Jüdischer Friedhof - Historiker Uri R. Kaufmann blickt auf deutsch-jüdische Geschichte zurück und gibt Einblicke in religiöse Hintergründe Workshop wirft Fragen zum jüdischen Friedhof auf

Um die Geschichte des jüdischen Friedhofs in Wertheim zu beleuchten, veranstaltete der Historische Verein am Montagabend einen Workshop. Die dabei gezeigten Quellen warfen einige Fragen auf.

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Elisa Katt
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Die Quellen, mit denen sich die Teilnehmer des Workshops beschäftigten, gehen teilweise bis ins 15. Jahrhundert zurück. © Elisa Katt

Wertheim. Einen Querschnitt durch die jahrhundertelange Geschichte des jüdischen Friedhofs in Wertheim bot der Workshop des Historischen Vereins am Montagabend. Am Ende stand unter anderem die Erkenntnis, dass der Friedhof, wie er heute existiert, nicht nur ein Zeugnis jüdischer Kultur in Wertheim ist, sondern in weiten Teilen ein Produkt zuerst der Zerstörung im Dritten Reich und später weiterer Eingriffe nach dem Kriegsende. Das dürfte auch auf die Debatte um eine Sanierung ein neues Licht werfen.

Diskussion um Sanierung des jüdischen Friedhofs

  • Dass der Jüdische Friedhof aktuell Gegenstand von Debatten und Beratungen ist, zeigte auch, dass mit Ordnungsamtsleiter Volker Mohr ein Vertreter der Stadtverwaltung sowie mit Brigitte Kohout (SPD) und Axel Wältz (CDU) Mitglieder des Gemeinderats beim Workshop anwesend waren. „Volker Mohr wird in seiner Zuständigkeit für das Friedhofswesen die aus dem Workshop gewonnenen Erkenntnisse in die laufenden Arbeitsprozesse einfließen lassen“, sagte Angela Steffan, Pressesprecherin der Stadt, auf Nachfrage.
  • „Den Friedhof begehbar zu machen, muss auf der Tagesordnung bleiben“, betonte Axel Wältz und verwies auf das Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Der Zustand, in dem sich der Friedhof aktuell befinde, sei ein Zeugnis der Geschichte – und der Zerstörung. „Er muss auch vor diesem Hintergrund als Gedenkort gesehen werden.“ Eine enge Zusammenarbeit mit der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden sei unabdingbar.
  • „Man muss bei den Gesprächen über eine Sanierung in jedem Fall berücksichtigen, dass Maßnahmen, die hier auch nach 1945 stattgefunden haben, nicht immer im Sinne der jüdischen Religion waren“, fand indes Brigitte Kohout. „Der Friedhof ist an erster Stelle ein Ort der Totenruhe und wir sollten sensibel an dieses Thema herangehen.“ So weiterzumachen wie bisher, sei keine Option.
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Es war eine Premiere für den Verein, der im vergangenen Jahr den Großteil der Veranstaltungen Corona-bedingt absagen musste. Nun fanden sich die mehr als 20 Teilnehmenden online zusammen, um gemeinsam Quellen zu lesen und zu analysieren. „Wir wollen uns stärker mit der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts beschäftigen“, erklärte Vorsitzender Frank Kleinehagenbrock zu Beginn. Aus aktuellem Anlass hatte sich der Verein den jüdischen Friedhof als Thema gesetzt. Der Workshop stellte die erste in einer Reihe geplanter Veranstaltungen dar. An dessen Anfang stand ein Impulsreferat von Uri R. Kaufmann, Schweizer Historiker und Leiter der Alten Synagoge in Essen.

Quer durch die Geschichte

„Wir gehen miteinander jetzt in Sieben-Meilen-Stiefeln durch die deutsch-jüdische Geschichte“, kündigte Kaufmann an. Sein Vortrag reichte von der Entstehung des rabbinischen Judentums im zweiten bis fünften Jahrhundert über die europaweite Verfolgung der Juden im Zusammenhang mit der Beulenpest im 14. Jahrhundert, die Kontroverse um die Totenruhe Ende des 18. und den Kampf um Gleichberechtigung im 19. Jahrhundert bis zu den Gräueltaten des NS-Regimes.

Außerdem gab Kaufmann Einblicke in die religiösen Hintergründe jüdischer Friedhöfe. Unter anderem ging er auf die Bestattung möglichst am Tag des Sterbens und die ewige Grabesruhe ein. Ein jüdischer Friedhof darf aus diesem Grund nie aufgelöst werden. „Wir müssen stets bedenken, dass es sich bei dem Friedhof in Wertheim bis heute um einen Ort religiöser Praxis handelt“, betonte Frank Kleinehagenbrock.

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Er und Monika Schaupp, Leiterin des Staatsarchivs Wertheim, stellten mehrere Quellen vor. Die ältesten stammen aus dem 15. Jahrhundert. In den „Bestimmungen über den Begräbnisplatz der Juden zu Wertheim“ aus dem Jahr 1499 wird den jüdischen Bürgern ihr Bestattungsort zugesichert. Zudem macht dieses Dokument den Charakter des Wertheimer Friedhofs als Verbandsfriedhof deutlich: Es durften auch auswärtige Juden beigesetzt werden.

Voraussetzung für Gemeinde

Kaufmann machte deutlich, dass die Bestattungsmöglichkeit für eine jüdische Gemeinde entscheidend war. „Das Recht, sich an einem Verbandsfriedhof beerdigen lassen zu dürfen, wurde vom Vater auf den Sohn vererbt“, erklärte der Experte weiter. „Vermutlich gab es einen Mangel an erreichbaren Friedhofsgrundstücken, so dass Juden in der weiteren Umgebung froh waren, dass es so einen Friedhof überhaupt gab“, fügte er an.

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Bei der nächsten Quelle handelte es sich um eine Bittschrift der Juden an vier Wertheimer Grafen aus der Zeit des 30-jährigen Kriegs, in dem sie Vandalismus auf dem Friedhof beklagen und um Schutz bitten. So wurde das gerade instand gesetzte Leichenhaus zerstört, Mauern eingerissen und ein Trampelpfad angelegt, der zum Bleichen von Baumwolltüchern genutzt wurde. „Man darf von einem Friedhof nicht profitieren“, setzte Kaufmann das in Kontext. „Und man darf ihn auch nicht an jedem Tag betreten.“

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Spannend an dieser Quelle: Es ist die Rede von Grabsteinen, die damals bereits 600 Jahre alt sein sollen. Dieser Abschnitt sei umstritten, erklärte Kleinehagenbrock, „in jedem Fall aber haben die Juden des 17. Jahrhunderts eine ganz klare Vorstellung davon, dass ihr Friedhof zu den ältesten gehört.“ Das bestätigte Kaufmann: „Der Wertheimer Friedhof war einer der wenigen, die die Vertreibung der Juden aus den Reichsstädten bis ins Jahr 1520 überstanden haben.“

Kurz gingen die Teilnehmer auf die Erweiterung des Friedhofs um das Jahr 1714 sowie auf die Anfang des 19. Jahrhunderts festgelegte Ordnung für Bestattungen ein, bevor sie sich der aktuellsten Quelle widmeten: Einer Akte zum jüdischen Friedhof mit Dokumenten, die teilweise bis in die Zeit des Nationalsozialismus zurückgehen.

Der Oberrat der Israeliten in Baden erkundigte sich regelmäßig nach dem Zustand des Friedhofs. Bei der Interpretation des Umgangs der Stadt mit dem Bestattungsort gingen die Meinungen im Workshop auseinander. Monika Schaupp und Frank Kleinehagenbrock sprachen von „Lieblosigkeit“: Man nahm sich der Sachen in der Regel erst nach Aufforderung an. Die Berichte bewegten sich zwischen „gut gepflegt“ und „schlechter Zustand“. Einige Teilnehmer sahen jedoch ein gewisses Verantwortungsbewusstsein. So ist in einem Brief des Bürgermeisters Carl Roth aus dem Jahr 1946 zu lesen: „Die Stadtverwaltung betrachtet es als eine selbstverständliche Pflicht, darüber zu wachen, dass der Friedhof in einem würdigen Zustand erhalten bleibt.“ Gleichzeitig wurde deutlich, dass Aufbauarbeiten nach dem Krieg vermutlich mit wenig Sachverstand stattfanden. Viele der Grabsteine stehen heute nicht mehr an ihrem richtigen Platz.

Eingriffe prägen Bild bis heute

Kaufmann gab in diesem Zusammenhang zu bedenken, dass der Oberrat nach dem Holocaust schlicht nicht die Möglichkeit hatte, sämtliche Friedhöfe eng zu betreuen. Das erkläre auch, warum in der Nachkriegszeit mehrmals größere Eingriffe in den Friedhof stattfanden. So wurden teilweise nachträglich Wege angelegt und das Leichenhaus abgerissen. Außerdem betonte Kaufmann mehrfach: „Auf einem jüdischen Friedhof darf nicht gegraben werden, um die Totenruhe nicht zu stören.“ Wege und Geländer, wie sie heute existieren, hätten das aber höchstwahrscheinlich erfordert.

„Wenn wir uns weiter mit dem Friedhof beschäftigen, ist es wichtig zu unterscheiden, wo historischer Bestand ist, und wo Veränderungen stattgefunden haben, die das Bild bis heute prägen“, lautete nach mehr als drei Stunden das Fazit von Frank Kleinehagenbrock.

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