Niederstettener „Tempele“ - Felsformation mit Treppen, Grotten und Nischen / Entstehung und frühere Funktion liegen im Dunkeln Märchen-Spielplatz voller Geheimnisse

Das Geheimnis des Niederstettener „Tempele“ wird sich wohl nie lüften lassen. Aber vielleicht ist es gerade deshalb ein beliebtes Ziel für Spaziergänger – und Spielort fürs Freilichttheater.

Von 
Michael Weber-Schwarz
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Idealplan von Schloss und Schlossgarten. Mitte links mögliche Gestaltungsentwürfe des „Tempele“, darunter ein Schalmei spielender Hirte. Ein bukolisches Idyll sollte entstehen. © Heimatbuch
Nahe des „Turnplatzes“ am Vorbach, so schreibt 1930 Stadtrat Max Stern, erwartet den Fremden eine „angenehme Überraschung. Eine kühle Felsenhöhle tut sich auf, darinnen ein klarer Quell sprudelt. Im Schatten alter Bäume verfolgen wir diesen Weg weiter. An seinem Ende finden wir eine imposante Felsgruppe, das ’Tempele’, eine saalartige Fläche, von hohen Felsen umgeben, in welche auf beiden Seiten Treppen gehauen sind. Diese sollen bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts zu einem Gesellschaftspavillon der Herrschaft geführt haben und daher soll der Name der Felsengruppe stammen.“

Niederstetten. „Soll“ – mit Bedacht schreibt dies Max Stern, Vater von Bruno Stern, der Bücher mit Jugenderinnerungen an seine Heimatstadt sowie über sein Schicksal als jüdischer Emigrant verfasst hat. Soll, das bedeutet, dass man schon zu seiner Zeit vieles nur vom Hörensagen wusste. Und erzählte Geschichte, die hat Unschärfen. Nicht nur das Erzählte übrigens, sondern auch das Abgebildete.

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Aus dem Jahr 1808, also grob einhundert Jahre vor Stern, stammt ein „Prospekt“ von „Schloss und Lustgarten zu Haltenbergstetten“. Abgeleitet vom lateinischen „prospectus“ (Perspektive) handelt es sich um eine gezeichnete Ortsansicht mit starker Übertreibung der perspektivischen Konstruktion. Wer die obige Abbildung genauer betrachtet, wird feststellen, dass schon die Ansicht und Bauweise des Schlosses selbst bei einigen Zugeständnissen nicht der heutigen entspricht. Warum?

Den Grund enthüllt die Bildunterschrift: Die Abbildung zeigt das Areal „wie es fernerhin S. Hochfürstl. Durchlaucht Carl Joseph, unter dessen Regierung erbauen will“. Entscheidend ist auch hier ein kleines Wort: will. Es handelt sich um einen idealisierten Plan. Heute würde man das eine Visualisierung nennen. Dass es den Hofgarten auch real gegeben hat, ist dennoch klar: Reste seiner Mauern finden sich hinter dem heutigen Bildungszentrum.

Weiter oben am Schlossberg, so berichtet der Historiker Carlheinz Gräter im Heimatbuch (entstanden 1991 unter Redaktion und Gesamtverantwortung von Walter Krüger), habe sich lange noch ein Pavillon des Hofgartens befunden. Möglicherweise von diesem tempelartigen Bauwerk ist der Name im Laufe der Zeit nach unten gewandert ins heutige „Tempele“. Früher nannte man die sagenhafte Stelle weit schlichter „bei dem Stayn“, das ist durch ein Gültbuch von 1528 belegt.

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Der Hofgarten wurde erst etwa 250 Jahre später im Rokoko angelegt – unter dem Schlossherren Fürst Franz Philipp von Hatzfeld. Ob er der Urheber des gestalteten Höhlenbauwerks im Tuffstein als Teil des Hofgartens ist? Auch Carlheinz Gräter hat es nicht herausgefunden und versieht seinen Aufsatz hier mit einem eleganten Fragezeichen.

Fest steht: – das Bauwerk ist heute noch zu sehen – eine wasserführende Grotte im Felsen wurde um den „Kindlesbrunnen“ erweitert, farbig gefasst und mit einem runden Oberlicht versehen.

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Noch vor einem halben Jahrhundert war diese Höhle mit einem Zaun versperrt. Nach der Neuordnung des Geländes unter Bürgermeister Kurt Finkenberger wurde der Brunnen als kleiner See gestaltet. Das hinterm Zaun Hineinklettern, wie es Generationen Niederstettener Kinder gemacht haben, ist seither nicht mehr möglich – dafür kann man die Anlage ohne Sichtsperren in Augenschein nehmen.

Sänger feieren Feste

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Dass sich der Adel hier verlustiert hat (heute würde man von „Party machen“ sprechen) ist nicht verbürgt, jedoch möglich, allerdings waren die Herren in der Regel nicht vor Ort und überließen das Regieren einem bestellten Amtmann. Die zahlreichen Winkel, Treppen und Nischen legen den Schluss aber nahe, dass es sich um einen märchenhaften „Spielplatz“ der Oberen gehandelt hat.

Bei Dörzbach links der Jagst gibt es eine ähnlich große Kalksinterterrasse mit einer rund zehn Meter hohen Felswand. Hier befindet sich die Kapelle „St. Wendel zum Stein“. Im Mai 1838 wurde dort erstmals ein Maifest mit Chorgesang gefeiert. Pfarrer und Dichter Ottmar Schönhuth (er pflegte Kontakt zum schwäbischen Romantiker-Kreis um Uhland, Mörike, Hauff und Silcher) hatte den Maientag eingerichtet.

Wenige Jahre später, 1841, wurde in Niederstetten der Gesangverein „Liederkranz“ gegründet. Am Vorbach brauchte es aber noch ein Jahrhundert, bis dort das sängerische „Tempelesfest“ begründet wurde. Feste gab es auf dem Areal schon seit den 1920er Jahren, doch so richtig (neo-) romantisch wurde es erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

Immer Anfang Juli wurde das Tempele zu Festmeile, erinnert sich Julie Kingl. Sie war über drei Jahrzehnte lang Erzieherin im Nieder-stettener Kindergarten und begeisterte Sängerin. „Das wurde alles von den Vereinsmitgliedern gestemmt“, erzählt sie. Damals noch unter Kastanienbäumen wurden die Gäste bewirtet. Das „Café“ befand sich im rückwärtigen, herausgeschnittenen Felsenraum. Bei den Versorgungsleitungen wurde früher improvisiert: Eberhard Jöchner, der Schmied, verlegte Wasserrohre, vom Handwerksbetrieb Jäck wurden Stromleitungen installiert. Bei Klatsch, Kaffee und Kuchen wurde mit zahlreichen Gastchören musiziert und gefeiert. „Das Fest hat einfach dazugehört“, erinnert sich Julie Kingl. Leider ist die Tradition irgendwann eingeschlafen. Auch der örtliche Jugendclub nutzte das Tempele einige Zeit für Open-Air-Konzerte, doch auch diese Events gibt es heute nicht mehr.

Erst 1991 kam die Neu-Nutzung durch den heutigen Theaterverein. Alle zwei Jahre wird hier an der freien Luft, mit viel Aufwand und vor tausenden Zuschauern, gespielt. Obwohl das Tempele mit modernen Strom- und Wasseranschlüssen und Parkplätzen an der Sporthalle absolut festtauglich ist, wird es ansonsten kaum genutzt. Dass das „Tempele“ aber immer noch ein Anziehungspunkt ist, bezeugen die zahlreichen Fußspuren, die sich in den vergangenen Schnee-Tagen deutlich abzeichneten. Es ist und bleibt – historisch wie atmosphärisch – einfach geheimnisvoll.

Redaktion Im Einsatz für die Lokalausgabe Bad Mergentheim