Kommentar

Mehr Disziplin ist gefragt

Archivartikel

Michael Fürst zum ganzen Zuschauer-Wahnsinn


Wir in der FN-Sportredaktion sind jeden Sonntagabend gespannt: Wenn die Bilder unserer Fußball-Fotografen bei uns eintreffen, achten wir in diesen Tagen nicht zuerst auf die Qualität der abgelichteten Spielszenen, sondern wir schauen erst mal auf die Zuschauer: Wie stehen sie denn heute wieder? Und leider müssen wir in fast allen Fällen feststellen, dass die lokalen Fußball-Gucker sich nur äußerst selten an die derzeit geltenden Abstandsregeln halten.

Da stehen die Grüppchen wie in all den Jahren zuvor eng an eng beieinander, Schulter an Schulter – hipp, hipp, hurra, alles ist super. Freilich können wir nicht feststellen, ob es sich bei dem Grüppchen da links hinten nicht gerade um eine erlaubte Familienansammlung mit den Cousins vierten Grades handelt, aber wir können sehr wohl erkennen, dass die gebotenen „Einsfuffzich“ den Fans so ziemlich wurscht sind. Vor allem wenn der durstige Peter wieder mit einer Ladung Bier vom Verkaufsstand zurückkommt, alle ihr Fläschchen abgreifen und dann völlig losgelöst angestoßen und geprostet wird.

Dazu wird geschrien, gejubelt und gepöbelt. Ein hemmungsloser Ausstoß von Aerosolen begleitet da den Führungstreffer des Heimteams. Von entfesselten Umarmungen möchte ich gar nicht reden. Nur mal zum Vergleich: In Japan darf man wegen Corona nicht mal mehr in der Achterbahn schreien. Und was sollen die aktiven Christen denn denken? Die dürfen seit Monaten ihre lieb gewonnen Kirchenlieder höchstens mitsummen. Gut, das ist im Innenraum – aber die Handballsaison hat ja auch gerade wieder begonnen…

Diese Beispielen zeigen allerdings auch, wie ungenau, ungerecht und leider auch unverständlich so manche Corona-Regeln sind. Schauen wir doch mal zurück aufs vergangene Wochenende: Da wurde bei Bayern gegen Schalke kurzerhand Publikum nicht zugelassen. Der Grund: München hat zu hohe Infektionszahlen. Das ist so weit absolut okay. Allerdings: An besagtem Wochenende begann auch der lokale Fußball im Stadtgebiet München. Und siehe da: Da waren bei entsprechenden Hygienekonzepten der Vereine bis zu 400 Zuschauer erlaubt – und die waren dann auch an den Plätzen. Das habe ich mir berichten lassen.

Jetzt kann man freilich ins Feld führen, dass bei einem Bayern-Heimspiel die Leute „aus ganz Deutschland“ gekommen wären und bei Laim gegen Obersendling dagegen nur Zuschauer aus „Minga“ selbst. Aber nein, das hätte der FCB über die personalisierte Ticket-Ausgabe gut steuern können. Stattdessen hat sich dann die noble Vorstandsriege der Bajuwaren während des Spiels so verhalten, wie die viel zu vielen leichtsinnigen Zuschauer auf den Dorfsportplätzen...

Man sieht: Das ist schon ein rechter Kuddelmuddel mit den Zuschauerverordnungen. Aber es hilft ja nichts. Die Vorgaben sind zu befolgen. Wenn ich mich aufrege, dass auf irgendeinem Bundesstraßenteilstück „nur 70 erlaubt ist“, dann kann ich zwar 100 fahren, verhalte mich deshalb aber falsch und kann dafür belangt werden.

Deshalb die dringliche Bitte an alle Fußballfans der Region: Etwas mehr Disziplin beim „zamme gugge“ am Sportplatz. Die Alternative wäre nämlich nur diese: Alle Fußballspiele finden grundsätzlich ohne Zuschauer statt. Und das wollen wir doch alle nicht, oder?