Mordprozess von Rot am See - Überlebende und Hinterbliebene sehen als Nebenkläger keine verminderte Schuldfähigkeit beim Täter Gefangen im Wahn – und habgierig?

Von 
Erwin Zoll
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Der Sechsfach-Mörder Adrian S. in Fußfesseln am letzten Verhandlungstag. Überlebende der Tat und Hinterbliebene waren enttäuscht über das aus ihrer Sicht zu milde Urteil der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Ellwangen. © dpa

Enttäuschte Gesichter gab es bei Überlebenden und Hinterbliebenen angesichts des aus ihrer Sicht zu milden Urteils im Sechsfachmord-Prozess von Rot am See.

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Ellwangen/Rot am See. Bei seinem Urteil über den Sechsfachmörder von Rot am See stützt sich das Landgericht Ellwangen auf das Gutachten des Psychiaters Dr. Peter Winkler und stuft Adrian S. als vermindert schuldfähig ein (wir berichteten).

Die Enttäuschung in den Gesichtern von Überlebenden und Hinterbliebenen ist nicht zu übersehen. Sie hatten gehofft, die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Ellwangen würde dem Antrag des Staatsanwalts folgen und Adrian zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilen. Das Ellwanger Gericht hat sich unter dem Vorsitz von Gerhard Ilg anders entschieden. Wegen sechsfachen Mordes und zweifachen versuchten Mordes – jeweils in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung – haben die Richter den 27-jährigen Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren verurteilt. Gleichzeitig haben sie beschlossen, ihn in einem psychiatrischen Krankenhaus unterzubringen, also in der oft so bezeichneten geschlossenen Psychiatrie.

Nach Auffassung des Gerichts leidet Adrian S. an einer anhaltenden wahnhaften Störung und an einer schweren schizoiden Persönlichkeitsstörung, wie es der Psychiater Dr. Peter Winkler diagnostiziert hatte. Der Angeklagte sei gefangen gewesen in der Wahnvorstellung, seine Mutter habe ihn vergiftet, seine Halbschwester habe dies gewusst und sein Vater sei als „höriger Hund“ mitschuldig.

„Zustand der Raserei“

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Dass diese drei Menschen die Objekte des Wahns waren, machte der Vorsitzende Gerhard Ilg mit einem Zitat aus einer schriftlichen Erklärung des Angeklagten deutlich, die die Polizei in seinem Zimmer gefunden hat: Er habe die Vergiftungen verdrängt, weil er „ansonsten nicht lange genug überlebt hätte, um dieses Monster und seine Brut und seine Sklaven zu Hölle zu schicken“. Dies sei auf Mutter, Halbschwester und Vater bezogen gewesen, sagte Ilg. Anders als Erster Staatsanwalt Carsten Horn geht das Gericht davon aus, das Adrian S. bei allen sechs Morden vermindert schuldfähig war und nicht nur bei den Schüssen auf Mutter, Vater und Halbschwester. Vom ersten Schuss auf seinen ahnungslosen Vater im zweiten Obergeschoss des „Deutschen Kaisers“ bis zum letzten Schuss auf seine Mutter in der Küche des Gasthauses habe sich der Angeklagte in einem „Zustand der Raserei“ befunden, in dem er nicht in der Lage gewesen sei, auch nur einen einzigen vernünftigen Gedanken zu fassen.

Wegen der verminderten Schuldfähigkeit hat das Gericht die für Mord vorgesehene Strafe einer lebenslänglichen Haft verringert. 15 Jahre Haft sind die längste Freiheitsstrafe, die dabei möglich ist. Vom Grundsatz her ist das Gericht der Argumentation der Verteidigung gefolgt. Der Haller Rechtsanwalt Andreas Kugel hatte ebenfalls die verminderte Schuldfähigkeit bei allen Morden und versuchten Morden angenommen, allerdings außer der Unterbringung in der Psychiatrie nur 13 Jahre Haft beantragt.

„Es tut mir leid“

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Die vier Vertreter der Nebenkläger, zu denen unter anderem die Überlebenden gehören, lehnten es durch die Bank ab, Adrian S. eine verminderte Schuldfähigkeit zuzubilligen. Sie warfen dem Angeklagten vor, er habe nicht nur heimtückisch getötet, sondern auch aus Habgier, um seinen Erbteil zu vergrößern. Die Nebenklägervertreter beantragten eine lebenslängliche Freiheitsstrafe, die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und nach der Haft Sicherungsverwahrung. In seinem letzten Wort hat der Angeklagte bei den Überlebenden und den Hinterbliebenen um Entschuldigung gebeten. „Es tut mir leid, ich bereue es und wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen“; sagte er.

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Wenn das Urteil rechtskräftig wird, wird Adrian S. in der geschlossenen Abteilung eines psychiatrischen Krankenhauses untergebracht, in der ihm eine Therapie angeboten wird. Mit jedem Tag in der Psychiatrie verbüßt er zugleich einen Tag seiner Freiheitsstrafe; er wird aber auch nach 15 Jahren erst dann entlassen, wenn er keine Gefahr für die Allgemeinheit mehr darstellt, wenn also keine Straftaten mehr zu erwarten sind.

Über die Entlassung entscheidet ein Gericht.

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