75 Jahre Kriegsende - Befreiung von 800 Gefangenen aus den Konzentrationslagern Neckarelz und Neckargerach KZ-Häftlinge saßen fünf Tage in Zug fest

Von 
Dr. Jörg Scheuerbrandt
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Befreite Häftlinge auf dem Gelände des Bahnhofs Osterburken. © Archiv KZ-Gedenkstätte Neckarelz

Am 4. April 1945 waren sie frei – amerikanische Soldaten hatten zwischen Osterburken und Adelsheim einen Zug mit rund 800 kranken Häftlingen der Konzentrationslager gesichert.

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Osterburken. Der Transport von 800 KZ-Insassen sollte in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges die „nicht gehfähigen“ Gefangenen aus den Lagern am Neckar nach Dachau bringen, wurde aber durch das rasche Vorrücken der Amerikaner an der Weiterfahrt gehindert. Die Wachmannschaft hatte die Waggons daraufhin bei Osterburken abgestellt und war geflohen. Nun kamen die halbverhungerten Gefangenen des NS-Regimes in die Römerstadt und wurden von Einwohnern und Amerikanern versorgt.

Produktion in Gipsstollen

1944 verlegten die Nazis kriegswichtige Produktionsstätten unter die Erde, um sie vor den Luftangriffen der Alliierten zu schützen. Im Neckartal wurden in Gipsstollen Flugzeugmotoren zusammengebaut. Zur anstrengenden Arbeit beim Ausbau der Stollen zu Fabrikhallen wurden KZ-Insassen gezwungen. Von rund 5400 dieser Gefangenen weiß man durch Transportlisten.

Als die Front näher rückte, räumte die SS die Lager und transportierte die Gefangenen in das KZ Dachau. Am 27. März brachen die „gehfähigen“ Häftlinge zu Fuß auf und marschierten nach Osten, zwei Tage später stand für die 800 „nicht gehfähigen“ ein Zug bereit. Dieser Transport folgte langsam der Strecke über Mosbach in Richtung Würzburg, musste aber bei Oberschefflenz in einem Tunnel halten und umkehren. Über Mosbach, Jagstfeld und Möckmühl erreichte der Zug nach nun zweitägiger Fahrt Osterburken. Es war der 31. März 1945 – Karfreitag.

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Eine Weiterfahrt war nicht möglich, da mittlerweile amerikanische Truppen östlich der Römerstadt standen. Der Zug wurde in Richtung Adelsheim zurückgesetzt und auf halber Strecke abgestellt.

Als die Amerikaner sich Osterburken näherten, flohen die Wachen und überließen die Gefangenen sich selbst. Am Abend des 2. April waren die US-Truppen von Schlierstadt kommend bis an die Kirnau vorgerückt, im Laufe des 3. April erfolgte die Besetzung der Innenstadt – um 17 Uhr war der Krieg in Osterburken beendet.

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Erst am nächsten Vormittag rückten die Soldaten in Richtung Adelsheim vor und befreiten den Zug. Bis zu diesem Zeitpunkt waren 20 Häftlinge gestorben und von ihren Kameraden in einem Massengrab zwischen Zug und Kirnau bestattet worden.

Schwierigkeiten bei Versorgung

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Wer von den Befreiten konnte, schleppte sich in die Stadt, die anderen wurden mit amerikanischen Lkw und zivilen Fahrzeugen nach Osterburken gebracht.

In der Schule und in den Gasthäusern errichteten die Helfer Lazarette und Unterkünfte. Die vielen Menschen unterschiedlicher Sprachen, alle in einem kritischen gesundheitlichen Zustand, unterzubringen und zu versorgen, war für die Osterburkener in dieser schwierigen Zeit eine große Herausforderung. Jeder Haushalt musste eine Matratze und Kleidung abgeben.

Etwa 300 der unterernährten Menschen benötigten stationäre Versorgung und Pflege, 19 von ihnen starben während der ersten Tage nach ihrer Befreiung.

Bis Ende April blieben die 800 Displaced Persons noch in der Stadt, dann machten sie sich auf den Weg in ihre Heimat: nach Frankreich, Russland, Polen und in viele andere Länder Europas.

An dieses Ereignis sollte in einer Gedenkfeier „Der Zug: Ende und Aufbruch, Gedenken an die Ereignisse vor 75 Jahren zwischen Adelsheim und Osterburken“ erinnert werden.

Die Städte Osterburken und Adelsheim sowie die örtlichen evangelischen und katholischen Kirchengemeinden wollten zu einem Gedenken auf der Wiese neben den Bahngleisen einladen.

Dort mussten die Gefangenen in offenen Güterwaggons vier Tage in einer verzweifelten Lage ausharren, bis sie durch die US-Armee befreit wurden.