ILMA - Ich liebe Mannheim

Von sozialer Verantwortung und fairen Unterhosen

Archivartikel

Reparieren statt Neukaufen, langfristige Lieblingsstücke statt Fast Fashion: Isabelle bietet in ihrem Laden umgekrempelt in den M-Quadraten Slow Fashion für Mannheim an.

Fabrikeinsturz in Bangladesch

Vor ziemlich genau sechs Jahren, am 24. April 2013, ist das Rana Plaza, eine achtstöckige Textilfabrik in Bangladesch eingestürzt. Über 1000 Menschen wurden getötet und mehr als doppelt so viele wurden verletzt. Das Schlimmste daran? Dieser Unfall hätte verhindert werden können, denn am Tag vor dem Einsturz am 24. April wurden Risse im Gebäude festgestellt, woraufhin der Zutritt von der Polizei untersagt wurde. Das beunruhigte die Fabrikbetreiber jedoch wenig, die die Arbeiter unmissverständlich aufforderten ihre Arbeit wie gewohnt aufzunehmen. Ein fataler Fehler!

Isabelle zieht ihre eigenen Konsequenzen

Der Vorfall zog nicht nur in Bangladesch selbst einen Rattenschwanz an Nachwirkungen mit sich, sondern trat auch hier in Deutschland in vielen Menschen Unmengen an Gedanken los. So auch bei Isabelle Kempf, die sich bis dahin kaum damit beschäftigt hatte, woher die Kleidung kam, die sie kaufte. Nach dem Unglück fing sie an sich mehr mit der Textilindustrie zu beschäftigen. Das Problem liege für sie darin, dass der mitteleuropäische Durchschnittskonsument in den letzten 10-20 Jahren immer weniger für Kleidung bezahlen wolle, was dazu führe, dass die Konzerne die Produktionspreise mit allen Mitteln drückten. „Durch diese Preisspirale leidet natürlich nicht nur die Stoffqualität, sondern eben auch die Arbeitsbedingungen gewaltig“, erklärt sie.

Wie kann man das Problem lösen?

Die zugrundeliegende Problematik in diesem Bereich zu erkennen, ist das eine – eine Lösung zu finden, das andere. Isabelle findet, dass es unterschiedliche Ansatzpunkte gibt. Einerseits müsse sich in der Politik etwas ändern, da die Gesetze für das Outsourcen von Textilproduktion nicht klar definiert seien oder nicht strikt genug umgesetzt werden. Andererseits könne jeder Einzelne dazu beitragen, dass Unternehmen sich gezwungen fühlen etwas zu ändern. Isabelle rät jedem zur kritischen Selbstbetrachtung: „Als Individuum sollte man anfangen, seinen Konsum zu hinterfragen. Brauche ich das neue Teil wirklich? Kann ich es fair oder Second Hand bekommen? Hab ich etwas Ähnliches vielleicht in den tiefen meines Kleiderschranks?“ Außerdem könne man als Privatperson auch an Aktionen teilnehmen, wie bei der Regionalgruppe Mannheim der Kampagne „Saubere Kleidung“ oder bei der Fashion Revolution Week zum Jahrestag des Rana-Plaza-Unglücks. Zuletzt können natürlich auch Unternehmen selbst soziale Verantwortung übernehmen – und genau das macht Isabelle mit ihrem Laden "umgekrempelt".

Slow Fashion für Mannheim bei "umgekrempelt"

Seit September 2015 bietet die Mannheimer in ihrem Laden in den M-Quadraten Slow Fashion für Mannheim an. Slow Fashion beschreibt nachhaltige, „entschleunigte“, bewusste Mode, die der schnelllebigen Massenware gegenübersteht. Diese Einstellung kann von allen Akteuren der Modeindustrie verinnerlicht werden: Konzernen, Designern, Produzenten und Käufern. So findet man in Isabelles Laden Kleidung, Accessoires und Geschenke von Labels, die genau diesen Gedanken mit ihr teilen. Hierbei ist der enge persönliche Kontakt mit den Partnern, aber auch die Qualität der Produkte für sie ausschlaggebend. Neben ihrem Interesse für Slow Fashion teilt Isabelle ihre Passion für das Nähen mit ihren Kunden. Mit Pikobella hat sie eine eigene Upycling-Kollektion entwickelt, die sie auch in ihrem Laden vertreibt. Sie verarbeitet Kleiderspenden, vor allem aber Jeans, um Accessoires wie Turnbeutel oder Stiftemäppchen herzustellen. Neben aussortierter Kleidung, kann man aber auch seine kaputten Lieblingsteile zu ‚umgekrempelt‘ bringen, die sie dann repariert. Isabelle erinnert sich: „Früher war es Gang und Gebe, seine Jeans zu reparieren. Und zwar nicht nur einmal, sondern auch vier- oder fünfmal. So kann man unglaublich viele Ressourcen schonen.“ Zusätzlich gibt es auch regelmäßig Workshops, in denen Isabelle den Teilnehmern zeigt, wie man alte Jeans sinnvoll verwerten kann oder kaputte Jeans repariert, wie man mit Papier näht oder wie man einfach T-Shirts kreativ umgestalten kann. „Mein Ziel ist es zu zeigen wie viel Zeit und Mühe dahinter steckt, sodass man Kleidung wieder die Wertschätzung entgegenbringen kann, die sie verdient.“ Mit ihrem ‚umgekrempelt‘-Konzept stellt sich Isabelle den ständig wechselnden Trends und regelmäßigen Sales von Großkonzernen entgegen und schreibt Textilien so wieder einen angemessenen und realen Wert zu.

Nachhaltigkeit heißt Balance!

Das Thema Nachhaltigkeit ist jedoch nicht nur in Isabelles beruflichem Alltag präsent, sondern hat auch in ihrem privaten Leben einen hohen Stellenwert. Das heißt für sie aber nicht, dass man in jedem Bereich perfekt sein muss, sondern dass man eine Balance findet:  „Ich fliege gerne in den Urlaub und ich esse gerne chinesische Tütensuppen mit Glutamat – und trotzdem kaufe ich im Bio-Supermarkt ein. Das eine schließt das andere nicht aus.“ So findet Isabelle, dass es nicht Perfektion ist, was Nachhaltigkeit ausmacht, sondern das Bewusstsein über sein eigenes Verhalten. „Man sollte einfach da anfangen, wo man gerade Lust hat.“ So verurteilt sie niemanden, der Fast Fashion kauft, sondern versucht mit ihrer Begeisterung anzustecken. „Nach privaten Gesprächen kamen dann schon Leute hier in den Laden, die dann auch mal so ‘ne faire Unterhose kaufen wollten“, lacht Isabelle. Das ist genau ihre Art und Weise, Nachhaltigkeit zu leben.