Kreis-CDU seinen Verzicht auf eine erneute Landtagskandidatur zugesichert hatte.

Am 15. September 1972 wählte der „vorläufige Kreistag“ des neuen Landkreises den bisherigen Buchener Landrat Hugo Geisert mit 45 von 56 Stimmen abgegebenen Stimmen zum Amtsverweser.

Bei der Zusammenführung zweier Verwaltungen waren auch schwierige Entscheidungen durch den Kreistag zu treffen, vor allem im Personalbereich. So musste entschieden werden, wer Amtsleiter wurde, was nicht ohne Härten im Einzelfall ging; die 14 Amtsleiter verteilten sich schließlich je zur Hälfte auf die beiden Kreisverwaltungen. Es mussten die Raumprobleme einer nun größeren Verwaltung in Mosbach gelöst werden; und es wurde die Entscheidung über eine Außenstelle des Landratsamtes in Buchen getroffen. Weiter mussten die Kreistagswahlbezirke neu eingeteilt werden. Kampfabstimmungen, die im Wesentlichen von der Zugehörigkeit zu einem Landkreis bestimmt waren, gab es um den Namen des Landkreises und die Zuordnung zum Regionalverband.

Der neue Landkreis nannte sich zunächst Odenwaldkreis; nachdem der schon 1972 neu formierte Kreis Erbach den gleichen Namen gewählt hatte, wurde der Kreisname 1974 nach erneuter Kampfabstimmung in Neckar-Odenwald-Kreis abgeändert. Eine knappe Mehrheit votierte für die Region Unterer Neckar.

Hugo Geisert erster Landrat

Am 8. April 1973 fanden dann die ersten Kreistagswahlen in den neu gebildeten Landkreisen statt. Am 7. September 1973 wurde der bisherige Amtsverweser Hugo Geisert mit 37 von 42 abgegebenen Stimmen schließlich als Landrat des neuen Kreises bestätigt.

Das Ergebnis war eine gute Ausgangsbasis für die Integration der beiden Landkreise, denn es mussten noch Ressentiments und Misstrauen abgebaut werden. Neben der Kreisverwaltung mit dem Landrat an der Spitze ist dies vor allem dem Kreistag und seinen Fraktionen zuzurechnen.

Wurden anfangs die ersten Kreishaushalte noch stark danach gesichtet, wie viele der Investitionen im Altkreis Buchen oder Mosbach stattfanden, so stellte sich bald die Normalität ein.

Nach Ablauf der Amtsperiode kandidierte Hugo Geisert 1981 nicht mehr. Mit 24:17 Stimmen bei einer Enthaltung setzte sich der Erste Beigeordnete der Stadt Wertheim Dr. Gerhard Pfreundschuh (CDU) gegenüber dem damaligen Ersten Landesbeamten im Mosbacher Landratsamt Dr. Heydlauf durch. Das Ergebnis entsprach genau den damaligen politischen Kräfteverhältnissen. Dr. Pfreundschuh, der immer wieder in der Kritik stand, wurde 1989 im dritten Wahlgang nur knapp mit 25:22 wiedergewählt.

Bei der Landratswahl 1997 verständigte man sich mit Ausnahme der Grünen parteiübergreifend auf den parteilosen Ersten Landesbeamten im Nachbarkreis Heilbronn, Detlef Piepenburg, der mit 41 von 50 abgegebenen Stimmen gewählt wurde. Mit ihm kehrte im Kreistag wieder Ruhe ein. Bei der Landratswahl 2005 zog er es aber vor, im Nachbarkreis als Landrat anzutreten.

Bei der Neuwahl im Neckar-Odenwald-Kreis setzte sich der Buchener Bürgermeister Dr. Achim Brötel (CDU) fraktionsübergreifend mit Ausnahme der Grünen noch eindrucksvoller mit 41 von 45 Stimmen durch; er wurde 2013 und 2021 noch zweimal als Landrat mit ähnlich hoher Stimmenzahl wiedergewählt.

Stärkung der Landkreise

Seit der Kreisreform 1973 ist die Bedeutung der Landkreise durch zusätzliche Aufgabenübertragungen (zum Beispiel Abfallwirtschaft, Schülerbeförderung und ÖPNV, Unterbringung der Asylbewerber, Eingliederung der Unteren Sonderbehörden) und ihre Investitionen in Schulen, Kreisstraßen, Krankenhäuser oder Abfallwirtschaft gestärkt worden. Sie haben sich in den letzten Jahren besonders in der Flüchtlingskrise und während der Pandemie bewährt.

Eigenes Profil entwickelt

In diesen 50 Jahren hat der Neckar-Odenwald-Kreis viel eigenes Profil entwickelt. Wichtige Impulse gingen in den letzten Jahren vom Landkreis aus; unter Landrat Dr. Brötel wurde er zu einem Impulsgeber für die Kreisentwicklung in vielen Bereichen: So liegt der Kreis in der Liga der Erneuerbaren Energien landesweit an der Spitze, wurde er als erster Landkreis in Baden-Württemberg an die Datenautobahn angeschlossen, hat er den Ausbau des ÖPNV vorangebracht.

Nicht historisch gewachsen

Landkreise sind in der Regel keine historisch gewachsenen Gebilde; sie sind Verwaltungskonstrukte von Regierungen und waren in der Vergangenheit schon vielen Veränderungen ausgesetzt. 1939 entstanden die ehemaligen Landkreise Buchen und Mosbach. 34 Jahre später entstand 1973 der Neckar-Odenwald-Kreis, von daher betrachtet sind 50 Jahre schon mehr.

Ein Gespenst

Aber das „Gespenst“ des Regionalkreises wurde zwischenzeitlich auch schon diskutiert und ist davon abhängig, wer in Stuttgart regiert. Eine Ewigkeitsgarantie gibt es also nicht, so bleibt nur die Hoffnung, dass wir auf längere Zeit von einer neuen Kreisreform verschont bleiben!