Mordprozess von Rot am See - Gutachter bescheinigt dem Angeklagten eine wahnhafte Störung Lange Gespräche im Gefängnis

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Erwin Zoll
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Am dritten Verhandlungstag im Mordprozess von Rot am See wurde ein psychiatrischer Gutachter gehört. © Weber-Schwarz

Rot am See/Ellwangen. Für das Landgericht Ellwangen ist die Aufgabe auch nach dem Vortrag des psychiatrischen Gutachters Dr. Peter Winckler aus Tübingen nicht einfacher geworden. In dem Prozess gegen den 27-jährigen Adrian S. wegen sechsfachen Mordes und zweifachen versuchten Mordes ging es am fünften Verhandlungstag am Mittwoch vor allem um die Frage, ob der Angeklagte wegen einer psychischen Erkrankung schuldunfähig oder vermindert schuldfähig ist.

Keine Aussage wegen Corona

Die Corona-Pandemie wirkt sich auch auf den Mordprozess von Rot am See aus.

Am dritten Verhandlungstag wurde ein Notarzt nicht als Zeuge vernommen, weil er Kontakt zu einem Infizierten gehabt hatte.

Prozessbeteiligte, Medienvertreter und Zuschauer müssen in einer schriftlichen Selbstauskunft unter anderem erklären, ob sie in den letzten 14 Tagen Kontakt zu einer infizierten Person hatten.

Bei allen Personen im Saal wird die Körpertemperatur gemessen. Bis zum Beginn der Sitzung müssen alle Anwesenden Masken tragen. erz

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In sechs Gesprächen von insgesamt 13 Stunden Dauer hatte sich der Psychiater in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim mit dem Angeklagten auseinandergesetzt. Er habe Adrian S. dabei als außerordentlich kooperativ erlebt; dieser habe bereitwillig Angaben gemacht. „Er hat alle Fragen beantwortet in dem Bemühen, seine Sicht der Dinge darzustellen“, sagte Winckler.

„Seine Sicht der Dinge“: Das ist vor allem die Überzeugung, seine Mutter habe ihn jahrelang mit dem synthetischen weiblichen Hormon Ethinylestradiol vergiftet, um seine Männlichkeit zu zerstören. Seine Halbschwester habe davon gewusst. Er habe beschlossen, beide zu töten, bekundete der Angeklagte mehrfach. Tatsächlich hat Adrian S. am 24. Januar nicht nur seine Mutter und seine Halbschwester erschossen, sondern auch seinen Vater, seinen Halbbruder, einen Onkel und eine Tante. Seit seinem 23. Lebensjahr sei das Ziel, Mutter und Halbschwester zu töten, sein zentraler Lebensinhalt gewesen, habe der Angeklagte erklärt und dabei keine moralischen Bedenken geäußert, berichtete der Psychiater. Ihm hatte Adrian S. auch erzählt, dass er viel Zeit am Computer mit Spielen wie „World of Warcraft“ und „World of Tanks“ verbracht habe.

In der Untersuchungshaft habe er sich in der Gefängnisbücherei psychologische Fachbücher besorgt, sich mit dem Thema Schizophrenie beschäftigt und bei sich Parallelen zu dieser psychischen Krankheit erkannt. Peter Winckler dagegen ist davon überzeugt, dass Adrian S. nicht an einer Schizophrenie leidet. „Sicher ausgeschlossen“ könne zudem werden, dass Adrian S. seinen psychischen Zustand nur vortäuscht. Der Psychiater kommt vielmehr zu dem Ergebnis, dass bei dem Angeklagten eine „anhaltende wahnhafte Störung“ vorliegt, die mit einer „schizoiden Persönlichkeitsstörung“ verbunden sei, die sich „aufgelagert“ habe.

Nicht schuldunfähig

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Trotz dieser Störungen sei jedoch eine völlige Aufhebung der Steuerungsfähigkeit nicht gegeben, wie sie für eine Schuldunfähigkeit Voraussetzung sei, betonte Winckler. Wegen des „inneren Drangs zur Tatausführung“, den Adrian S. gezeigt habe, sei eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit gegeben – allerdings mit Sicherheit nur bei den Morden an Mutter und Halbschwester, eingeschränkt auch beim Mord am Vater, nicht jedoch bei den anderen Opfern. Bei diesen gebe es keinen direkten Zusammenhang mit dem Wahn. Für das Gericht ist nun in der Frage einer verminderten Schuldfähigkeit entscheidend, ob es in den sechs Morden eine einheitliche Tat oder mehrere Taten sieht.

Und noch etwas hat der Gutachter dem Gericht zu bedenken gegeben: Wahnhafte Störungen könnten auf andere Personen „überspringen“. Andere Menschen als Mutter oder Halbschwester könnten also zu Zielpersonen werden. Die Voraussetzungen für eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus seien deshalb gegeben.

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