75 Jahre Kriegsende - Die Ereignisse im Raum Bad Mergentheim (Teil 3) - In Stuppach starben am 6. April 1945 neun Duisburger Schüler / Niederstetten erlebte nach Luftangriff ein Inferno Im Panzer-Feuer den Tod gefunden

Von 
Hartwig Behr
Lesedauer: 
Am 31. März drangen Amerikaner mit Panzern von Westen gegen Bad Mergentheim vor. Diese wurden aber bei Neunkirchen zurückgeschlagen. Erst am 7. April konnten sie, jetzt von Norden kommend, in die vom Militär verlassene Stadt rollen. Über die Kaiserstraße sollten die Soldaten möglichst schnell Crailsheim erreichen. © Sammlung Behr

Am 6. April geschah in dem Dorf Stuppach Fürchterliches. Neun Duisburger Oberschüler kamen dort zu Tode.

AdUnit urban-intext1

Bad Mergentheim. Die Schüler waren offenbar dazu erzogen worden, sich mit Haut und Haar für das Deutsche Reich einzusetzen. Sie „wollten das Vaterland retten“, sagten einige Klassenkameraden später. Die Jungen schlossen sich offenbar freiwillig den Soldaten an, die nach Stuppach verlegt worden waren. Die Schüler aus dem Ruhrgebiet waren aber überhaupt nicht militärisch ausgebildet, mangelhaft ausgerüstet und hatte kaum Deckung.

Am Nachmittag des Vortages, dem 5. April, hatten Stuppacher Einwohner mit weißen Tüchern den anrückenden Feinden gezeigt, dass sie sich ergeben. Als die Amerikaner am nächsten Morgen „vermeintlich kampflos“ das Dorf besetzen wollten, wurden sie von Soldaten beschossen, die sich in der Nacht im Gebiet um Stuppach eingenistet hatten. Daraufhin fuhren die Amerikaner auf den Höhen um den Ort Panzer auf, die das Dorf unter Feuer nahmen. Die Duisburger Jungen, die in einer flachen Mulde kauerten, wurden alle tödlich getroffen.

Wer trug die Verantwortung für den Tod der Vierzehn- bis Siebzehnjährigen, das war nach dem Krieg eine brennende Frage. Heute erinnert eine Gedenkstätte auf dem Stuppacher Friedhof an die neun Jungen und an die vielen dort gefallene Soldaten.

Richtung Crailsheim

AdUnit urban-intext2

Die Amerikaner hatten nach der Eroberung von Stuppach am 6. April Wachbach und nach Kämpfen um Hachtel und Rot am 8. April die Kaiserstraße bei Herbsthausen erreicht. Schon zwei Tage zuvor war eine ihrer Abteilungen über Rengershausen und Hollenbach an diese Straße gelangt. Diese amerikanischen Panzer rollten sofort südwärts in Richtung Crailsheim, das sie noch am Abend des 6. April erreichten.

Im Norden des Kreises rückten amerikanische Truppen, aus dem Bereich von Bernsfelden kommend, über Nassau in Richtung Weikersheim vor. Deutsche Truppen versuchten immer wieder den Vormarsch der Amerikaner zu verhindern, so zum Beispiel am 7. April von Burg Neuhaus aus und dann auch aus der Stadt Weikersheim heraus. Am 9. April fiel dieser Ort nach heftigem Beschuss, der weite Teile der Nordostvorstadt in Brand setzte, in die Hände der Amerikaner. Die Firma Laukuff und andere Häuser waren nur noch Ruinen. Die Stadtbewohner hatte insofern Glück, als die Flammen die Stadtmauer nicht übersprangen. Deutschen Truppen konnten sich aber noch durchs Vorbachtal absetzen. Einen Tag später, am 10. April marschierten die US-Truppen in Laudenbach ein.

AdUnit urban-intext3

In dieser Zeit patrouillierten deutsche Soldaten in den Wäldern an der Kaiserstraße. Kämpfer mit Panzerfäusten unterbrachen den amerikanischen Nachschub. Die Amerikaner sahen deshalb die Notwendigkeit, sich aus Crailsheim zurückzuziehen.

18 Soldaten starben

AdUnit urban-intext4

Am 10. April erlebte Adolzhausen, das seit Tagen unter Beschuss lag, „ein Inferno“, wie es in einem Bericht aus dem Dorf heißt. SS-Soldaten hatte die in Richtung Vorbachtal vorrückenden Amerikaner aufhalten wollen. Diese schossen daraufhin den Ort mit Phosphorgranaten in Brand. Es wurden 16 Wohngebäude, 41 Scheunen und 16 Viehställe zerstört. 18 deutsche Soldaten starben.

Der Niederstettener Bürgermeister Weber meinte, dass die Amerikaner die militärische Lage in seiner Stadt falsch einschätzten. Das kann man nicht mehr nachprüfen. Dort jedenfalls setzten die Amerikaner ihre Materialüberlegenheit wie in Königshofen ein, weil sie großen Widerstand von SS-Soldaten vermuteten. SS-Obersturmbannführer Dirnagel hatte seinen Gefechtsstand in das Schloss verlegt.

Der Ort wurde in drei Wellen aus der Luft bombardiert, so dass er bald in Flammen stand. Ein großer Teil der Bevölkerung floh in den Eisenbahntunnel und war dort relativ sicher. Es starben trotzdem 18 Einwohner. 86 Wohnhäuser und 69 Wirtschaftsgebäude waren vollkommen zerstört, die meisten anderen beschädigt.

Das Rathaus war von einem Bombentreffen dem Erdboden gleichgemacht. Im Lagerhaus verbrannten 30000 Zentner Weizen.

Erst am 12. April rückten die Amerikaner ein, nachdem die deutschen Soldaten sich in östlicher Richtung zurückgezogen hatten. „Die Hälfte des früher so schmucken Städtchens ist ein Trümmerhaufen geworden. Die noch vorhandenen Gebäude sind zum allergrößten Teil beschädigt“, konstatierte Bürgermeister Weber.

Nach meist nur kleineren Gefechten wurden die Dörfer auf der Hochfläche, Wermutshausen, Wildentierbach und Rinderfeld, besetzt. Im östlichsten Teil des Kreises hingegen, bei Blumweiler und Wolfsbuch, bei Schwarzenbronn und Reutsachsen setzten die Amerikaner Trommelfeuer gegen deutsche Stellungen ein, die sich heftig verteidigten.

Bald danach stand die US-Armee vor den Toren Rothenburgs, das schon zwei Wochen zuvor, am 31. März, heftig bombardiert worden war.

Es kam zu keinem erneuten Beschuss, weil John Jay Mc Cloy (1895 – 1989), stellvertretender Staatssekretär im US-Kriegsministerium, später Hoher Kommissar in der Bundesrepublik, vor Ort war und im Auto mit weißer Flagge als Parlamentär nach Rothenburg hineinfuhr und mit dem dortigen Kommandanten ausmachte, dass die Stadt von den Soldaten geräumt und kampflos übergeben werde.

Rothenburg wurde wieder aufgebaut und zu einen „mittelalterlichen Schmuckstück“. Plaketten an der Stadtmauer erinnern an deren Reparatur in der Nachkriegszeit und damit indirekt an die Zerstörung im Jahr 1945. (Fortsetzung folgt)