75 Jahre Kriegsende - Vor 75 Jahren beschoss die US-Armee das Dorf auf der Höhe, weil eine zum großen Teil aus Kindersoldaten bestehende Kampfgruppe Widerstand leistete Tage, an denen Nassig die Hölle erlebte

Von 
Gerd Weimer
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Kameraleute der US-Armee haben den Angriff auf Nassig festgehalten. © US Army Signal Corps’ Army Pictorial Service

Kindersoldaten waren dazu verdammt, den Angreifern Widerstand zu leisten. Damit nahm das Schicksal seinen Lauf. Vor 75 Jahren legten US-Truppen Nassig in Schutt und Asche.

Video über Angriff aus Nassig

  • Zahlreiche Kameraleute begleiteten die US-Armee während des Zweiten Weltkriegs. Ähnlich der deutschen Wochenschau wurden die Aufnahmen in den Kinos gezeigt.
  • Über die Kämpfe um Nassig gibt es eine etwa eineinhalbminütige Sequenz. Sie stammt aus einer US-Wochenschau und ist auf der Videoplattform der Fränkischen Nachrichten bei Youtube abrufbar und auf www.fnweb.de zu sehen.
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Wertheim. „Zuerst leise, dann jedoch immer lauter und lauter vernahm man das Dröhnen der anrollenden Panzer und plötzlich ertönte, gleichsam wie als Startschuss der Katastrophe, das Bersten einer Panzerfaust.“ Ernst Scheurich hielt diese schaurige Szenerie fest. Er war wegen einer schweren Erkrankung aus dem Kriegsdienst entlassen worden. Doch jetzt, am Karfreitag des Jahres 1945 kam der Krieg in sein Heimatdorf Nassig.

Es war der 30. März, nach Aussagen von Zeitzeugen eigentlich ein schöner Tag. Die Frühlingssonne schien kräftig. Die sich überschlagenden Nachrichten von vorrückenden US-amerikanischen Truppen hatten die Nassiger längst aufgeschreckt. Eigentlich war der Höhenort kaum von militärischer Bedeutung.

Kein vernünftiger Stratege hätte ausgerechnet dieses Dorf ausgesucht, um eine Verteidigungslinie aufzubauen. In der Nachkriegszeit machte oft die These die Runde, die Befehlshaber wollten damit einen geordneten Abzug der Luftwaffeneinheiten vom Fliegerhorst auf dem Reinhardshof absichern. Doch es finden sich keine Quellen, die das belegen könnten. Im Gegenteil: Der Historiker Herman Ehmer schrieb in seinem 1985 erschienenen Aufsatz über das Kriegsende in Wertheim: „Diese Kampftruppe hatte eigentlich Befehl, sich am Karfreitag wieder abzusetzen, doch die Panzer (der US-Armee) holten sie in Nassig ein.“

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Die Kampftruppe, die am Gründonnerstag in Nassig angekommen war, soll demnach etwa 50 Mann eines Ansbacher Ersatzbataillons umfasst haben. Von „Männern“ konnte aber überwiegend keine die Rede sein. Zum Großteil waren es 16- und 17-jährige Burschen, die erst seit 14 Tagen Uniformen trugen. Kaum ausgebildet und schlecht ausgerüstet, dienten sie dem „Führer“ und seinen skrupellosen Generälen als Kanonenfutter. Die militärische Lage war schon lange vorher desolat, der Krieg längst verloren.

„Nassig muss verteidigt werden“

Chronist Ernst Scheurich, der später Bürgermeister von Nassig wurde, schrieb: „Auf dem Nachhauseweg (vom Karfreitagsgottesdienst) hörte ich plötzlich aus dem südwestlichen Erftal die harten Schläge von Panzerkanonen und wusste nun, dass die Front in unmittelbare Nähe gerückt war. Da gegen Abend der Tross der Kampfgruppe von einheimischen Pferdefuhrwerken zum Großteil bereits wegtransportiert worden war, hoffte ich, dass die Truppen schon auf dem Marsch sein würden, bevor die gegnerischen Panzerspitzen bis zu uns vorgestoßen waren. Doch nun überstürzten sich die Ereignisse. Ein Kradmelder kam aus Richtung Neunkirchen angebraust und überbrachte den Einheitsführern die Meldung, dass in Eichenbühl ein starker Panzerverband in Richtung Neunkirchen-Nassig im Anmarsch sei. Nach kurzer Beratung mit dem in Bestenheid liegenden Stab begann nun eine fieberhafte Aktivität unter den Soldaten. Der Befehl war da: ‚Nassig muss verteidigt werden.’“

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Der damalige Pfarrer Kaufmann kam am Karfreitag von einem Gottesdienst in Sonderriet nach Nassig zurück, rechts und links der Straße sah er die jungen Kämpfer mit Panzerfäusten im Graben hocken. „In Nassig herrschte die helle Aufregung, denn das Vorrücken der amerikanischen Panzerverbände sollte hier verzögert werden. Es war klar, welch grausiges Geschehen auf das Dorf zukam“, schrieb er. Auf die Frage des Pfarrers an einen Unterleutnant nach dem Sinn des Ganzen sei ihm gesagt worden: „Befehl ist Befehl.“

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Die US-amerikanischen Truppen kannten im Kampf gegen die zum Teil fanatisierten deutschen Wehrmachtskämpfer keine Gnade, wenn sie auf Widerstand stießen. Einer der deutschen Soldaten hatte auf der „Säuhöh“, wie der westlich von Nassig gelegene Hügel genannt wird, einen Panzer mit seiner Panzerfaust geknackt und gab so quasi das Signal für die US-Truppen Nassig unter Beschuss zu nehmen.

Karl Dürrich aus Gaildorf zählte zu den Kämpfern, die dort ausharrten. Er überlebte den Angriff und ließ die Nachwelt 40 Jahre später wissen: „Im Alter von zehn Jahren kamen wir zum Jungvolk, mit 14 Jahren zur Hitlerjugend. Damals schon musste man an Wehrertüchtigungslagern teilnehmen. Am 20. April 1944 meldete sich der ganze Jahrgang 1928 als Geburtstagsgeschenk für den Führer kriegsfreiwillig. Im Oktober 1944 kamen wir zum Volkssturm, im Januar 1945 zum Reichsarbeitsdienst. In all diesen Einrichtungen wurde neben der Ausbildung an den Waffen nur Hass gegen den Feind geschürt, zuletzt mit dem Vorwand, unsere Heimat verteidigen zu müssen. So motiviert wurden wir zur Wehrmacht eingezogen und marschierten in den letzten Märztagen 1945 Richtung Front“, wird er in einem Bericht der Fränkischen Nachrichten zitiert.

In dem Artikel heißt es weiter: „Nach einer Woche des Soldatseins und einem Fußmarsch von 150 Kilometern mit vollem Gepäck und Ausrüstung traf man am Karfreitag gegen vier Uhr morgens in Nassig ein. Der Nachmittag verlief ruhig, doch als der Abend hereinbrach, erging der Befehl, sich zum Einsatz fertig zu machen. Während die jungen Soldaten dem Gruppenführer über die Felder folgten und Leuchtspurgeschosse an ihnen vorbei zischten, bekämpfte Dürrich die aufsteigende Angst. ( . . . ) Als die Deutschen sich zurückziehen mussten, kam er mit den Kameraden nicht so schnell mit und legte sich in eine Ackerfurche.

Sofort tot

Längere Zeit erlebte er, wie die eigenen Kameraden und die Amerikaner über ihn hinwegschossen. In der Kampfpause in der Nacht mussten die Deutschen wieder nach vorne und sich Zweimann-Deckungslöcher graben. Dürrich war zusammen mit seinem Kameraden gegen vier Uhr morgens fertig. Sie aßen noch etwas aus dem Brotbeutel und schliefen dann völlig übermüdet im Deckungsloch ein.

Dürrich erwachte vom Kampfeslärm und klemmte sich die Ohren zwischen die Knie, um nichts hören zu müssen. Er erlebte, wie ein amerikanischer Panzer über das Deckungsloch fuhr.

Sein Kamerad und acht weitere Soldaten in vier anderen Deckungslöchern kamen dabei um. Dürrich ergab sich, hatte Mühe, aus dem mit Erdreich zugedrückten Deckungsloch freizukommen und kam in Gefangenschaft.“

Die ersten Granateinschläge und dann die auflodernden Flammen in Nassig schienen Pfarrer Kaufmann unterdessen wie das „Präludium zum schrecklichen Schlussakkord“. Den Kämpfen während der Nacht und am folgenden Tag folgte schließlich eine „merkwürdige Stille und ein rasselndes Geräusch und die Menschen wussten: amerikanische Panzer fahren als Sieger durch das Dorf“, wie er schrieb.

Die Bilanz der Schlacht: „28 Wohnhäuser, 64 Scheunen, Kirche und Schule sowie ungezählte Nebengebäude waren vernichtet. Die Zivilbevölkerung hatte fünf Opfer zu beklagen“, schrieb Scheurich und ergänzte: „34 meist junge Soldaten hatten ihr Leben lassen müssen.“

Unter den zivilen Opfern befand sich eine Familie, die aus dem Wald, in den die Dorfbewohner geflohen waren, ins Dorf zurückgekehrt war, um eine alte Frau zu retten. „Gerade hatten sie den Waldrand erreicht, als über ihnen in den Baumwipfeln eine Granate zerbarst. Mutter, Sohn und die alte Frau waren sofort tot. Eine Tochter starb später im Lazarett“, so Scheurich. „Eine 69-jährige Frau wurde im Ortsteil Nassig von US-amerikanischen Soldaten erschossen, weil die schwerhörige Frau der Aufforderung, den Keller zu verlassen, nicht nachkam“, berichtet Hermann Ehmer in seinem Aufsatz.

Redaktion Teamleiter Redaktion Wertheim