Jüdisches Museum - Esther Lorenz und Peter Kuhz boten eindrucksvolle musikalische Reise durchs Judentum "Es ist immer eine Träne dabei"

Von 
Helmut Wörrlein
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Creglingen. Der anhaltende Beifall am Ende eines eindrucksvollen und sehr abwechslungsreichen Konzerts mit hebräischen Liedern unterstrich deutlich, dass Sängerin Esther Lorenz und Gitarrist Peter Kuhz den hohen Erwartungen, die der Vorsitzende der Stiftung Jüdisches Museums, Dr. Christoph Bittel mit seiner Vorstellung der beiden Musiker und ihres umfangreichen und vielseitigen Repertoires geweckt hatte, in besonderem Maße gerecht wurden.

Esther Lorenz und Peter Kuhz im jüdischen Museum.

© Wörrlein
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Die bewegende, feine, klang- und ausdrucksvolle sowie äußerst flexible Stimme von Esther Lorenz zeugt von der profunden klassischen Gesangsausbildung, die sie durchlaufen hat. Das Spiel mit der klassischen Gitarre und die Arrangements ihres Partners Peter Kuhz harmonieren dabei hervorragend mit ihrem Gesang - nicht von ungefähr, denn seit zwölf Jahren musizieren sie gemeinsam. Auch im voll besetzten Veranstaltungsraum des jüdischen Museums in Creglingen präsentierten sie sich als ein bestens eingespieltes Team von zwei Profis, die keineswegs nur ein Programm herunterspulten, sondern in jedem ihrer Stücke ihre Leidenschaft für die Musik deutlich spürbar machten.

Das Konzert am Samstagabend war eine musikalische Reise durch das Judentum - von biblischer Zeit bis heute. Um den Liedern ihren Sitz im Leben zu geben, durften natürlich Einblicke in jüdische Geschichte, Kultur und Religion nicht fehlen. So erfuhren die Besucher, übrigens am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, dem Versöhnungstag, zehn Tage nach Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahrsfest, das am 20. September gefeiert wurde, dass wir uns nach jüdischer Zeitrechnung aktuell im Jahr 5578 befinden. Das moderne Hebräisch (Ivrit) ist übrigens die einzige Sprache, die sich von einer Sakral- zu einer Nationalsprache entwickelt hat - eine Weiterentwicklung des Alt- und Mittelhebräischen. "Wenn Mose heute bei uns ein Brot kaufen wollte, würde man seine Worte verstehen", zitiert Esther Lorenz den ersten Ministerpräsidenten des 1948 gegründeten Staates Israel, David Ben-Gurion.

Der Ursprung hebräischer Musik sind die Psalter, Loblieder auf Gott im Allgemeinen sowie die Stufenpsalmen, die beim jährlichen Hinaufzug nach Jerusalem von den Wallfahrern auf den Stufen hinauf zum Tempel gesungen wurden, im Besonderen. Mit Psalm 63, in dem David in der Wüste seine Sehnsucht nach Gott ausdrückt, beginnt Esther Lorenz diese musikalische Reise, die mit dem Lied "El Rey Nimrod" endet, einem sephardischen Folksong, der von der Geburt Abrahams erzählt. 4,5 der zirka 16 Millionen Juden haben sephardische Wurzeln. Die sephardischen Juden lebten in Spanien (Toledo galt zu Beispiel als Jerusalem des Westens) wo durch ihre Ausweisung 1492 sehr viel geistig- kulturelles, aber auch wirtschaftliches Potential verloren ging. Im 11. Jahrhundert wurde in Malaga der Gelehrte Solomon Ibn Gabriol geboren, der über 400 Gedichte mit weltlicher und auch geistlicher Thematik verfasste. Eines davon, "Ani Hasar", wurde, vertont durch den israelischen Komponisten Shlomo Idov, von den beiden Musikern vorgetragen. Die Sprache der sephardischen Juden ist eine Mischung aus Hebräisch, Aramäisch (das übrigens von Jesus gesprochen wurde) und vor allem Spanisch. Ein sehr klangvolles Beispiel ist das Wiegenlied "Nani Nani", in dem eine Mutter melancholisch ihrem Kind von der späteren Heimkehr des Vaters singt, allerdings nicht von der Arbeit sondern von einer Begegnung mit einer anderen Frau. Als Kontrast folgt später das israelische Wiegenlied "Numi Numi", in dem eine Mutter freudig dem Kind verspricht: "Wenn Papa heimkommt, bringt er dir Trauben und einen Apfel."

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Die Juden Mittel, - Nord- und Osteuropas und ihre Nachfahren werden als aschkenasische Juden bezeichnet. Sie bilden die größte Gruppe im Judentum. Eine besonders religiöse Ausprägung des Judentums in Osteuropa war der Chassidismus, der dort im 17. Jahrhundert Fuß fasste. Die Chassiden (Frommen) versammelten sich am Sabbat und den jüdischen Feiertagen um ihren Rabbi, um in Gebet, Liedern und Tänzen Gott näher zu kommen.

Joachim Stutschewski, ein Komponist jüdischer Abstammung aus der Ukraine, hat viele chassidische Melodien bearbeitet. Peter Kuhz, der unter anderem auch als Komponist tätig ist, präsentierte als Solo ein Stück mit Tanzmusik, die er selbst von Klavier auf Gitarre transferiert hatte. Moderne israelische Tanzmusik stand dann mit einer der in den 1960-er-Jahren vielfachen Versionen (unter anderem auch von Esther und Abi Ofarim) des flotten Liedes "Adama admati" (land, my land) auf dem Programm. Esther und Abi Ofarim hatten auch das Lied "Sus ets" (wooden horse) gesungen, die Musik zum 1960 gedrehten Abenteuerfilm "Brennender Sand" (blazing sand), der von der Suche nach Schriftrollen von Salomo in der Felsenstadt Petra handelte. Die unlängst verstorbene Daliah Lavi spielte darin eine Hauptrolle.

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Liebeslieder durften natürlich in dieser tollen Mischung hebräischer Melodien auch nicht fehlen: Eines der bekanntesten, das übrigens . auch von Daliah Lavi gesungen wurde und häufig auf Hochzeiten gespielt und gesungen wird ist "Erev shel shoshanim", das Lied der Rosen. Mit "Dodi Li" präsentieren die Künstler dazu auch ein Pendant aus dem Hohelied des Salomo.

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"Es ist immer eine Träne dabei", meint Esther Lorenz zu den typischen Charakteristika hebräischer Lieder. Diese Botschaft kam beim stark beeindruckten Publikum sehr gut an - dazu musste man den Wortlaut der Texte gar nicht verstehen.