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Jüdische Kulturtage im Taubertal - Abschluss mit den „Zollhausboys“ aus Bremen

Berührende Bilder, die unter die Haut gehen

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Igersheim. Zum Abschluss der Jüdischen Kulturtage im Taubertal hatte die Gemeinde Igersheim in den Bad Mergentheimer Kursaal eingeladen. Zu Gast war die syrisch-deutsche Gruppe „Die Zollhausboys“ aus Bremen.

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Philipp Fernald, Integrationsmanager der Gemeinde Igersheim, führte in den Abend ein, der einen interkulturellen Schlusspunkt unter 17 Einzelveranstaltungen der „Jüdischen Kulturtage im Taubertal 2021“ setzte. Im Rahmen des Festjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ boten sechs Bildungspartner dank Förderung durch das Bundesinnenministerium eine außergewöhnliche Vielfalt und Qualität bei den Projekten und Veranstaltungen.

Bevor die fünfköpfige Gruppe die Percussions-Instrumente, Gitarre, Schlagzeug, Marimba und Vibraphon zum Klingen brachte, spannte Philipp Fernald den Bogen zwischen jüdischen Mitbürgern, die in der NS-Zeit ihre Heimat verlassen mussten, um ihr Leben zu retten, zu den Zollhausboys mit ihren aktuellen Migrations-Biografien, die sie in einer autobiografischen, berührenden und ja, durchaus auch heiteren Show thematisieren.

Die Zollhausboys stehen für ein respektvolles, tolerantes Miteinander von Kulturen und Religionen. Als klares Statement gegen die Ausgrenzung von Juden und Antisemitismus sowie als Hommage an die jüdische Kultur starteten die Zollhausboys deshalb mit zwei jiddischen Liedern von Georg Kreisler, bevor sie ihre eigenes Programm begannen.

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Gefahr, Ausgrenzung, Flucht, Heimatverlust, Neubeginn, Zurechtkommen in einer fremden Kultur, Sprache, Politik und Religion – alles steckt in den Songs, Poetry und Kabarett aus Aleppo, Bremen und Kobani. Eigentlich sind die Zollhausboys bereits mit ihrem dritten Programm auf Tour, aber Igersheim hat das erste gebucht, weil hier am ehesten die erste Phase des Neustarts, das Verlassen der Heimat und Ankommen in einem neuen Leben thematisiert werden, wie Heimweh und die Sorge um Angehörige im Heimatland den Neustart beschweren, wie Geflüchtete das Fremdeln der Einheimischen ihnen gegenüber und das „typisch Deutsche“ wahrnehmen.

„Das ist Aleppo, da komme ich her – ich floh über Land, ich kam übers Meer.“ Intensive Gefühle brauchen nur wenige Worte. Die fast monotone Tonkargheit gepaart mit einem treibenden Rhythmus und dieser mit allen Sinnen erfassbaren Authentizität machten den Abend zu etwas Besonderem.

„Die schwarze Macht marschiert in Kobani ein. Wir packen ein und wissen nicht, wo wir wieder auspacken werden. Ohne Verabschiedung, hoffnungslos, an einem Tag alles verloren. Auf der Straße schlafen, Kälte fühlen, das macht Kinder zu Erwachsenen. Leider können wir nicht aus der Wahrheit fliehen.“

Pago Balke ist Initiator und Motor der Gruppe. Als Kabarettist und Musiker hatte er eine Gruppe minderjähriger Geflüchteter nach ihrer Ankunft 2016 im Bremer „Zollhaus“ in einem Integrationsprojekt unterstützt. Jetzt stehen Ismaeel Foustok, Shvan Sheikho und Azad Kour gemeinsam mit Musiker Gerhard Stengert und Pago Balke als Team auf der Bühne. Man merkt ihnen an, dass sie auf Augenhöhe miteinander kommunizieren, dass die Live-Show das Ergebnis eines langen gemeinsamen Weges ist. Und man merkt ihnen an, dass dieser Weg für alle eine Riesenbereicherung war und mit Lebensfreude und Hoffnung gepflastert ist.

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Wieviel Humor und Selbstironie die Zollhausboys mitbringen, aber auch wieviel Persönlichkeit und Persönliches in all den Texten, Liedern, Pantomimen steckt! Sie malen ihre Heimat in berührenden musikalischen Bildern, die unter die Haut gehen. „Schön, dass ihr unseren Geschichten zuhören wollt“ freuen sich die Zollhausboys beim Integration-Blues. Den Gesichtern im Publikum ist anzusehen, dass sie sich wirklich freuen und viel mitnehmen – nicht nur die liebevoll gebackenen Schmankerl am interkulturellen Buffet.

„Wenn man nichts voneinander weiß, dann laufen die Gerüchte und Vorurteile heiß.“ Also voneinander lernen: Fischers Fritz und Deutscher Wald, der Blick von Urgermanen auf unser heutiges Leben (das braucht kein Mensch!) und Einbürgerungstest. Unvergleichlich: Gebärdendolmetscher Azad Kour, der mit vollem Körpereinsatz das Potpourri aus Originalzitaten von Parteifunktionären und Programm der AfD übersetzt.

Es war das Teilhabenlassen an der selbst erlebten Geschichte, das diesen Abend zu einem Erlebnis machte. Hier entstand eine Beziehung zwischen Bühnenprotagonisten und Publikum, die auch im großen Respekt und Interesse aneinander bei der anschließenden Diskussion mit dem Publikum greifbar war.

Pago Balke zollt am Ende den jungen Syrern seinen Respekt und der begeisterte Applaus des Publikums unterstreicht seine Worte: „Ihr gerietet in den Strudel schwerer Zeiten – Hey Jungs, ich zieh vor Euch den Hut!“

Die nächsten Jüdischen Kulturtage im Taubertal sind 2023 geplant. Ob und wann die Zollhausboys wiederkommen, stand am Abend noch nicht fest, aber es wäre spannend zu erleben, wie’s mit Shvan, Azad und Ismaeel, die allesamt im Studium stehen, und den Zollhausboys weitergeht.

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