Jüdischer Friedhof - Bei Kontrolle im April stellten Prüfer Sicherheitsmängel fest / Seit Mitte Juni für Führungen geschlossen Knappe Kassen verhindern Sanierung

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Elisa Katt
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Michael Braunold aus Israel vor dem Grab seines Ururgroßvaters. © Dieter Fauth

Wertheim. Laute Stimmen füllen die Wertheimer Altstadt. Eine Gruppe US-amerikanische Touristen ist in den Gassen unterwegs und bestaunt die historischen Gebäude. Sie zeigen auf kunstvoll verzierte Fassaden, zücken hin und wieder den Fotoapparat und lauschen Ursula Kohout, die vorangeht und die Geschichte der Sehenswürdigkeiten erzählt.

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Dann verlässt die Gruppe die Altstadt. Außerhalb der alten Stadtmauern liegt unscheinbar, fast versteckt, ein Kleinod der Erinnerungskultur. Ganz still ist es, als Ursula Kohout das gusseiserne Tor zum jüdischen Friedhof aufschließt.

„Unheimlich reiche Geschichte“

Der Friedhof wurde bereits 1406 angelegt und ist damit der älteste seiner Art in ganz Baden-Württemberg. 72 Grabsteine allein aus dem 15. Jahrhundert sind bis heute erhalten, die letzte Bestattung fand im Jahr 1938 statt.

„Der jüdische Friedhof hat eine unheimlich reiche Geschichte, ich könnte stundenlang darüber erzählen“, stellt Stadtführerin Ursula Kohout fest – und genau das tut sie jedes Jahr, wenn zahlreiche Besucher in die Stadt kommen, um auf den Spuren der jüdischen Kultur in Wertheim auch den Friedhof am Stadtrand zu besichtigen.

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„Es ist faszinierend, was für ein Gefühl einen überkommt, wenn man den Friedhof betritt“, weiß Kohout aus Erfahrung.

Doch all das kam in diesem Jahr – nicht nur wegen der Pandemie – zum Erliegen: Eine dicke Eisenkette und ein massives Schloss versperren bereits seit Mitte Juni den Zugang zum Friedhof. Der Grund: Sicherheitsbedenken. Bei der jährlichen Wege- und Mauerkontrolle im April hatten die Prüfer festgestellt, „dass die Friedhofswege und die Treppenanlagen nicht mehr verkehrssicher sind“, berichtet Angela Steffan, Pressesprecherin der Stadt.

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Ursula Kohout und die restlichen Stadtführer wurden gebeten, ihre Schlüssel abzugeben. Bis zu vier Gruppen leitete Kohout sonst täglich über den jüdischen Friedhof. „Immer wieder kommt es vor, das Besucher auf den Grabsteinen Namen von Angehörigen finden“, erinnert sie sich und erklärt: „In den USA leben heute noch Juden, die in Wertheim geboren wurden.“ Nun solle all das plötzlich vorbei sein?

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Das wollte Kohout nicht hinnehmen und wandte sich an die Stadtverwaltung. Die Antwort: Rund 100 000 Euro würde die Sanierung kosten, um die Verkehrssicherheit des Hauptwegs wiederherzustellen.

Der Jüdische Friedhof befindet sich im Eigentum der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden (IRG) und wird von der Stadt Wertheim betreut. Für die Instandhaltung stellt das Regierungspräsidium Stuttgart jährlich eine Pflegepauschale von 80 Prozent der laufen Kosten zur Verfügung, den Rest trägt die Kommune selbst. „Die Stadt misst der Erinnerungskultur an die jüdische Stadtgeschichte große Bedeutung bei“, betont Steffan. Die Entscheidung, den Friedhof zu sperren, sei der Verwaltung daher nicht leicht gefallen: „Sie musste leider aus Sicherheitsgründen getroffen werden.“ Die Tourismus Region Wertheim (TWG) und die IRG wurden informiert.

Besichtigung nur von außen

„Gästeführungen zur jüdischen Stadtgeschichte bietet die TWG weiterhin an“, stellt Angela Steffan klar. Den jüdischen Friedhof könnten Besucher dabei ebenfalls besichtigten – allerdings nur von außen. „Es ist äußerst wichtig, diesen Friedhof der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, auch aus touristischer Sicht“, findet indes Christiane Förster, Geschäftsführerin der TWG. Der Friedhof sei ein Teil der Wertheimer Geschichte und werde überregional beworben: „Es wäre sehr schade, wenn er auf unabsehbare Zeit geschlossen bleibt.“

Doch es fehlt das Geld: „Die dem Regierungspräsidium zur Verfügung stehenden Mittel sind begrenzt“, erklärt Angela Steffan. Für eine „aufwendige Sicherungsmaßnahme“ wie die Instandsetzung des Friedhofs stellte es der Stadt keine Mittel in Aussicht. „Ein Antrag der Stadt auf Unterstützung aus Tourismusfördermitteln des Landes wurde ebenfalls negativ beschieden“, berichtet sie.

„Derzeit nicht realisierbar“

Zum Haushalt der Stadt hagelte es in der Gemeinderatssitzung am Montag ebenfalls Hiobsbotschaften – Oberbürgermeister Markus Herrera Torrez sprach von „großer Schieflage“ (wir berichteten). „Eine alleinige Kostenübernahme durch die Stadt Wertheim ist angesichts der aktuellen Finanzsituation derzeit nicht realisierbar“, bedauert Steffan.

Das will Ursula Kohout nicht hinnehmen: „Der jüdische Friedhof ist ein wertvolles Kulturgut“, betont sie. „Wir müssen eine Lösung finden.“ Es ist deutlich spürbar, dass es der Gästeführerin hier um eine Herzensangelegenheit geht.

Nicht umsonst zählt der jüdische Friedhof zu ihren Lieblingsplätzen in der Stadt. Gerade ist sie dabei, Kontakt zu Shimon Schwarzschild aufzunehmen, der als Kind aus Nazi-Deutschland fliehen musste. Der 94-Jährige hatte Wertheim zuletzt 2019 besucht. Sie wolle ihn über die Entwicklung informieren. „Erinnerungskultur ist nur möglich, wo die Vergangenheit durch Zeugnisse präsent ist“, betont Ursula Kohout. „Wir konnten bisher den Gästen zeigen, dass Erinnerungskultur für uns hier in Wertheim keine hohle Phrase ist.“

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