Katholische und evangelische Kirche - Negativrekord bei Austritten im Jahr 2019 / Zahlen für 2020 noch nicht vollständig / Zahlreiche Projekte sollen den Trend aufhalten Entfremdung und fehlende Bindung

Die Austrittswelle aus den beiden großen christlichen Kirchen bleibt ungebrochen. Landauf, landab werden die Standesämter und Amtsgerichte mit entsprechenden Erklärungen geflutet.

Von 
Barbara Kurz
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Sowohl im regional Bereich als auch landesweit steigen die Zahlen der Kirchenaustritte. In den vergangenen Jahren war deshalb die Zahl der Mitglieder in den beiden großen Kirchen stark rückläufig. © dpa

Main-Tauber-Kreis. Der Skandal um den Kölner Kardinal Woelki mit dem Vorwurf, die Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe verschleppt zu haben, enttäuscht viele Kirchenmitglieder bundesweit und entsprechend steigen die Austrittserklärungen. Hinzu kommt die Corona-Krise, die wie ein Katalysator eines dringend notwendigen Klärungsprozesses wirkt: Für wen wollen die Kirchen da sein und mit welchen Angeboten? Doch wie sieht die Entwicklung der Mitgliederzahlen in den evangelischen und katholischen Gemeinden der Region aus? Unsere Zeitung fragte nach.

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„Jede Austrittserklärung, die ich vom Ordnungsamt erhalte, schmerzt mich und ist für mich ein Austritt zu viel“, sagt die Dekanin des evangelischen Kirchenbezirks Weikersheim, Renate Meixner. Der Trend sei auch im regionalen Bereich steigend und werde auf allen Ebenen der Kirchenleitung intensiv diskutiert. Konkrete Zahlen für 2020 werden aktuell noch ermittelt und stehen daher noch nicht zur Verfügung. Die Zahlen für das Jahr 2019 jedoch sprechen für sich: In der gesamten Württembergischen Landeskirche traten 1,23 Prozent (24 109 Evangelische) aus. In 2018 waren es noch 0,96 Prozent (19 222). Der bundesweite Schnitt der evangelischen Kirchen Deutschland liege etwa bei zwei Prozent.

Kirchliche Verbundenheit

Im Vergleich hierzu sind im evangelischen Kirchenbezirk Weikersheim mit seinen rund 35 Kirchengemeinden und 17 300 evangelischen Christen 2019 etwa 0,7 Prozent (114 Menschen) und 2018 etwa 0,5 Prozent ausgetreten. Die Zahlen zeigen, dass der Kirchenbezirk weit unter dem Landesschnitt liegt. Die kirchliche Verbundenheit, weiß Dekanin Meixner, ist im regionalen Bereich immer noch relativ hoch. Austrittsgründe im Einzelnen zu erfahren, sei jedoch nicht leicht, da sich Menschen, die sich von der Kirche getrennt haben, beim Ordnungsamt und nicht bei den jeweiligen Pfarrämtern erklären müssten. Die Kirchengemeinden bekommen lediglich die Austrittserklärung von der Kommune zugesandt und schreiben die Ausgetretenen an, um Gründe zu erfragen.

Renate Meixner: „In der Regel erhalten wir keine Antwort.“ Sie ist sich jedoch sicher, dass eine wesentliche Ursache die Kirchensteuer sei. Aber auch Enttäuschungen durch eine Pfarrperson oder einen anderen Mitarbeiter der Gemeinde, Ablehnung des kirchlichen Vorgehens in der Corona-Krise, Ablehnung, dass homosexuelle Paare in der Landeskirche nicht kirchlich getraut, sondern nur gesegnet werden können, sind zunehmend von Bedeutung.

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Renate Meixner: „Meine Wahrnehmung ist, dass im gesellschaftlichen Diskurs Kirche sehr oft auf dem Prüfstand steht, was vielleicht auch mit einer grundsätzlichen Kritik an Institutionen zu tun hat und mit einer starken Individualisierung der Gesellschaft. Parteien und Vereine stehen ja vor ähnlichen Entwicklungen. Das Wissen über Kirche und über die Grundlagen des Christentums schwindet. Es ist so wie in vielen anderen Bereichen, dass mehr Meinungen als Fakten das Bild von Kirche nach außen prägen“. Die steigenden Austrittszahlen werden in den Kirchengemeinden sehr ernst genommen, ohne dabei in Angst oder Depression zu verfallen.

Fehlende Bindung zur Kirche

Das Thema „Kirchenaustritte“ sei im Allgemeinen für die Kirchen kein schönes Thema, so der Leiter der Geschäftsstelle des Dekanats Mergentheim, Dr. Thomas Böhm. Insbesondere das Agieren der Bistumsleitung in Köln führe wohl nachhaltig dazu, dass viele Menschen der katholischen Kirche bei der konsequenten Aufarbeitung des Missbrauchsskandals immer weniger zutrauen. Im Jahr 2019 haben im Dekanat Mergentheim 159 Menschen bei insgesamt 17 040 Katholiken die Kirche verlassen. Hauptgrund, so schätzt Böhm die Lage ein, sei wohl oft die Entfremdung oder fehlende Bindung zur Kirche.

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Als alarmierend und besorgniserregend bezeichnet Matthäus Karrer, Weihbischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, die Zahl an Kirchenaustritten. Mit 21 861 Austritten im Jahr 2019 verzeichnete die Diözese laut einer Pressemitteilung einen Negativrekord. Zum Vergleich: Im Jahr 2018 waren 17 497 Katholikinnen und Katholiken aus ihrer Ortskirche ausgetreten, 2017 waren es 13 552 gewesen. Die Mitgliederzahl der Diözese Rottenburg-Stuttgart belief sich am Ende des vergangenen Jahres auf 1 788 495 Frauen und Männer.

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„Besonders besorgt blicke ich auf die Gruppe der 25- bis 35-Jährigen“, stellt der Weihbischof fest. Auch 2019 sei in diesem Alter die Zahl der Kirchenaustritte besonders hoch gewesen. Um dem entgegenzuwirken, startete, laut einer Pressemitteilung der Diözese Rottenburg-Stuttgart, im September 2020 ein fünfjähriger Projektschwerpunkt zur „Glaubenskommunikation Junger Erwachsener“ in der Diözese.

In Krisen gestützt

Sowohl in evangelischen, als auch in katholischen Gemeinden geschieht viel gute Arbeit durch Pfarrer und weitere Haupt-und Ehrenamtliche, die auch in Zukunft fortgesetzt wird, ist sich Dekanin Renate Meixner sicher. Beispielsweise werden Menschen in Schwellensituationen wie Geburt, Heirat und Tod begleitet und in Krisenzeiten durch Besuchsdienste gestützt. Die Württembergische Landeskirche hat nun ein Programm „Innovative Aufbrüche“ aufgelegt, um neue Projekte und neue Pfarrstellen zu fördern. „Unser Kirchenbezirk hat eine solche Stelle beantragt und auch bewilligt bekommen“, freut sich die Dekanin. Ziel sei es, zukünftig mehr auf die Menschen zuzugehen, die sich von der Kirche entfernt haben, statt auf eine „Komm-Struktur“ zu hoffen.

Eine eigens für dem Kirchenbezirk Weikersheim entwickelte App geht demnächst an den Start, ebenso entsteht eine Broschüre mit Informationen rund um den Kirchenbezirk Weikersheim. „Wir sind auf dem Weg hin zu einer hybriden Kirche, die möglichst viele Kommunikationswege nutzt, um Menschen auf die gute Botschaft der Bibel anzusprechen.“

Renate Meixner abschließend: „Das Hingehen zu den Menschen, gerade auch zu den Kirchendistanzierten, erscheint mir besonders wichtig, ihre Erwartungen an Kirche zu hören und alles zu tun, um eine gastfreundliche Kirche mit offenen Türen zu sein. Es ist und bleibt eine Herausforderung, hier immer wieder neue Wege zu finden und zu beschreiten.“