Wirtschaft - Horst Müller verkaufte das traditionsreiche Kreuzwertheimer Familienunternehmen / Betrieb soll weitergehen Investor erwirbt Kreuzwertheimer Spessart-Brauerei

Die Spessart Brauerei hat einen neuen Eigentümer. Horst Müller, seit fast 60 Jahren Geschäftsführer, verkaufte das traditionsreiche Unternehmen unter der Bedingung, dass der Betrieb weitergeht.

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Gerd Weimer
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Die Spessart-Brauerei ist in den Händen eines neuen Eigentümers. Der Betrieb soll fortgeführt werden. © Gerd Weimer

Kreuzwertheim. Die traditionsreiche Kreuzwertheimer Spessart Brauerei hat seit Anfang des Jahres einen neuen Eigentümer. Horst Müller veräußerte den Familienbetrieb zum Jahreswechsel an das Unternehmen VBW Asset Trade Weihenstephan. Dessen Geschäftsführer Norbert Zierer bestimmt künftig die Strategie der Brauerei.

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Keine Nachfolger

Hintergrund: Die Spessart-Brauerei

Die Geschichte der Spessart Brauerei in Kreuzwertheim, früher Brauerei Lutz, reicht ins Jahr 1884 zurück.

Damals kaufte Johann Leonhard Lutz, der Urgroßvater von Horst Müller, die 1809 von Georg Michael Junker erworbene, seit 1741 existierende Gastwirtschaft „Zum Goldenen Löwen“.

Junker hatte bis 1830 dort auch Bier gebraut, und Johann Leonhard Lutz begann im Jahr 1887 damit.

Philipp Lutz, Sohn von Johann Leonhard Lutz, übernahm im Jahr 1900 die Geschäftsleitung.

Als man einen Generator zur Stromerzeugung beschafft hatte, wurde ab 1913 fast 60 Jahre Kreuzwertheim mit Strom versorgt.

Die Brauerei hat die Marktgemeinde auch Jahrzehnte mit Wasser aus dem eigenen Brunnen versorgt.

1939 stiegen dann Käte Müller, Tochter von Philipp Lutz, und ihr Mann Adolf Müller als Teilhaber in die Firma ein.

Zum Schicksalsjahr für die Familie Lutz geriet 1949, als zunächst Käte Lutz, dann Adolf Müller und schließlich auch Philipp Lutz starben. Es war dann vor allem Horst Müllers Mutter Käte, die mit dem Betriebsleiter Willi Fischer die Existenz der Brauerei sicherte.

1962 stieg Horst Müller in den Familienbetrieb ein.

In den 1970er Jahren führte Müller den Specht als Markenzeichen ein. Die Umfirmierung in Spessart Brauerei erfolgte 1975.

Im Gespräch mit den Fränkischen Nachrichten begründete Horst Müller den Verkauf damit, dass keines seiner vier Kinder Interesse an der Nachfolge gehabt habe. Er sei 85 Jahre alt und mittlerweile schon fast 60 Jahre Geschäftsführer.

Die aktuelle Pandemie-Entwicklung sei nicht der Anlass für den Verkauf. Die Brauerei ist besonders hart von der Krise getroffen worden, denn sie füllt rund 70 Prozent ihres Ausstoßes in Fässer ab.

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Kunden sind vor allem Gaststätten aus der Umgebung. Natürlich findet der Gerstensaft aus Kreuzwertheim auch Absatz auf diversen Festen der Region – besonders beim Quätschichfest in unmittelbarer Nähe des markanten Brauereigebäudes am Mainufer.

Geschäft eingebrochen

Dieses Geschäft sei nahezu komplett eingebrochen, erläutert Müller. Für die 15 Mitarbeiter habe er Kurzarbeit in unterschiedlichem Ausmaß anmelden müssen. Müller bestätigt, dass er mit verschiedenen Interessenten verhandelt habe. Eine Bedingung sei gewesen, dass der Betrieb nicht ausgeschlachtet, sondern weitergeführt wird. Dies sei zwar nicht notariell festgehalten worden, doch er ist sich sicher, mit Norbert Zierer einen Fachmann gefunden zu haben, der die Brauerei in eine gute Zukunft führen könne.

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Zierers Unternehmen VBW Asset Trade kommt aus dem Umfeld des Weihenstephaner Bergs, einem Uni-Campus der Technischen Universität (TU) München in Freising (Oberbayern). Hier hat Horst Müller einst seinen Doktortitel erworben. „Fokus unserer Firma lag schon immer in der Beratung von Brauereien, Getränkeindustrie- und Lebensmittelindustriebetrieben“, heißt es auf der Internet-Seite der Firma. Man habe sich auf die Lieferung von technischen Systemen, maschinellen Anlagen oder Industriewaren spezialisiert.

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Das Portfolio des Unternehmens umfasste bisher keine Brauerei. Allerdings arbeitete Norbert Zierer schon als Brauer in Weihenstephan und während eines Auslandsemesters in Kalifornien. Zudem studierte er an der TU Lebensmittelverfahrenstechnik und schloss als Diplom-Ingenieur ab. Zierer ist auch in verschiedenen Verbänden der Branche aktiv.

Große Herausforderungen

Norbert Zierer selbst war am Dienstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Branchenkenner berichten, dass das oberbayerische Unternehmen sehr professionell arbeitet: „Wenn die was machen, dann richtig“, hieß es.

Allerdings steht der Biermarkt vor großen Herausforderungen. „Die Corona-Pandemie hat in der deutschen Brauwirtschaft zu massiven Einbußen geführt“, hieß es am Montag in einer Presseerklärung des Deutschen Brauerbundes. Demnach wurden 2020 insgesamt 8,7 Milliarden Liter Bier abgesetzt. „Im Vergleich zum Vorjahr war dies ein Rekordabsatzminus von 5,5 Prozent. Die Situation der Brauwirtschaft ist dramatisch und in der Nachkriegszeit ohne Beispiel“, erklärte Hauptgeschäftsführer Holger Eichele in Berlin.

Doch das Marktumfeld war schon vor der Pandemie schwierig. „Der Bierabsatz in Deutschland geht seit Jahren kontinuierlich zurück. Seit 1993 hat sich die Menge insgesamt um 2,5 Milliarden Liter oder 22,3 Prozent verringert“, so der Verband. Habe der Pro-Kopf-Konsum in Deutschland vor 20 Jahren noch bei 146 Litern gelegen, sank er 2020 auf rund 87 Liter, beklagen die Brauer. Nicht eingerechnet seien allerdings alkoholfreie Biere, die in Deutschland mittlerweile einen Marktanteil von sieben Prozent erreichten, schränkt der Brauerbund ein.

Chancen

Möglicherweise liegt hier eine Chance für die kleine Brauerei auf der unterfränkischen Seite des Mains. Vorstellbar wäre auch, dass Norbert Zierer Erfolg in der Nische sucht: Das sogenannte „Craft-Bier“ (Handwerksbier) erlebte einen Aufschwung, der zuletzt aber auch wieder etwas abflaute.

Man darf darauf gespannt sein, wie es in Kreuzwertheim weitergeht. Man wolle die Öffentlichkeit zu gegebener Zeit darüber informieren, hieß es.

Redaktion Teamleiter Redaktion Wertheim