FN-Interview - Gespräch mit der Autorin Anne Grießer über das Schreiben, fehlenden Kontakt zum Publikum und die Corona-Pandemie „Es ist einiges aus der Feder geflossen“

Von 
Ralf Marker
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Anne Grießer hat im Gespräch mit den FN auch über das Schreiben von Jerry Cotton-Romanen berichtet. © Grießer

Viel Zeit zum Schreiben hat in den Zeiten der Corona-Pandemie Anne Grießer – gezwungenermaßen. Was zu kurz kommt, sind Auftritte vor Publikum. Was sie überaus bedauert.

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Walldürn/Freiburg. Die FN haben sich mit Anne Grießer unterhalten, über das Schreiben, fehlende Sozialkontakte und die Coronapandemie. Anne Grießer wurde in Walldürn geboren, studierte Bibliothekswesen (Dipl.) Ethnologie, Volkskunde und Germanistik (M.A.) in Stuttgart, Freiburg und Köln. Sie lebt und arbeitet in Freiburg.

Frau Grießer, ihre Arbeit besteht aus dem Schreiben und den Lesungen. Das Lesen vor Publikum ist seit Monaten unmöglich. Wie sehr fehlt Ihnen der Kontakt mit dem Publikum?

Anne Grießer: Ganz extrem! Die Arbeit am Schreibtisch ist ja ein einsames Vergnügen – umso wichtiger ist der Austausch mit den Lesern. Schließlich will man auch wissen, wie die Geschichten ankommen. Da Lesungen von der Interaktion mit den Zuhörern leben, können auch Online-Vorträge sie nicht wirklich ersetzen. Im vergangenen September hatte ich eine kleine Lesung im Freien – das war das Highlight des Monats!

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Dafür könnte man sagen, Sie haben mehr Zeit zum Schreiben. Was haben Sie in der Corona-Zeit alles zu Papier gebracht?

Anne Grießer: Ja, da ist tatsächlich einiges aus der Feder geflossen. Sachbücher und Kriminelles. 2021 wird es also einige Veröffentlichungen geben. Im Herbst erscheint mein Buch „Glücksorte im Südschwarzwald“ im Droste Verlag. Darin stelle ich 80 besondere Ausflugsziele in meiner Wahlheimat vor. Die Recherche dafür hat mir letztes Jahr den ausgefallenen Jahresurlaub ersetzt. Schon im Mai kommt „Zeitreise Freiburg“ im Silberburg-Verlag heraus, ein unterhaltsames Geschichtsbuch, das ich mit meiner Kollegin Ute Wehrle verfasst habe. Dann sind natürlich auch etliche Kurzgeschichten, Heftromane und Wanderkrimis entstanden. Und: Ein neuer Roman! Gemeinsam mit meinen Lieblingsautorinnen Gina Greifenstein und Barbara Saladin habe ich eine sehr abgedrehte Krimikomödie geschrieben, die unter dem (Arbeits-) Titel „6 Fremde und ein Dackel“ noch dieses Jahr bei Piper erscheint.

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Ernährt das Schreiben alleine eine Kulturschaffende?

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Anne Grießer: Tja, eine Handvoll Glückliche mag es geben, bei denen das funktioniert! Aber den meisten geht es wie mir: Veranstaltungen machen den Großteil der Einkünfte aus. Das sind ja nicht nur „klassische“ Lesungen, sondern auch andere Formate. In meinem Fall: Krimiwanderungen, Tatort-Spaziergänge, ein „krimineller Braukurs“, Theater und vieles mehr.

Gibt es ein staatliches Programm, das Sie unterstützt?

Anne Grießer: In Baden-Württemberg hatten wir immerhin das Glück, dass im Rahmen der Soforthilfe im Frühjahr 2020 auch Lebensunterhaltszuschüsse für Solo-Selbstständige ohne Betriebskosten ausbezahlt wurden. Das ist jetzt jedoch schon lange her und seither bin ich durch alle weiteren Hilfsprogramme gerutscht. Die meisten berücksichtigen leider nicht die besondere Situation von Kulturschaffenden. Zahlungen werden vom Verdienst im Vergleichszeitraum des Vorjahres abhängig gemacht. Aber bei uns Autoren kommen manchmal monatelang kaum Einkünfte und in anderen Monaten dann recht viel. Da müsste man also den Jahresdurchschnitt zugrunde legen. Außerdem wird nicht gesehen, dass der Lockdown im Kulturbereich nicht nur jeweils ein paar Wochen dauert, sondern nun schon fast ein ganzes Jahr. Auch während der Lockerungen im Sommer waren ja kaum Veranstaltungen möglich. Und auch für das laufende Jahr bleiben die Buchungen aus – keiner will sich festlegen, solange die Situation so unklar ist. Am Ende werden vermutlich fast zwei Jahre vergehen, bis das Geschäft wieder anläuft. Das werden viele Künstler nicht überstehen.

Sie schreiben auch Jerry Cotton-Romane. Wie kam es dazu?

Anne Grießer: Vor drei Jahren hatte ich große Lust, einmal etwas ganz Neues auszuprobieren. Normalerweise geht es in meinen Geschichten eher unblutig und psychologisch zu. Die Welt des FBI und des organisierten Verbrechens waren mir bis dato fremd, aber ich wollte unbedingt wissen, ob mir dieses Genre liegt. Also habe ich mich bei der Cotton-Redaktion mit einem Exposé und einer Leseprobe beworben – und wurde tatsächlich angenommen. Es hat mir großen Spaß gemacht, in diese fremde Welt hineinzuschnuppern und Sätze zu schreiben wie: „Ich pflanzte meine harte Rechte auf sein Nasenbein und hörte, wie es brach...“ Seither schiebe ich immer mal wieder, wenn die Zeit es erlaubt, einen Cotton-Band ein.

Sie haben ja ein Faible für Kriminalromane. Ist ein Cotton-Roman da etwas Besonderes. Oder ist Krimi Krimi und nur der Held ist ein anderer?

Anne Grießer: Cotton-Romane haben ein Rahmenkonzept und eine vorgegebene Hauptfigur. Auch das Setting (FBI, New York) und der Umfang stehen von vornherein fest. Insofern unterscheidet sich das Schreiben eines solchen Heftromans schon deutlich von der Arbeit an einem Buch mit selbst gewähltem Thema. Die Recherche ist bei Cotton auch nicht zu unterschätzen. Obwohl ich noch niemals in New York war, kenne ich dort inzwischen viele Straßenzüge und Gebäude. Google Earth und Streetview machen es möglich! Innerhalb der genannten Grenzen habe ich aber alle Möglichkeiten und kann die Handlung frei gestalten. Und mein persönlicher Anspruch ist bei Cotton und anderen Romanen genau der gleiche: Ich will eine gute, spannende und unterhaltsame Geschichte erzählen!

Was ist ihrer Meinung nach so faszinierend an der Figur des Jerry Cotton, dass die Krimi-Serie über Jahrzehnte gelesen wird? Übrigens: Ich habe früher die Abenteuer der FBI-Agenten Jerry und Phil auch oft und gerne gelesen.

Anne Grießer: Jerry Cotton und Phil Decker sind ein bisschen wie Winnetou und Old Shatterhand. Sie verkörpern das Gute, Edle und Unbezwingbare. Davon liest man in einer unvollkommenen Welt immer wieder gerne. Und da die beiden Helden auf eigentümliche Weise niemals altern, sind sie immer genau so modern wie die Zeit, in der sie agieren. Die Prise Humor, die in den Romanen nicht fehlen darf, trägt sicher auch zum Erfolg bei.

Themenwechsel: Wie emotional belastend empfinden Sie die Zeit der Corona-Krise?

Anne Grießer: Die Pandemie ist etwas ganz Neues und Verstörendes für uns alle – ich schätze, das geht an niemandem spurlos vorüber. Ich selbst bin froh, dass ich in diesen Zeiten Familie und gute Freunde habe – auch wenn ich die meisten davon jetzt nur telefonisch oder digital treffen kann. Auch habe ich das Glück, dass in meinem engeren Bekanntenkreis bislang niemand schwer an Covid 19 erkrankt oder gar verstorben ist.

Was mich insgesamt noch mehr belastet als das Virus selbst, sind die Auswirkungen der Krise auf große Teile der Gesellschaft. Der Zulauf zu rechtspopulistischen Gruppierungen etwa, die mangelnde Rücksichtnahme, wilde Verschwörungsideen, das Beharren auf dem eigenen Standpunkt, verbunden mit dem Leugnen von beweisbaren Wahrheiten – all das sind Begleiterscheinungen der Krise, die mich beunruhigen. Anfangs sah es einmal so aus, als würde die Pandemie uns einander emotional näherbringen, inzwischen ist eher das Gegenteil der Fall. Benachteiligte (Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien, Geringverdiener, kranke und alte Menschen) werden noch stärker benachteiligt, während wohlhabende und gut etablierte Menschen oft vergleichsweise geringe Einschränkungen hinnehmen müssen. Das alles finde ich schon ziemlich beängstigend – zumal die langfristigen Folgen noch gar nicht absehbar sind.

Wenn Sie einen Wunsch für 2021 frei hätten, was wäre das?

Anne Grießer: Ein weltweit einsetzbares Wundermedikament gegen das Virus und die Verfilmung meines Romans „Fluch des Blutaltars“. Hoppla, das waren jetzt schon zwei Wünsche. . .

Redaktion Stellvertretender Redaktionsleiter Buchen, zuständig für Walldürn.