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 Netzwerktreffen - Akteure der Region Heilbronn-Franken tauschten sich über das Thema Photovoltaik-Freiflächenanlagen aus Willkürliche Vorgaben der Politik kritisiert

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Heike von Brandenstein
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Familie Kümmerer setzt nicht nur auf ihren Dachflächen auf Photovoltaik, sondern hat auch in eine Freiflächenanlage investiert. © Gerhard Kümmerer

Die Öffentlichkeit ist sensibilisiert, die Kids von „Fridays for Future“demonstrieren für den Klimaschutz. Auch in die Diskussion um Freiflächen-Photovoltaikanlagen ist Bewegung gekommen.

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Main-Tauber-Kreis. Das vierte Photovoltaik-Netzwerktreffen der Region Heilbronn-Franken stand ganz im Zeichen der Freiflächenanlagen. Die Referenten aus Landwirtschaft, Naturschutz, Projektplanern und Netzwerkknüpfern legten ihre Sichtweise aus ihren jeweiligen Blickwinkeln dar.

Landrat Reinhard Frank rief in seiner Begrüßung alle dazu auf, ihren Beitrag zum Klimaschutz und zur CO2-Vermeidung zu leisten. Deutschland allein könne zwar nicht die Welt retten, aber das Verhältnis von Weltbevölkerung zum CO2-Ausstoß, das derzeit bei eins zu zwei liege, verringern. Der Main-Tauber-Kreis stelle nicht nur geografisch die Spitze des Landes, sondern auch bei den erneuerbaren Energien die Spitze der Bewegung dar. 70 Prozent der Gesamtstrommenge, die im Landkreis benötigt werde, komme bereits aus regenerativen Energien. „Wenn jeder mitmacht, werden wir im Jahr 2025 bei 100 Prozent sein“, so der Landrat.

Flächen an Autobahn nutzen

Er ermunterte dazu, noch mehr Dachflächen mit Photovoltaik-Anlagen zu belegen, auf Eigenverbrauch und Speicherung zu setzen sowie Freiflächen, wie die an der A 81, für Solarpakete zu aktivieren.

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Thomas Uhland vom Solar Cluster Baden-Württemberg wartete mit Zahlen auf. So vermindere jede eingesparte Kilowattstunde 627 Gramm CO2. Bei einer kleinen Photovoltaik-anlage kämen zehn Tonnen zusammen, was der CO2-Aufnahme von 800 ausgewachsenen Bäumen entspräche. Bei einer großen Freiflächenanlage komme man bis auf 6300 Tonnen CO2 oder die Speicherkapazität von 500 000 Bäumen.

Mehr und größere Anlagen

„Die Freifläche ist die günstigste Stromerzeugungsform in Baden-Württemberg und ganz Deutschland“, so Uhland. „Je größer die Anlage, desto günstiger der Strom“, schob er nach und warb für mehr und größere Anlagen, die derzeit auf Konversionsflächen, Deponien, an Autobahnen und Schienenwegen sowie in benachteiligten Gebieten mit schlechten Böden gebaut werden dürften. Die Kilowattstunde liege bei einer großen Freifläche bei unter sechs Cent, informierte Uhland.

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Dass Baden-Württemberg nicht gerade das schnellste Bundesland bei der Realisierung von Freiflächen-Photovoltaikanlagen sei, unterstrich auch Hans-Georg Pfisterer, Projektierer bei der Gesellschaft Sol Net, die die Photovoltaikkraftwerke für Stadtwerke entwickelt. „Man muss in Baden-Württemberg 20 Projekte anpassen, um eines umzusetzen“, beschrieb Pfisterer seine Arbeit. Er zeigte den Weg von der Standortauswahl bis zur Umsetzung eines Projekts mit vielen kleinen Schritten und Pferdefüßen auf. „Wenn eine Gemeinde keine Freifläche will, ist ein Projekt nicht realisierbar“, beschrieb er die Planungshoheit auf kommunaler Ebene, wie er sie am Beispiel Creglingen erlebt habe.

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Pfisterer plädierte letztlich für mehr größere Flächen von mindestens 25 bis zu 50, 60 oder gar 100 Hektar. Die derzeit geltende Größenbeschränkung von zehn Megawatt sei schlicht zu weit unten angesetzt.

Bewegung in der Debatte

Dass durch die „Fridays for Future“-Proteste Bewegung in die Debatte gekommen sei und der Druck der Öffentlichkeit auf die Politik beim Thema Klimaschutz zunehme, sei klar festzustellen, merkte Pfisterer an. Auch Thomas Uhland stimmte zu: „Es tut sich was.“

Eine etwas andere Sicht der Dinge vertrat Gerhard Kümmerer, Landwirt aus Dunzendorf bei Niederstetten. Bei seinem Praxisbeispiel zum Thema Photovoltaik und Landwirtschaft plädierte er klar für kleinere Anlagen, finanziert und in der Hand von Landwirten. „Mir sind zehn Bauern mit drei Hektar lieber als eine große von Investoren finanzierte Anlage“, so Kümmerer.

„Photovoltaik in Bauernhand ist sehr gut dazu geeignet, den landwirtschaftlichen Strukturwandel zu bremsen, da Photovoltaik durch stabile Erträge ein sicheres und stabiles Standbein ist, und Einnahmeschwankungen in der Landwirtschaft ausgleicht“, führte er an. Auch er baue Silomais für Biogas, Zuckerrüben zur Ethanolgewinnung sowie Raps zur Herstellung von Biodiesel an. Da er auf einem Hektar Freiflächenphotovoltaik einen deutlich höheren Energieertrag erwirtschafte, habe er dieses Projekt umgesetzt. Damit gleiche er den Wettbewerbsnachteil gegenüber Gegenden mit deutlich besseren Böden in Nord- oder Ostdeutschland aus und habe so für ein zusätzliches Standbein gesorgt. Zudem schafft er die Voraussetzung, dass der landwirtschaftliche Betrieb auch eine gute Basis für die nächste Generation bildet. Gerhard Kümmerer will die Landwirtschaft in die Zukunft führen und setzt deshalb auf nachhaltiges Wirtschaften.

Naturverträglichkeit

Letztlich war es Franziska Janke vom Bund Baden-Württemberg, die beim Dialogforum Erneuerbare Energien und Naturschutz arbeitet. Sie sprach Photovoltaik-Freiflächenanlagen gute Chancen für eine Naturverträglichkeit zu. Voraussetzung sei jedoch immer eine detaillierte Prüfung des jeweiligen Standorts. „Jede technische Anlage ist ein Eingriff in die Natur“, so Janke. Dass hierfür Ausgleichsmaßnahmen greifen müssen, sei vorgeschrieben, doch seien Bemühungen über die Mindestanforderungen hinaus wünschenswert.

Als Beispiele nannte Franziska Janke eine naturnahe Bepflanzung, die Unterteilung großer Freiflächenanlagen in Parzellen, um Wildwechsel zu ermöglichen oder den Bodenabstand vom Zaun zu erhöhen, um für Kleintiere einen barrierefreien Durchgang zu ermöglichen. „Man kann eine erstaunliche Artenvielfalt erreichen“, meinte sie mit Blick auf das ungedüngte und ungespritzte Land unter den Modulen. Gerade vor dem Hintergrund des Klimaschutzes hätten die Naturschutzverbände ihre früher eher kritische Einstellung zu Photovoltaik-Freiflächen geändert.

Schnelleres Handeln gefordert

Kritik gab es an den als willkürlich bezeichneten Größenbeschränkungen für förderfähige Photovoltaikanlagen durch die Politik. In der Diskussion wurden zudem Widerstände vom Bauernverband und von Kommunen genannt, weshalb ein schnelleres Handeln, eine Änderung von Gesetzen und offenere Ohren für Realisierung von Freiflächenanlagen auf allen Ebenen gewünscht wurde.

Redaktion Zuständig für die Kreisberichterstattung Main-Tauber