Baumaßnahme in Niederstetten - Ehemaliges Kino in der Langen Gasse mit wechselvoller Geschichte / Vom Lichtspieltheater über Supermarkt zum Wohnhaus Beim Heimatfilm war die Hütte voll

Von 
Alexander Bötz
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Lebensmittel statt Leinwand: Als „Spar-Markt“ startete das ortsbildprägende Gebäude in der Langen Gasse Niederstetten in die 1970er Jahre. © Alexander Böltz

1960 kam Hollywood nach Niederstetten. Mit dem NN-Filmtheater eröffnete ein modernes Kino. Zehn Jahre später wurde aus dem Gebäude ein Supermarkt. Jetzt weicht es einer Wohnanlage.

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Niederstetten. Zeit für einen Rück- und Ausblick: Wir schreiben das Jahr 1960. Carl Weber ist Bürgermeister in Niederstetten. Auf dem Kasernen-areal wird Richtfest gefeiert, das Modehaus Roth eröffnet in der Hauptstraße, die Volksbank Niederstetten zieht in die Lange Gasse, das Textilhaus Fuchs wird gebaut und das Rote Kreuz bekommt sein erstes DRK-Heim.

Und: Das erste und auch bis heute letzte Kino entsteht. Der Stuttgarter Architekt Otto Schweizer hat den Bau entworfen. Bauherr ist Wilhelm Nörr. Die Programmauswahl wird seine Frau Lina treffen. Und Sohn Willi, der gerade eine Ausbildung zum Metzger macht, wird bei Bedarf zum Filmvorführer.

Beste Plätze in Rot

Das NN-Filmtheater kann sich sehen lassen. 380 Plätze sind vorhanden, die besten Plätze sind mit roten Sesseln ausgestattet. Die Leinwand ist elf Meter breit und sechs Meter hoch. Zwei Vorführgeräte sind im Einsatz. Ewald Irion ist einer der Filmvorführer. Er lehrt dem jungen Willi Nörr, worauf er zu achten hat, wie das Überblenden funktioniert. Die Zelluloidfilme sind empfindlich, die Rollen schwer.

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Bei einem Monumentalfilm wie „Ben Hur“ mit seinen 222 Minuten Spieldauer kommen da zwölf Rollen mit Kilometern an Filmmaterial zusammen, die nach Gebrauch per Hand wieder zurückgespult werden müssen. Und nach jedem Programmwechsel sofort wieder zur Post gebracht werden.

Der Grund: Die großen Verleiher wie UFA und Gloria können sich ihre Kunden aussuchen. Bad Mergentheim hat das Bali beim Bahnhof und das Elite neben dem heutigen Sparkassen-Gebäude. In Weikersheim und Creglingen gibt es Hansa-Filmtheater, benannt nach dem Gründer Hans A(nton) Gackstatter. Und der führt auch in Niederstetten Filme auf – in der heutigen „Alten Turnhalle“.

Erst Kino, dann Kneipe

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Kurz gesagt: Kino boomt. Die Kassenschlager wie „Ben Hur“ „Die glorreichen Sieben“, „Cleoptara“, „Lawrence von Arabien“ oder später „Doktor Schiwago“ sind auf Cinemascope und kommen aus den USA.

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Die deutschen Produktionen sind meist noch im Breitbandformat und damit für Nörr „von deutlich schlechterer Bildqualität“. Sie tragen Titel wie „Der brave Soldat Schwejk“, „Im weißen Rössl“, „Das Spukschloß im Spessart“ (alle 1960) oder „Kohlhiesls Töchter“ (1962). Erst „Der Schatz im Silbersee“ und die Winnetou-Filme werden in Cinemascope gedreht und werden auch in Sachen Besucherzahlen echte Publikumslieblinge.

Bei manchen Filmen ist der Andrang so groß, „dass aus dem benachbarten Gasthaus Adler Stühle ausgeliehen und herbeigeschafft wurden“, erzählt Willi Nörr. In Niederstetten stehen meist Heimat-, Western- und Kriegsfilme auf dem Programm. „Bei einem guten Heimatfilm war die Hütte voll“, erinnert er sich. Montags war Ruhetag. Ansonsten lief jeden Tag ein Film. Und samstags sogar zwei. Denn da gab es ab 22 Uhr eine Spätvorstellung. Und danach zog es die Besucher noch in die Gaststätten. „Samstag war Kinotag und der Gaststättenbesuch danach gang und gäbe“, so Nörr.

1964 endet für Willi Nörr die Zeit zwischen Lehre und Lichtspielen. Er sucht sich nach der Ausbildung eine Stelle in Stuttgart. In der Landeshauptstadt lernt er seine spätere Frau Gudrun kennen. Bei einem Besuch in Niederstetten lädt er die Freundin in das elterliche Kino ein. Rang, versteht sich. Große Sessel. Von der Handlung des Films, so schmunzelt er heute, bekommt er an diesem Abend nur wenig mit.

Der amerikanische Schauspieler und Komiker Danny Kaye hat es so formuliert: „Das Kino ist der Ort, an dem man viel über die Leidenschaft der Menschen erfährt, vorausgesetzt, dass man sich durch die Ereignisse auf der Leinwand nicht ablenken läßt“. 1970 heiratet Willi Nörr seine Gudrun. Die beiden bleiben in Stuttgart. Er arbeitet als Verkaufsmetzger in der Spar-Filiale in der Olgastrasse, betreut dann später als Fleischfachberater bis zu 18 Spar-Filialen im Großraum Stuttgart.

„Spar“ und Euro-Shop

1970 endet für das Gebäude Lange Gasse 17 die Zeit als Filmtheater. Es folgt die nächste Szene: Aus dem NN-Filmtheater wird ein Spar-Markt. Den übernimmt 1979 Willi Nörr. Damit wird aus dem Regiebetrieb der Spar-Zentrale in Ellhofen ein familiengeführter Spar-Markt. Nörr erweitert ihn 1992 auf 600 Quadratmeter Fläche. Doch zehn Jahre später sieht Nörr darin keine Zukunft mehr. 2002 steht wieder ein Umbau an. Eine Hälfte des Gebäudes wird zum Euro-Shop, die andere zur Schlecker-Filiale. Das läuft zehn Jahre. Dann kommt die Schlecker-Pleite. Sämtliche Versuche, einen neuen Mieter für die Räume zu finden, scheitern. Schließlich schließt dann auch der Euro-Shop.

Das Gebäude steht leer und lange Zeit zum Verkauf. Die Stadt Nieder-stetten sichert sich das Gebäude und die rund 750 Quadratmeter Fläche. Jetzt wird ein Investor gesucht.

Fortsetzung: Elf Wohnungen

Der findet sich 2020 in der HWG Baukultur GmbH aus Niederstetten. Sie kauft das Gelände. Bedingung: Das Gebäude muss weichen. Derzeit wird es abgerissen. Damit endet zunächst die Geschichte des Areals Langen Gasse 17. Aber die Fortsetzung kommt. Denn HWG-Architekt Rafael Grups plant dort zwei Gebäude mit elf Wohnungen, Aufzug und Tiefgarage. „Bald werden wir in unserer Heimat Niederstetten neuen Wohnraum schaffen“ heißt es dazu in einem Video auf der Facebook-Seite der HWG. Und mit diesem 40 Sekunden-Filmchen schließt sich der Kreis zum NN-Filmtheater.