Währungssystem - Otmar Issing, ehemaliger Chefvolkswirt der der Europäischen Zentralbank, referierte Vertrauen in die Geldstabilität

Von 
Daniela Kraft
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Würzburg. Ob Griechenlandkrise, die niedrigen Zinsen, Inflation oder das in wenigen Tagen stattfindende Referendum der Engländer über Verbleib in oder Ausstieg aus der Europäischen Union - diese Themen sind es derzeit unter anderem, die Deutschland bewegen und dementsprechend viel und kritisch diskutiert werden. Die Möglichkeit, den Standpunkt eines erfahrenen Ökonomen zur aktuellen makroökonomischen Situation Deutschlands anzuhören, der noch dazu jahrelang am geldpolitischen Geschehen mit eigenen Händen beteiligt war, hatten interessierte Besucher - vor allem Studenten - kürzlich in Würzburg. Otmar Issing, der unter anderem bereits als Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung oder Chefvolkswirt und Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank aktiv war, gastierte an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität. Bis heute schätzen viele die Meinungen und Ratschläge des mittlerweile 80 Jahre alten gebürtigen Würzburgers.

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In seinem Vortrag ging es um die Entwicklung und Zukunft des internationalen Währungssystems. Dabei betonte er sowohl geschichtliche Aspekte, die weitreichende Auswirkungen auf das in der heutigen Zeit bestehende Währungssystem hatten, als auch Voraussetzungen für funktionierende Währungssysteme.

Neben einer grundsätzlichen Geldstabilität sei vor allem Vertrauen in derartige Systeme ein maßgeblicher Faktor, ohne den sich "massive Probleme", so Issing, ergeben. Schon vor 18 Jahren trat er als Direktoriumsmitglied der Bundesbank für einen Stabilitätskurs des Geldes ein, dieser Überzeugung ist er bis heute treu geblieben.

"Das Erscheinen des Euro auf der Weltbühne hat das Weltwährungssystem dramatisch verändert", argumentierte Issing über die Stellung des Euro auf internationaler Ebene, mittlerweile dominiere der Euro in Europa, weltweit gesehen sei er - nach dem Dollar - die zweitstärkste Währung. Gerade was das Währungssystem der Eurozone angehe, fänden sich allerdings nicht nur Befürworter des Systems. "Was für ein Land das Beste ist, ist eine Frage der Empirie, nicht des Glaubens", warf er in den Raum.

Komplexität nimmt zu

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Außerdem würde es nichts bringen, "die Entwicklung der Währung mit Politik zu überschatten, zumal diese vom Markt und den Anlegern beeinflusst wird". Im Allgemeinen könne man aber sagen, dass "mit zunehmender Globalisierung auch die Situation des Finanz- oder Währungssystems immer komplexer wird", so Issing.

"Alles, was wir heute erleben, ist eine Folge von 1944", betonte Issing und wagte einen kleinen Blick in die Zukunft. Demnach könne er sich in Hinsicht auf die momentan stattfindende Entwicklung der chinesischen Wirtschaft und deren Währung durchaus vorstellen, dass der Renminbi bald eine große Rolle auf dem internationalen Markt spielen und als unvermeidlich angesehen werden könnte. Dennoch wolle er sich auf keine Prognose festlegen, "man soll nie Prognosen abgeben, deren Ende man noch erleben könnte", schmunzelte er.

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Was das bald bevorstehende Referendum von Großbritannien angehe und für den Fall, dass die Engländer aus der Europäischen Union austreten, sehe er im Gegensatz zu manch anderen Ökonomen keinen Grund zur Sorge, dass eine solche Entscheidung den Kurs des Euro schwächen könnte. Darüber hinaus finde er es "absurd, über so etwas ein Referendum zu veranstalten", wie er in einem Nebensatz verlauten ließ.

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Gebannt lauschten alle Anwesenden den Erzählungen des erfahrungsreichen "Zeitzeugen, der nicht nur Beobachter, sondern auch einflussreicher Akteur" gewesen sei, so Peter Bofinger, Professor an der Universität und Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

Die Zeit nach dem Vortrag wurde von den Anwesenden rege genutzt, um mit dem bedeutenden Ökonomen zu diskutieren. Die Fragen aus dem Publikum sprachen überwiegend Sorgen oder als potenzielle Probleme wahrgenommene Angelegenheiten an. Neben der Situation Großbritanniens waren auch das Währungssystem der Schweiz oder die Folgen der zunehmenden Digitalisierung für Währungen Thema der anschließenden Diskussion.

Issing wurde in diesem Jahr zum Ehrensenator der Universität Würzburg ernannt und erhielt damit die höchste Auszeichnung der Universität. In jedem Fall freue sich Otmar Issing laut eigener Aussage über eine Einladung der Universität zu seinem 90. Geburtstag.