Straßennamen (Teil 13) - Der Schöpfer von „Freude, schöner Götterfunken“ spielte in jungen Jahren als Bratschist mit der Hofkapelle 1791 in Mergentheim Beethoven auch im Servierdienst tätig

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Joachim W. Ilg
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Laut Hinweistafel neben dem Hauseingang soll Beethoven in diesem Gebäude gegenüber dem Schloss im Jahre 1791 bei der Familie des Ordenskanzlers Breuning musiziert haben. Das Breuningsche Haus befand sich aber in der Nonnengasse, wie Stadtarchivarin Christine Schmidt nachgewiesen hat. © Joachim W. Ilg

Vor 250 Jahren wurde Ludwig van Beethoven geboren. In aller Welt wird dieses Jubiläum gefeiert. Auch in Mergentheim hat er Spuren hinterlassen.

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Bad Mergentheim. Als Ludwig van Beethoven von seinem Dienstherrn 1791 von Bonn nach Mergentheim beordert wird, ist er gerade einmal 20 Jahre alt. Er gehört als Organist und Bratschist zur Hofkapelle des musikliebenden Erzherzogs von Österreich, der es bis zum Kurfürst und Erzbischof von Köln und Hochmeister des Deutschen Ordens gebracht hat.

Maximilian Franz residiert zwar hauptsächlich in Bonn, hat aber als Ordens-Oberhaupt eine Nebenresidenz in Mergentheim, wohin er eben in jenem Jahr 1791 ein Generalkapitel einberufen hat, an dem die höchsten Repräsentanten des Ordens teilnehmen, um über mehrere Wochen hinweg wichtige Zukunftsfragen zu klären.

Im Deutschordensschloss finden aber nicht nur Kapitelsitzungen und Konferenzen statt. Es gibt darüber hinaus auch ein abwechslungsreiches Unterhaltungsprogramm für die zahlreichen Räte, Ritter, Geistlichen und Beamte, bei dem neben einer Theatergesellschaft aus Nürnberg auch eine Abordnung von 25 Musikern der Bonner Hofkapelle eine wichtige Rolle spielt. Unter ihnen der noch weitgehend unbekannte Ludwig van Beethoven, der immerhin schon seit sechs Jahren seinem kurfürstlich-erzbischöflichen Herrn im Theater, in der Kammer und der Kirche musikalisch zu Diensten ist.

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Morgens sind die Musiker vor allem mit Proben beschäftigt, um die Stücke einzustudieren, die im Speisesaal, in der Kirche und dem Festsaal aufgeführt werden. Die Beteiligten des Generalkapitels speisen an üppig gedeckten Tischen, begleitet von Tafelmusik, worunter man eine etwas erweiterte Kammermusik zu verstehen hat, denn nur ein Teil der Hofkapelle ist während der Mahlzeiten musikalisch gefordert.

Sechs Musiker sind zusammen mit vier Läufern, zwei Gardereitern und sechs Jägern beim Servierdienst mit von der Partie. Es wird angenommen, dass sie wohl eher nicht beim Auftragen der Speisen und Getränke tätig sind, sondern die Wünsche der Speisenden an die Küche zu übermitteln haben. Da dieses Amt auf alle Hofmusiker übertragen wird, kann man annehmen, dass der junge Beethoven, ein Anhänger der Ideale der Französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) mindestens ein Mal in der Woche diesen Dienst zu versehen hat.

Jeden Tag Programm

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Der Hochmeister verstand es, bei seinen Gästen keine Langeweile aufkommen zu lassen. Sonntags gab es Komödie, montags Ball, dienstags Operette, mittwochs großes Hofkonzert, donnerstags wieder Komödie, freitags Musik-Akademie und samstags Operette. Spät abends ziehen die Musiker zu ihren Quartieren, denn sie sind in Gastfamilien in der etwa 2800 Einwohner zählenden Stadt untergebracht.

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Lange Zeit wurde angenommen, dass Beethoven als Gast der befreundeten Familie von Breuning in deren Haus, dem heutigen „Beethovenhaus“ mit entsprechender Gedenktafel („Hier wirkte Ludwig van Beethoven im Jahre 1791“) musiziert und möglicherweise auch Quartier bezogen hat. Dieses Gebäude auf dem Deutschordenplatz, gegenüber vom Schloss, gehörte damals aber gar nicht der Familie von Breuning, sondern dem Verwalter Jakob Fortunat Gleitsmann, der in der Quartierliste nicht erwähnt wird, während die Breunings ein Haus in der Nonnengasse 15 hatten. Daraus schließt Stadtarchivarin Christine Schmidt, dass Beethoven in dem „Beethovenhaus“, an dem 1927 die Gedenktafel angebracht wurde, „weder gewohnt, noch Klavier gespielt hat“. Da die Hausnummern im Laufe der Zeit verändert wurden, kann es zu diesem Missverständnis gekommen sein.

Laut Quartierliste hat Beethoven bei dem Kanzlisten und Geometer Jakob Peter Kirchmeyer in der Härterichstraße 7 gewohnt.

Am Klavier „live“ erlebt

Dass Ludwig van Beethoven 1791 tatsächlich in Mergentheim war, ist nicht nur dem damaligen Musikerverzeichnis der Hofkapelle zu entnehmen, in dem unter den „Braccisten“ ein „Hr. Beethoven“ aufgeführt wird, sondern auch einem Bericht von Carl Ludwig Junker in der „Musikalischen Korrespondenz der Teutschen Filharmonischen Gesellschaft für das Jahr 1791“.

Junker hat Beethoven damals „live“ erlebt: Er hörte „einen der größten Spieler auf dem Klavier, den lieben guten Bethoven“, zwar nicht im öffentlichen Konzert, aber dafür immerhin in einem privaten Kreis, und er wüsste nicht, was ihm „zur Größe des Künstlers noch fehlen sollte“.

Viele Städte haben eine Beethovenstraße, ohne dass das Jahrhundert-Genie je dort gewesen ist. Bad Mergentheim dagegen kann in seiner Geschichte ein, wenn auch nur kleines Beethoven-Kapitel aufschlagen und hat seit dem 24. Oktober 1978 mit Recht im Baugebiet Eisenberg-Süd eine Beethovenstraße.