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Von London nach Athen: Königheimerin setzt sich für Flüchtlingshilfe ein

Hanna Uihlein wusste, was sie wollte, nachdem sie im September ihr Masterstudium in London erfolgreich beendet hat: Die Theorie mit der Praxis abgleichen. Deshalb arbeitet sie derzeit bei der Organisation „Khora“ in Athen.

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Einmal in der Woche ist die Königheimerin Hanna Uihlein nicht in der Beratung und Begleitung von Flüchtlingen aktiv, sondern schiebt Dienst in der von der Hilfsorganisation „Khora“ betriebenen Suppenküche. © Khora

Königheim/Athen. „Politics of conflict, right and justice“ lautet das Studienfach, das die 24-jährige Königheimerin absolviert hat. Worum es da geht, sind internationale Konflikte, Menschenrechte, politische Machtverhältnisse und -verschiebungen verbunden mit wirtschaftlichen Interessen. Das Spektrum ist groß und vielschichtig. Ihre Masterarbeit hat Hanna Uihlein über die Flüchtlingssituation an den EU-Außengrenzen unter besonderer Berücksichtigung des Gender Mainstreaming verfasst. Damit ist grob gemeint, dass bei allen Entscheidungen die unterschiedlichen Auswirkungen auf Frauen und Männer in den Blick genommen werden sollten.

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Hintergrund: Die lokale Hilfsorganisation „Khora“ in Athen

  • „Khora“ ist ein Verein mit Sitz in der griechischen Hauptstadt Athen, der 2015 im Zuge der großen Flüchtlingsbewegung gegründet wurde.
  • Er betreibt ein Zentrum in drei Gebäuden und zwei Stadtteilen und bietet Dienstleistungen wie Beratung, Essenausgabe, Kleiderladen, Kreativwerkstatt und Tonlabor.
  • Zu den Prinzipien von „Khora“ gehören Solidarität, Autonomie, Gemeinschaft und das Recht von jedermann auf den Zugang zu den grundlegenden Lebensgrundlagen und -bedürfnissen.
  • „Khora“ versteht sich als internationales Kollektiv , das zum Ziel hat, Ungleichheit und Ungleichgewichte zu überwinden und alternative Wege für ein gemeinsames Überleben zu finden.
  • Der Verein ist in unterschiedlichen Arbeitsgruppen organisiert, die ihre Entscheidungen unabhängig voneinander treffen. Große Entscheidungen, die den Gesamtverein betreffen, werden in wöchentlichen Delegiertenversammlungen zunächst diskutiert und dann im Konsens beschlossen.
  • „Wir wollen zeigen, dass es nicht nur möglich ist, ohne Chefs zu arbeiten , sondern dass es besser ist“, heißt es auf der Homepage von „Khora“.
  • Bei „Khora“ gibt es lediglich drei bezahlte Mitarbeiter , davon zwei Übersetzer für Farsi und Arabisch sowie eine administrative Kraft. Alle anderen Dienste übernehmen Ehrenamtliche wie Hanna Uihlein als Volontärin oder Geflüchtete.
  • Offen legt der Verein auf seiner Internetseite auch sein Budget . Zudem existiert eine Richtlinie, von wem Zuwendungen angenommen werden. Gelder, die von Gebern kommen, die die Krise an den Grenzen unmittelbar oder mittelbar verursachen, werden abgelehnt.
  • Für den Kleiderladen (Free-Shop) ist im Internet ebenso eine Bedarfsliste für Sachspenden zu finden wie für die Küchenausstattung oder benötigte Lebensmittel und Gewürze für die Suppenküche.

  • Die Adresse im Internet lautet: www.khora-athens.org

  • Spenden können auf folgendes Konto überwiesen werden: Khora Community Centre, IBAN: GR32 0172 0790 0050 7909 1525 571, SWIFT/BIC: PIRBGRAA.

Nachdem sie viel gelesen, Theorie gepaukt und sich mit den Verlautbarungen von Europarat und Internationalem Flüchtlingskommissariat (UNHCR) auseinandergesetzt hat, wollte sie selbst erfahren, wie es an der EU-Außengrenze aussieht und zugeht. Ihre Wahl fiel auf Griechenland – dem EU-Land neben Italien, in dem die meisten Flüchtlinge anlanden. Die viel beschriebene Situation in den Flüchtlingslagern auf den ägäischen Inseln – der Brand in Moria auf Lesbos – ist vielen Deutschen präsent. Hanna Uihleins Antrieb war es, in einer Organisation vor Ort, Flüchtlingen zu helfen.

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Unabhängigkeit hat überzeugt

„Ich habe online recherchiert, welche Organisationen es gibt und wie sie arbeiten. So bin ich auf ,Khora’ gestoßen – ein Kollektiv, das mehrere Hilfsangebote in Athen bietet und kein Geld von staatlichen Organisationen annimmt. Es finanziert sich ausschließlich aus Spenden und ist unabhängig“, begründet Hanna Uihlein ihre Auswahl.

Ihr gefiel das Grundkonzept, das Flüchtlinge einbindet, wenig administrative Kosten verursacht und Entscheidungen gemeinsam im Team fällt. Als Volontärin arbeitet sie im „Khora asylum support team“ (KAST), einer kleinen, sehr gut vernetzten Einheit, die Flüchtlingen konkrete Hilfe bietet. Einmal pro Woche schiebt sie Dienst in der von „Khora“ betriebenen Suppenküche.

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Die Weihnachtsaktion von Khora im Eleonas Camp in Athen nahmen auch Muslime dankbar an. © Khora

„Wir sind mit Anwälten, Ärzte ohne Grenzen und anderen Organisationen sehr gut vernetzt. Wir haben rund 200 Adressen in unserer Datenbank“, beschreibt Hanna Uihlein den Weg zur schnellen Hilfe. Viele Anfragen von Flüchtlingen laufen über Messenger-Dienste. Die Mitarbeiter beraten bei Fragen zum Asylantrag, begleiten Flüchtlinge auf Ämter und zu Ärzten oder bei der Unterkunftssuche.

„Es gibt superviele Obdachlose unter den Flüchtlingen“, beschreibt die Königheimerin das momentan größte Problem. Das liegt auch daran, dass es über Monate keinerlei finanzielle Unterstützung für die geflüchteten Menschen gab. Bis September erhielt jeder im Rahmen des Bargeldhilfeprogramms des UNHCR eine sogenannte Cash-Card, auf die eine festgelegte Summe gebucht wurde.

Blick in den Laden von Khora, in dem Kleidung nichts kostet. © Khora

Schlimmer als gedacht

Mit dem 15. September endete deren Gültigkeit, weil ab dem 1. Oktober diese Zuständigkeit an das griechische Ministerium für Migration und Asyl überging. Doch erst Anfang 2022 sei angekündigt worden, dass dies wieder geschehen soll. Seit dem 9. Januar werden nun wieder Cash-Cards ausgegeben. „Das ist einfach unmöglich und schlimmer als ich es mir hätte vorstellen können“, kommentiert die junge Frau diesen Zustand.

Die Suppenküche ist deshalb eine beliebte Anlaufstelle und immer gut besucht. 300 bis 400 warme und frisch gekochte Mittagessen werden dort montags, mittwochs und freitags ausgegeben. Donnerstags gibt es nach Anmeldung ein Abendessen für 50 Personen.

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Darüber hinaus gibt es an einem anderen Standort den „Beehive“– übersetzt Bienenstock – einen Ort, der Kreativität fördern soll. Dort werden handwerkliche Kurse angeboten, Materialien, Werkzeuge und Nähmaschinen gestellt. Für Kinder stehen Spielsachen bereit. In wieder einem anderen Gebäude betreibt „Khora“ einen Sozialladen mit Kleidern, Schuhen und Decken, der ein Einkaufserlebnis bieten will. Ziel bei allen Aktivitäten ist es, die Gemeinschaft zu fördern und für ein menschenwürdiges Leben einzutreten.

Hanna Uihlein hat in den gut zwei Monaten, die sie bislang bei „Khora“ tätig ist, schon einiges erlebt. „Manchmal muss ein Europäer neben einem Afrikaner oder einem Afghanen im Krankenhaus sitzen, um das Recht auf eine dringend notwendige Behandlung durchzusetzen“, weiß sie.

Ein Hilfesuchender, der sich an „Khora“ wandte, kam aus dem Kongo. Er konnte sich nicht verständigen, wusste nicht, wo er hin sollte, schlief in Parks. Die Polizei nahm ihn fest und brachte ihn in eine Haftanstalt nach Korinth, weil er keine gültige Aufenthaltserlaubnis oder einen Asylnachweis erbringen konnte. „Er wusste einfach nicht, was er machen sollte“, so Hanna Uihlein. Als er Asyl beantragt hatte, sei er zwar frei gekommen, habe aber wiederum auf der Straße gestanden. „Gerade für alleinstehende Männer ist es ein stetiger Negativkreislauf. Immer wieder werden neue Hürden aufgebaut“, meint die 24-Jährige.

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Spiel mit Menschenleben

Als weiteres Beispiel nennt sie die von jedem geforderte Registrierung nach der Ankunft in Griechenland. Die meisten Flüchtlinge kommen auf einer der vielen Inseln per Boot an. Doch nur auf fünf Inseln und an einer Stelle an der griechisch-türkischen Grenze auf dem Festland sei dies möglich. Wer es einmal nach Athen geschafft habe, wolle aber schon allein aus Angst, dort nicht wieder wegzukommen, nicht zurück auf eine Insel. „Da wird politisch mit Menschenleben gespielt“, lautet Hanna Uihleins Standpunkt.

Legale Zuwanderung als Wunsch

Sie wünscht sich, dass mehr Staaten Flüchtlinge aufnehmen würden. „Griechenland ist überfordert“, sagt sie. Außerdem sollte es einfacher sein, legal zuzuwandern, um eine menschenwürdige Einwanderungspolitik zu praktizieren. Und dann kommt momentan noch eine Erschwernis hinzu. Hanna Uihlein: „Corona hat die Situation für Flüchtlinge noch verschärft.“

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