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Wettbewerb - Beim Preiswochenende im Haus des Mannheimer Verlegers Ulrich Wellhöfer schreiben die Siegenden von „Erzähl mir was“ neue Geschichten

Schreibwettbewerb "Erzähl mir was": Autoren verbringen drei Tage Einsamkeit im magischen Haus

Von 
Stefan M. Dettlinger
Lesedauer: 
Alter spielt keine Rolle (v.l.): Volker Sebold, Vanessa Palumbo und Gisela Bentz-Gargadennec vor einem Gemälde in Wellhöfers Petersbacher Haus Zielinger. © dms

Es sei ein magischer, ein dunkler Ort, meint Gisela. Das Haus berge Geheimnisse, habe an die zwölf Zimmer und verschlossene Türen. Es sei ein Ort der Psychose, der Schizophrenie oder auch des Verbrechens, erzählt hingegen Volker, der immer wieder zwei Frauen bedrohlich und langsam flüstern hört: „Dieses Haus gehört uns!“ Und für Vanessa ist es schlicht eine abenteuerliche Fundgrube, deren Details - etwa im Relief einer goldenen Wanduhr - ihre Fantasie derart beflügeln, dass sie Privates und Öffentliches, Vergangenheit und Gegenwart in eine spannende neue Geschichte eines „jungen alten Mannes“ packt, die fast etwas Naturalistisches bekommt.

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Elsass, im November 2021. Dem Blick aus dem Fenster bietet sich unerfreulicher Nieselregen. Eine tief hängende, relieflose Wolkenschichtung reduziert das herbstliche Licht auf Bonjour-Tristesse-Niveau. Lumen-Tiefpunkt. Allein ein paar herbstliche Blätter an dem kleinen Quittenbaum vor dem Haus senden gelbe Helligkeit ins himmlische Grau hinein. Vergeblich. Drinnen sitzen: Gisela Bentz-Gargadennec. Volker Sebold. Vanessa Palumbo.

Der Schreibwettbewerb „Erzähl mir was“

  • Der Wettbewerb: Bereits zum zweiten Mal hat diese Redaktion den Schreibwettbewerb „Erzähl mir was“ durchgeführt. Eingereicht wurden Erzählungen zum Thema „Zurück ins Leben“, die eine Jury für eine Finalrunde ausgewertet hat, in der die Leserinnen und Leser entschieden.
  • Die drei Sieger: Vanessa Palumbo („Taktlos“), Gisela Bentz-Gargadennec („Der Feind als Lebensretter“), Volker Sebold („Niemands-Land“).
  • Das Wochenende: Die Drei verbrachten ein verlängertes Wochenende im Elsass, bei dem Geschichten über das Haus entstanden (exklusiv unter mannheimer-morgen.de/leben) und Verleger Ulrich Wellhöfer Einblicke ins Literaturgeschäft gab.
  • Das Haus Zielinger: Wellhöfer betreibt im Elsass das Haus Zielinger für Autorenseminare und andere Anlässe (Info: ferien-im-nordelsass.de/residenz-zielinger). dms

Ein Preis als Abenteuer

Die drei Autoren haben gerade ein paar Tage im Haus Zielinger des Mannheimer Verlegers Ulrich Wellhöfer verbracht. Das Wochenende im Autorenhaus Petersbach war der erste Preis des „Erzähl mir was“-Schreibwettbewerbs dieser Redaktion. Die drei erwähnten Geschichten sind hier entstanden und werden zum Abschluss beim gemeinsamen Brunch mit Wellhöfer vorgelesen und besprochen. Thema: „Das Haus“. Wellhöfer ist begeistert und findet: „Unglaublich, wie ausgereift die drei Kurzgeschichten sind.“

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Volker Sebold
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Das Projekt ist ein Abenteuer. Was passiert eigentlich, wenn drei sich vollkommen fremde Menschen, die vor allem eines vereint: die Liebe zum Schreiben - wenn diese Leute ein verlängertes Wochenende in der Isolation in einem Landhaus verbringen? Schon der Eröffnungsabend beim von Wellhöfer gekochten traditionellen Fleischeintopf Bäckeoffe wischt alle Skepsis weg. Die Sache gerät überraschend locker und offen. Sebold, ehemaliger Polizist und Autor des Krimis „Bullenhitze“, ist sogar von sich selbst überrascht. „Es war so offen - vor allem auch dafür, dass wir uns gar nicht kannten“, sagt er. Tatsächlich ist der Abend geprägt von Aufrichtigkeit und Aufgeschlossenheit, auch recht Intimes über das Leben, Wirken und natürlich das Schreiben wird preisgegeben.

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Interessant ist die Unterschiedlichkeit. Gisela ist Naturheilpraktikerin und berichtet davon, wie sie Menschen etwa mit intravenösen Mineralstofftherapien und Hypnose von ihrer Depression heilt, während Vanessa, die erste Siegerin des Wettbewerbs, den gehobenen Dienst im Auswärtigen Amt anstrebt und bereits während ihres dualen Studiums Konsulatssekretäranwärterin ist. Alle drei leben die Tage gemeinsam, essen, wandern, reden und reden und reden.

Auch Wellhöfer redet. Er referiert zwischendurch über das Geschäft als Verlagsleiter, über Lektorat, Korrektorat, ein Romandossier und die Kriterien, ein Buch anzunehmen oder abzulehnen. Dass die Krise der Branche durch E-Books, Großanbieter und die allgegenwärtige Verfügbarkeit kostenloser Literatur dabei einen Platz hat, versteht sich. Wellhöfer ist selbst Betroffener und plaudert aus dem Verleger-Nähkästchen. Am meisten zu schaffen machen ihm die Flatrates von Amazon & Co.

Wenn man sich trennt, schmerzt es

Auch Manöverkritik findet statt: zum Beispiel von Volker Sebolds bei der Redaktion eingereichter Geschichte „Niemands-Land“. Den Plot findet er „super“, wie er sagt. Aber die Ambition zu groß für die Kürze. Das Ende mit dem nackten Mann, der mit seinem Hund ins Meer geht und alles, sogar seine Kleidung, hinter sich lässt, findet er so überhöht, dass es mystisch wird. Sebold und die anderen hören der Kritik interessiert zu. Wellhöfer empfiehlt Sebold, seine Idee als 60-seitige Novelle auszuarbeiten und sich darin noch mehr zu konzentrieren auf das, was er mit der Story will. „Jeder Seitenstrang“, sagt er, „muss zwingend notwendig sein für die Geschichte.“ Auch zu Palumbos „Taktlos“ und Bentz’ „Der Feind als Lebensretter“ hat Wellhöfer kleine kritische Anmerkungen, findet beide Geschichten unter dem Strich aber sehr stark - vor allem die beiden Schlüsse haben es ihm angetan.

So geht das Wochenende also zu Ende. Palumbo ist zufrieden. Sie hat sich gefreut, „nach der langen Lockdownzeit wieder mit Leuten zusammenzukommen, die dasselbe Interesse haben“. Der große Altersunterschied zwischen ihr, 20, Sebold und Bentz, beide 61, hat sie nicht gestört. Palumbo: „Das Alter ist irrelevant. Aber das Haus war sehr inspirierend.“ Bentz kann sich da nur anschließen. Das Projekt war für sie ein gutes Beispiel für generationsübergreifendes Denken. Mit den anderen beiden hat sie sich gut verstanden und genossen, so wenig Ablenkung gehabt zu haben, „das tut besonders in der heutigen Zeit gut“, so Bentz. Sebold geht mit allem noch überschwänglich weiter. Er findet die Art des „immateriellen Preises“ sehr innovativ: „Die Zusammenkunft mit den beiden war inspirierend, menschlich empathisch, und wenn man sich trennt, schmerzt es. Wir haben uns gut verstanden, sowohl literarisch als auch persönlich.“

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Letztlich ließe sich auf die Magie der Kreativität von Autoren auch so blicken: An diesem Ort, den alle als inspirierend und sympathisch empfunden haben, sind höchst ungewöhnliche und, ja, auch dunkle Geschichten entstanden. Eigentlich will man gar nicht wieder weg von hier, von diesem Ort, der etwas von jenem Ort hat, an dem sich Boccaccios Protagonisten nahe Florenz das „Dekameron“ erzählen - fern der Pandemie (Pest), fern des Trubels.

Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „MM“ seit 2006.

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