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Der Agrarbereich hat es derzeit nicht einfach

Wie Landwirte den Spagat schaffen

Auch der Hohenstadter Nahrungsmittelproduzent Martin Bauer wehrt sich gegen das Sündenbockimage einer ganzen Branche

Von 
Elisabeth Englert
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Putt, putt, putt – eilig scharen sich die Hühner um Martin Bauer mit seinem Eimer voller Weizen. © Elisabeth Englert

Sie sind in aller Munde, die Erzeugnisse der Landwirtschaft sowie die Landwirtschaft selbst. Doch wie geht es den Bauern im Spagat zwischen Nahrungsmittelproduzent und Sündenbockimage?

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Odenwald-Tauber. „Wir wollen unbelastete Lebensmittel produzieren“, beschreibt Martin Bauer die Motivation, sein Arbeiten an den Naturland-Richtlinien zu orientieren. Seine Familie hat im Obst- und Gemüseanbau auch ohne Zertifizierung nach diesen Richtlinien ihren Hof im Ahorner Gemeindeteil Hohenstadt bewirtschaftet, doch mit Eröffnung des ersten Bio-Marktes um die Jahrtausendwende trat dieser Gedanke stärker in den Vordergrund.

Zweijährige Umstellungszeit

So nahm die Familie die zweijährige Umstellungszeit, das Verwaltungsverfahren, die Kontrollen sowie die Kosten auf sich. Rund 3500 Euro kostet die Mitgliedschaft inklusive Verwendung des Siegels. Ein Schritt, der wohl überlegt sein müsse, denn in der Umstellungsphase habe man keine Produkte in Bioqualität, mithin keine entsprechenden Erlöse. Doch stehe die Familie dahinter und so findet der Verbraucher seit 2013 eine reiche Palette regionaler Bio-Lebensmittel in den Regalen der „Beerenbauer“-Märkte von Möckmühl über Adelsheim, Buchen, Lauda bis hin nach Bad Mergentheim. Letztere verantwortet Bruder Stefan, während Martin für die Produktion die Felder bewirtschaftet.

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Der Landwirt ist der Meinung, dass was hier wachsen könne, hier angebaut werden solle. Kurze Wege vom Erzeuger zum Händler. Doch spiegle sich das Wissen um die Bedeutung unbelasteter Nahrung nicht stetig im Kaufverhalten wider. Nach Lebensmittelskandalen oder während der Zeit des Lockdowns sei ein Anstieg zu verzeichnen gewesen. Seit Beginn des Ukrainekriegs werde oft „als erstes am Nahrungsmittel gespart.“ Das Meinungsbild in Umfragen, für fairen Lohn, Klimaschutz und Tierwohl, mehr zu bezahlen, decke sich häufig nicht mit dem Kaufverhalten.

Überhaupt sei aktuell „Dampf im Kessel“, berichtet der Agraringenieur und nimmt Bezug auf die Proteste gegen die EU-Pläne zum Verbot konventioneller und ökologischer Pflanzenschutzmittel in Schutzgebieten. Rund 50 Prozent der Nutzfläche liegen in solchen Gebieten, besonders Wein-, Gemüse- und Obstanbau. Während Erstere oft Vogelschutzgebiete aufwiesen, fände man Obst und Gemüse in Flussnähe. Dürfe nichts mehr ausgebracht werden, verschwinden diese Kulturen, denn „ohne Kupfer oder Schwefel geht’s nicht.“ Mit Verschwinden der Weinberge, schwinde Lebensgrundlage, Lebensraum, touristische Attraktivität, die langgehegte Kulturlandschaft, sowie das Lebensmittel.

Unter 20 Prozent

Bei Obst und Gemüse liege der Selbstversorgergrad unter 20 Prozent. Der Verbraucher esse aber nicht weniger, beschreibt er die Problematik. „Bolsonaro holzt noch mehr Regenwald ab und wir kaufen Afrika die Nahrungsmittel weg.“

Die Nahrungsmittelknappheit bringt ihn mächtig in Rage. Auf seinen Äckern protestierte er mit der „Grünen 4“ gegen die vierprozentige Flächenstilllegung.

Auf Druck der UN sei das für dieses Jahr vom Tisch, stehe aber wieder an. Jeder Landwirt sei bereit, Sinnvolles für den Naturschutz zu tun. „Aber Stoppelfelder liegen lassen ohne Begrünung, ist weder zielführend für Natur, Biodiversität und Produktion.“

Mit dem Betretungsverbot nach der Ernte setzten sich die „ starken Beikräuter“ wie Quecke oder Ackerwinde durch. Dürfe man wieder auf’s Feld, benötige der Konventionelle mehr Spritzmittel, während der Ökologische „fünfmal über die Flächen fahren“, diese mechanisch bearbeiten müsse, was sich im Spritverbrauch niederschlage.

Sinnvoll wäre das Einsäen von Kleemischungen als CO2-Speicher sowie zum Humusaufbau. Durch Beigabe von Blühpflanzen könne man Gutes für Insekten tun.

Der Familienvater hat noch mehr Beispiele parat, bei denen der Amtsschimmel gar zu laut wiehert. „Wir wollen eine faire, faktenbasierte Behandlung. Nichts anderes!“ Doch werde dies durch EU und Bund verwehrt. Die Politik höre zu wenig auf Landwirte und Wissenschaftler.

Grundsätzlich halte er es für ein erstrebenswertes Ziel, 30 Prozent Ökolandwirtschaft zu etablieren. Die Mittel indessen passen ihm nicht, denn der Staat erschwere der konventionellen Landwirtschaft das Leben. Überdies regle er hiermit nur das Angebot. Die Nachfrage, vermutet der 44-Jährige werde nicht in gleichem Maße gegeben sein, so dass der Verbraucher ausländische, günstige Ware kaufe und „der Biomarkt zusammenbricht.“

Als Hühnerhalter wehrt er sich gegen die Verurteilung der Tierhaltung, denn für Nachhaltigkeit brauche man die Fruchtfolge und in dieser seien Kulturen, die der Mensch nicht verwerten könne. „Tierhaltung ist Abfallverwertung.“ Grünland schaffe durch seine Verwertung einen Wert für Menschen und der Abfall der Tiere sei ein wertvoller Dünger. Obwohl kein Rinderhalter, echauffiert er sich über die „Kuhpupssteuer“, eine Ideologie, weit entfernt von der Wissenschaft.

Wanessa Ernst, Frau über 70 Rinder, hat hierfür nur ein Kopfschütteln übrig. Die im Boxberger Ortsteil Uiffingen lebende zweifache Mutter betont ebenfalls die nachhaltige Kreislaufwirtschaft und enge Verzahnung von Pflanze und Tier. Es sei ein „geschlossenes System“, die Kälber blieben bis zur Geschlechtsreife bei ihren Müttern und entwickelten sich gut durch die lange Säugezeit.

Seit 2016 bewirtschafte sie den Betrieb nach Bioland-Richtlinien. 2018 habe sie in ihrem Heimatort Epplingen einen offenen Tiefstreustall für die Mutterkühe und deren Nachzucht mit Licht, Luft und Auslauf gebaut. Zudem können sie auf die angrenzende Weide.

Ärgerliche Bürokratie

Die Bürokratie ärgert das ehemalige Tanzmariechen, denn „man könnte mehr machen, wenn einem nicht ständig Steine in den Weg gelegt werden würden.“ Mitunter sei der Verzicht auf Zuschüsse verlockend, um die Abhängigkeit über Bord zu werfen. Doch sei dies aufgrund der schlechten Böden keine Alternative. „Es ist traurig, dass man nicht davon leben kann“, bedauert sie, deren Mann Vollzeit arbeitet und sie nach Feierabend unterstützt. Auch Vater und Schwiegervater seien zur Stelle. Ohne Familie gehe bei der vielen Arbeit in der Landwirtschaft gar nichts. Dennoch betont sie: „Ich stehe voll dahinter.“

Diesen Eindruck gewinnt man, wenn sie couragiert mit den Tieren umgeht, Radlader fährt, stets mit Tochter Ella an der Seite – nie genervt wirkend, obwohl seit der Umstellung mehr Handarbeit nötig sei.

Genervt sei sie eher von Verordnungen. Es sei mitunter eine Herausforderung Arbeiten fristgerecht zu erledigen, wenn das Wetter nicht mitspiele. „Wir sind wetterabhängig“, was manchem Entscheidungsträger nicht in letzter Konsequenz bewusst sei.

Die Dürre – die Tiere bekommen bereits Heu – die Kosten für Energie, Diesel oder Pacht schafften eine Komplexität, die es zu meistern gelte. Noch lasse sie sich nicht entmutigen, doch „wer weiß, wie es weitergeht“.

Zielstrebig arbeite sie am Aufbau ihres Hofladens, in dem sie ihr Rindfleisch sowie weitere regionale Produkte vermarktet. Die stressfreie Schlachtung auf der Weide ist ein weiteres Ziel der 29-Jährigen, die in Hohenheim Agrarwissenschaften studierte.

Die nächste bürokratische Hürde. Um landwirtschaftliches Arbeiten praxis- und realitätsnäher zu gestalten, hat sie einen Rat: „Die Entscheidungsträger sollten ein Jahr kommen und mitgehen, dann wäre vielleicht vieles anders.“

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