75 Jahre Kriegsende - Die Ereignisse im Raum Bad Mergentheim (Teil 2) - 16 Tage lang war der Raum Mergentheim Kampfgebiet / Besonders am Ostersonntag 1945 tobten heftige Kämpfe In sinnlose Abwehrschlacht geworfen

Von 
Hartwig Behr
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16 Tage lang tobten im April 1945 die Kämpfe im Raum Mergentheim – sie sorgten auf beiden Seiten für hohe Verluste.

Mit diesem Plakat versuchte man 1943, junge Männer für den Dienst im Heer anzuwerben. © Sammlung Behr
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Bad Mergentheim. Der Ostersonntag fiel im Jahre 1945 auf den 1. April. Im Kreis Mergentheim wartete man auf den Vormarsch der Amerikaner. Am Tag zuvor hatten diese versucht, über Neunkirchen mit sechs Panzern zur Kreisstadt vorzudringen. Ihre Absicht war offenbar, von dort über die Kaiserstraße möglichst schnell den Verkehrsknotenpunkt Crailsheim zu erreichen, um dann Heilbronn von einer zweiten Seite angreifen zu können. Der Versuch bei Neunkirchen misslang. Als vier ihrer Panzer in Brand geschossen wurden, zogen sich die US-Soldaten zurück.

Ein Aufruf, der nicht mehr umgesetzt wurde

Ein Aufruf des Kampfgruppenkommandanten von Bad Mergentheim, SS-Obersturmbannführer Dirnagel, vom 31. März 1945 (siehe oben stehendes Bild) wurde offenbar nicht mehr in der Stadt angeschlagen.

Der Aufruf zeigt aber die Haltung von SS-Offizieren. Dirnagel war bereit, eine Stadt, die für feindliche Flugzeugführer sichtbar als Stadt mit vielen Lazaretten gekennzeichnet war, zum Kampfplatz zu machen und damit auch die etwa 1000 verwundeten Soldaten einem Bombenangriff auszuliefern.

Dirnagel drohte mit härtesten Strafen auch für diejenigen, die ohne militärische Ausbildung kämpfen sollten.

Er widersetzte sich – nach Aussage des glaubwürdigen Zeugen Carl Schum im Jahre 1947 – eine Woche lang den Bitten der Verantwortlichen auf dem Mergentheimer Rathaus, mit den Truppen die Stadt zu verlassen.

Dirnagel tat es dann doch – am 6. April. Anderenfalls hätte Bad Mergentheim wahrscheinlich dasselbe Schicksal erlitten wie Niederstetten am 9. April 1945. hb

Die Amerikaner stießen vielerorts auf Widerstand. Die Eroberung des Kreises erstreckte sich deshalb über zwei Wochen. Sie erforderte mancherorts gewaltige Opfer. Besonders hart getroffen wurden die Bewohner von Edelfingen, Stuppach, Adolzhausen, Weikersheim und Niederstetten. Bevor über die Zerstörungen und auch Selbstzerstörungen berichtet wird, sollen die militärischen Aktionen vor den ersten Aprilwochen westlich und nördlich des Kreises aufgezeigt werden.

„Spaziergang“

Nachdem die Amerikaner den Rhein am 24. März bei Oppenheim überquert hatten, stießen sie zunächst im Odenwald auf schwache Verteidigungslinien und deshalb auf wenig Widerstand. Es sei ein „Spaziergang“ gewesen, hieß es in einem US-Bericht. Die deutschen Divisionen hatten 1945 wenig mit wirklichen Divisionen zu tun, stellte ein SS-Offizier im Nachhinein fest: „ . . . sie bestanden vielmehr zumeist aus Versprengten aller möglichen Verbände – Volkssturm, Bodenpersonal von Flugplätzen“ und aus Offiziersschülern.

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Allerdings sollte an der Tauber eine neue Abwehrlinie errichtet werden. Viele der hier eingesetzten deutschen Soldaten waren nicht voll ausgebildet. Sie kamen aus Ausbildungsregimentern und Kriegsschulen und hatten wenig Munition und Treibstoff zur Verfügung. Sie wurden in einen Abwehrkampf eines „schon geraume Zeit verlorenen Krieges“ geworfen, meinte der Generalmajor Max Ulich später, der vom 2. April an für Verteidigungstruppen an der Tauberfront verantwortlich war. Die jungen Männer wurden in eine sinnlose Abwehrschlacht geworfen. Am 30. März hatten die Amerikaner Buchen besetzt und stießen danach in Richtung Tauberbischofsheim vor, in das sie am 31. März kampflos einmarschieren konnten. Ihr Vorstoß auf Bad Mergentheim wurde dagegen am selben Tag zwischen Althausen und Neunkirchen abgewehrt. Spätestens am 31. März war der Kreis Mergentheim damit zum Kampfgebiet geworden. Was lange Zeit als ruhiges, geradezu erholsames Gebiet galt, wurde von diesem Tag an von militärischen Aktionen überzogen. Diese für beide Seiten verlustreiche Auseinandersetzung sollte 16 Tage dauern.

Die Frontlinie verlief am 1. April vom heftig umkämpften Königshofen in Richtung Osten über Bernsfelden in Richtung Ochsenfurt, in Richtung Süden zwischen Dainbach und Edelfingen, zwischen Lustbronn und Stuppach auf Rengershausen und Dörzbach zu. Der Ostersonntag 1945 sollte ein Tag erbitterter Kämpfe werden. Amerikanische Panzer – von Dainbach kommend – nahmen Edelfingen vom „Stutz“ aus unter Feuer, so dass der Ort bald an vielen Ecken brannte. Löschen war kaum möglich. Als deutsche Turbinenjägern die amerikanischen Truppen angegriffen, zogen sich diese nach Dainbach zurück. Erst am 6. April wurde Edelfingen endgültig eingenommen.

Zu 80 Prozent zerstört

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Für den Kreis Mergentheim wurde der Kampf um Königshofen wichtig, wo es am Turmberg 420 Jahre zuvor – im Bauernkrieg – schon einmal ein fürchterliches „Gemetzel“ gegeben hatte.

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Als die Amerikaner auf heftigen Widerstand aus dem Ort stießen, brachen sie ihren Angriff ab und forderten Luftunterstützung aus Ostfrankreich an. „Mustangs“ und „Thunderbolts“ warfen am Mittag Splitterbomben ab, dann wurde der Ort aus der Luft beschossen. Königshofen war danach zu 80 Prozent zerstört. Die Amerikaner spielten – wie zumeist – ihre Materialüberlegenheit aus, wenn sie nicht vorrücken konnten.

Als sie danach die blutjungen deutschen Offiziersanwärter am Königshofener Turmberg überrennen wollten, wichen diese zunächst nicht. Vielleicht waren sie von Hitlers Worten am 30. Januar 1945 überzeugt: „Wer den Tod in Ehren fürchtet, stirbt in Schande.“ Erst am folgenden Tag konnten die Deutschen dem Druck nicht mehr standhalten und zogen sich in den Raum Deubach und Messelhausen zurück, wo es zu weiteren heftigen Kämpfen kam.

Dann stießen die Amerikaner nach Löffelstelzen vor. Von dort rollten Panzerspähwagen und anschließend Panzer am Samstagmorgen, dem 7. April, in die Kreisstadt hinunter, die mittlerweile von Truppen und ihrem Kampfkommandanten Dirnagel sowie führenden Nazis wie dem Kreisleiter Reinhold Seiz verlassen worden war.

Aufruf verfasst

Eigentlich sollte Bad Mergentheim – obwohl mit roten Kreuzen auf den Dächern als Lazarettstadt ausgewiesen – bis zum letzten Mann verteidigt werden. Der Kampfkommandant, SS-Obersturmbannführer Rudolf Dirnagel, Jahrgang 1912, hatte am 31. März einen Aufruf verfasst, in dem er seine Entschlossenheit verkündete, die Verteidigung von Bad Mergentheim mit allen Mitteln durchzuführen: „Ich erwarte daher, dass jeder bis zum letzten auf dem Platz seine Pflicht erfüllt, auf den er gestellt wird.“

Das werde „uns dem Endsieg“ näher bringen und „die Zukunft Deutschlands und des Großdeutschen Reiches“ sichern. Konnte der Kampfkommandant selber noch an solche Sätze glauben? Es ist nicht sicher, ob der Aufruf tatsächlich noch veröffentlicht wurde. Diehm, der Verfasser der „Geschichte der Stadt Bad Mergentheim“ meint, dass der Aufruf „aber zum Glück nicht mehr angeschlagen werden“ konnte.

Eine Woche später sah Dirnagel ein, wohl aufgrund der inzwischen eingetretenen militärischen Lage, dass der Gegner die deutschen Truppen in der Kreisstadt in wenigen Stunden aufreiben würde. Deshalb durften sich seine Soldaten und die nationalsozialistischen Führer von Bad Mergentheim in der Nacht zum 7. April durchs Tauber- und Vorbachtal absetzen. (Fortsetzung folgt)