Historischer Wendepunkt vor 100 Jahren

Von „Badisch Sibirien“ zum „Madonnenland“

Auch Mudaus Ehrenbürger Professor Dr. Peter Paul Albert und Arthur Grimm haben einen Anteil daran

Von 
Hans Slama
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Mudau. Die beiden Ehrenbürger von Mudau, Professor Dr. Peter Paul Albert aus Steinbach und Arthur Grimm aus Mudau, sind bis heute überregional bekannte und geachtete Persönlichkeiten. Neben den Verdiensten für ihre Heimatorte soll auch ihr Engagement gewürdigt werden, um für die herabwürdigenden Begriffe „Hinterland“ und „Badisch Sibirien“ neue zu finden.

Heute sind die Regionsbezeichnungen wie „Badisches Frankenland“ und „Madonnenländchen“ allgemein gängig. Mehrere Volks- und Heimatkundler, Historiker, Forscher, das Bezirksmuseum Buchen, Reisende, Schriftsteller, Dichter und Maler haben neben Albert und Grimm dazu beigetragen.

Ein Selbstbildnis von Arthur Grimm. © Gemeinde Mudau

Peter P. Albert wurde am 21. Januar 1862 in Steinbach geboren und starb am 27. November 1956 in Freiburg. 1952 erhielt er anlässlich seines 90. Geburtstages die Ehrenbürgerwürde in Steinbach. Zuvor wurden ihm schon mehrere Ehrungen in Freiburg und Lörrach zuteil, ebenso der Professorentitel.

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Albert ist der Verfasser mehrerer richtungsweisender Bücher und Schriften, auch des viel gelobten Heimatbuches Steinbach bei Mudau 1899. Erwähnt werden muss auch seine begonnene und über viele Jahre gewachsene Spezialbibliothek für die Heimatbücherei der Stadt Buchen im Bezirksmuseum, dessen Kustos er war. Von 1934 bis zum Einstellen 1936 war er Schriftleiter der Zeitschrift „Der Wartturm“.

Arthur Grimm wurde am 11. Februar 1883 in Mudau geboren und starb dort am 23. Februar 1948. Grimm war Mitbegründer der „Hollerbacher Malerkolonie“. 1932 erhielt er den Badischen Staatspreis und ließ sich nach seiner Trennung und Rückkehr aus Baden-Baden in Buchen und Mudau nieder. Hier baute er sein „Waldhaus“. Grimm erhielt anlässlich seines Einzugs in dieses – heutiges Café Waldfrieden, Arthur Grimm Stube – am 16. März 1934 die Ehrenbürgerwürde von Mudau.

Bekannt wurde Grimm durch seine der Heimat und dem Odenwald zugewandte Malerei. Dadurch ist er, der sich und seiner Malerei treu blieb, auch als „Odenwaldmaler“ bekannt.

„(Badisches) Hinterland“ und „Badisch Sibirien“ sind für unseren Raum bis heute Namen mit negativem Image. Gerade mal 100 Jahre alt ist das neutrale „Badisches Frankenland“ (Badisch Franken) für den 1806 zum neuen Großherzogtum Baden gekommenen größeren Teil des Landes zwischen Neckar und Main.

Eine freundlichere Bezeichnung ist auch das wenige Jahre jüngere „Madonnenländchen“ (Madonnenland). Wir blieben ein desintegrierter Landesteil, eine militärische Exerzierfläche, Reservoir für billige Arbeitskräfte, Dienstmädchen und landwirtschaftliche Produkte.

Auch die Mundart diskriminierte man mit „Gänsch“, „Mäusch“, „Gänschmäuscherland“, „Gänssäckelland“ und auch als „Buchfinkenland“. Zudem empfanden es die hierher abkommandierten Beamten als Strafversetzungen. Ganz verschwinden wird wohl die Abwertung nicht, denn in der FAZ berichtete eine im Odenwald aufgewachsene Redakteurin von der „Odenwaldhölle“.

Die gebildeten Odenwälder, die in der Fremde lebten, wurden ihrer aufklärerischen Aufgabe bewusst, allen voran Peter Paul Albert. Dieser zog schon 1899 in seinem Buch über Steinbach gegen die Diffamierung und seiner angeblich auch geistig zurückgebliebenen Bewohner ins Feld. 1901 verfasste er eine wissenschaftliche Abhandlung über die „Anzahl landläufiger Eistellungen und Verketzerungen“. Alberts Stellungnahmen markieren einen Wendepunkt, und zwar aus der Defensive in die Offensive. Er schickte den Schwarzwälder Heinrich Hansjakob auf eine Reise in den Odenwald. Dieser pries die Schönheit unsere Region über allen Maßen. Auch Theodor Lorentzen war 1905 in seinem Prachtwerk „entzückt“. Dies, nachdem Goethe, Clemens von Brentano und Biedermeier auf ihren Reisen nur die Kargheit der Landschaft erwähnten und die „besonders katholische Welt“. In seinen Beiträgen im Wartturm, mit dem Untertitel „Heimatblätter für das badische Frankenland“, vertritt Albert die neue Definition von Karl Hofmann aus dem Jahre 1920 und auch „Madonnenland“ von Eris Busse im Jahre 1927. Alberts Formulierung vom Odenwälder „Heimatsinn und Heimatseligkeit“ bildete die gedankliche Basis des von ihm begonnenen regionalen Umwertungsprozesses.

Die Malerei eröffnete in diesem Prozess eine neue Perspektive. Der hauptsächliche Beitrag lässt sich im Wesentlichen mit der Künstlergruppe der „Hollerbacher Malerkolonie“ benennen. In den 30er Jahren stand Arthur Grimm als die Gallionsfigur wieder als reale Person und schaffender Künstler im Odenwald zur Verfügung. Im Wartturm nutzte man das. Für Grimm hingegen war es im Gegenzug ein Forum für den Lobpreis der fränkischen Landschaft.

Emil Baader war es auch, der im Wartturm die fränkische Kulturlandschaft pries. Dies auch in Ausstellungen mit Werken fränkischer Maler, darunter neben Albrecht Dürer auch von Arthur Grimm. Baader, der auch 1963 die Arthur Grimm Stube mit Exponaten in Mudau in dessen „Waldhaus“ einrichtete, begrüßte ihn öffentlich bei seiner Rückkehr nach Mudau mit den Worten: „Sein Arbeitsthema lautet wieder: Berg und Tal, Bach und Wolke, Mensch und Scholle des Odenwaldes“. „Ich bin mit ihm durch die Täler des Odenwaldes gefahren. Arthur Grimm hat mir die Schönheit des Odenwaldes und des Frankenlandes neu geoffenbart“. „Freuen wir uns darüber, dass so ein begnadeter Künstler dem Odenwalde entsprossen. Lassen wir uns durch sein Werk hinführen zur Schönheit dieses Waldgebirges“.