Niederstettener Winzertanzgruppe - Tradition seit dem Jahr 1925 / Im 94. Winzerjahr unter nur vier Leitern tritt der 1108. Tänzer an Immer dabei: die Familie Wollinger

Von 
Inge Braune
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Die Formation der Winzertanzgrupe 2018 bei der „Welle“, bei der sich die Paare im Tanzkreis zu einer spektakulären Gesamtlinie aufreihen. © Winzertanz-Archiv

Wie nennt man das, wenn bereits beim Ur-Winzertanz 1925 ein Wollinger als „roter Führer“ dabei war, ab 1965 sein Sohn das Zepter führte, um es dann seinem Sohn weiterzureichen? Familiendynastie?

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Niederstetten. Nun, ganz so einfach ist es nicht. Und doch: die Wollingers, von Karl über Ernst bis hin zu Arnd Wollinger sind dem Traditionstanz – eigentlich weniger ein Tanz, sondern mehr ein Springen – regelrecht verfallen. Auch Helga Wollinger, die Frau des mittleren Winzertanzchefs, ist Trägerin der hoch ansteckenden Springtanzviren: Sie sorgt seit nunmehr 45 Jahren für Röcke, Mieder, Hosen und Mützen der in diesem Jahr mit je 22 roten und grünen Paaren antretenden Winzertänzer.

Bis heute fast unverändert

Los ging es mit dem großen Fränkisch-Hohenlohischen Bauern- und Weingärtnertag, der 1925 in Niederstetten ausgerichtet wurde: Weingärtner – „damals hatte ja jeder einen Weinberg“, erzählt Ernst Wollinger – wollten zu diesem Anlass etwas Ureigenes auf die Beine stellen. Buchdrucker Richard Knenlein entwarf den Tanz, entwickelte, vermutlich inspiriert vom Rothenburger Schäfertanz, die Figuren vom „Rad zu zweit“ über „Laube“, „Damen“- und „Herrenstern“ bis hin zur „Spirale“ und der abschließenden „Welle“, um nur einige der Tanzbilder aufzuführen, die bis heute unverändert für Begeisterung sorgen.

„Nein“, protestiert Ernst Wollinger: „Bei der Welle ist es anders. Der Winzerstock wurde anfangs quer gehalten, heute schräg!“ Sohn Arnd stimmt zu. Sonst: alles gleich. Nur die Anzahl der Paare schwankte. 24 waren es bei der Uraufführung 1925, inzwischen sind es seit Jahrzehnten mindestens 40 Paare. „Mehr als 48 Paare geht nicht“, sind sich die Wollingers einig. Als 2010 gleich 115 Anmeldungen eingingen, musste Arnd Wollinger etliche aufs Folgejahr vertrösten. Es steigen ja immer wieder Paare aus, denn mit dem Eheschluss ist Schluss mit dem Winzertanz. Das sorgte schon für manch tränenreichen Abschied.

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Es steigen ja immer wieder Leute aus: Mittanzen dürfen seit den 70er Jahren nur Ledige, seit 1965, als Ernst Wollinger sein Leiteramt antrat, Niederstettenerinnen und Niederstettener ab 16 Jahren.

Abweisen musste der seinerzeit niemanden, denn in den 60er Jahren wollten alle „modern“ sein. Tanzpaare zu finden, wurde zur echten Herausforderung. Um die Mindestzahl von sechzehn Paaren zu erreichen, tanzen schon 14-jährige Mädchen mit. Ernst Wollinger war grade mal 15, als er erstmals selbst als Winzertänzer antrat.

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Mit Traditionen hatte die damalige Jugend nicht mehr viel am Hut, erzählt er. Alte Zöpfe – von Anfang an hatte für die Mädchen „Zopfpflicht“ geherrscht – wurden abgeschnitten. Eine Weile setzte man, um den Regularien zu genügen, auf an die Mützen angenähte „Pflichtzöpfe“ aus Kunsthaar oder dem der Schere zum Opfer gefallenen Eigenhaar.

Die Röcke werden kürzer

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Dann kam die Minimode: einfach „schrecklich“. Dass die Mädchen in den 70ern die Trachtenröcke auf Minikürze umarbeiteten, lässt ihn bis heute beim gedanklichen Rückblick schaudern. Immerhin, fällt Helga Wollinger ein, hätten sie die Röcke nicht kurzerhand abgeschnitten, sondern hochgenäht, sonst hätte man ja später die Mehrfachsäume nicht wieder auslassen können. Sie muss es wissen, denn sie zeichnet seit 1974 bis heute für die Kostüme verantwortlich.

Die allerersten hatte der aus Niederstetten stammende jüdische Wahl-Schweizer Wilhelm Bernstein gesponsert. Er spendete die bestickten Hosen und die Stoffe für Mieder, Röcke und Westen. Genäht wurde eifrig – auch später, etwa 1974, als die Niederstettener Schneidermeisterin Isolde Menikheim mit etlichen Helferinnen 24 neue Kostüme anfertigte.

Was fasziniert am Winzertanz, der nach der Kriegszwangspause von 1939 bis 1947 nicht aufgeführt wurde? Ernst Wollinger: „Es ist die einzige Veranstaltung, bei der für rund zwei Monate über alle Vereinsgrenzen hinweg die Niederstettener Jugendlichen zusammenkommen und während und nach den Proben zur verschworenen Gemeinschaft werden – trotz der künstlichen Rivalität zwischen den „Grünen“ und den „Roten“, die auch Neuzugängen angeboren zu sein scheint.

„Will einer rot sein oder grün, und es passt nicht, hilft Überzeugungsarbeit nicht weiter. Dann entscheidet das Los“, berichtet Arnd Wollinger. Die teilweise über mehrere Tänzergenerationen weitergereichten Rivalitätsrituale wie Stiefeltrinken und Rot-Grün-Fußballspiel sorgen für knisternden Ansporn zu Höchstleistungen bei der zwanzigminütigen Springerei, auf die rund fünf Wochen im Jahr hin trainiert wird, bis alles perfekt sitzt.

Aus der Not zur Attraktion

Fast perfekt: Ein einziger falscher Pfiff beim „Damenstern“ sorgte 1982 bei der Aufführung auf dem Sportplatz für rot-grünes Chaos. Zwei Jahre später fiel der Tanz sprichwörtlich ins Wasser. Die Tänzer machten aus der Not eine Tugend, traten am Herbstfestmontag bei Fackelschein auf und steuerten so eine weitere Herbstfestattraktion bei, die seither nicht mehr fehlen darf.

Anderes wie der durchaus den Verkehr behindernde singende Winzerzug nach der Tanzaufführung zur Verköstigung bei Leiter Ernst Wollinger und seiner Frau verlor sich wieder. Beim sonntäglichen Lampionumzug der Kinder, den die Winzertänzer ab 1975 begleiteten, sind inzwischen nur noch die „kleinen Winzer“ dabei, nachdem die „großen“ allzu ausgelassen geworden waren.

Wenn die Winzertänzer in ihrem 94. Jahr auf ihre Geschichte zurückblicken, staunen sie: Erst vier Leiter gab es in all den Jahren. Auf den Erfinder und Gründer Richard Knenlein, der seine Tänzer 25 Jahre leitete, folgte 1951 Ernst Weigel. Der reichte nach 13 Jahren das Zepter an Ernst Wollinger, der mit 35-jährige Leitungsfunktion bislang den Rekord hält. Zum bereits 19. Mal leitet sein Sohn heuer die weit über die Region hinaus bekannte Tanzgruppe.

Die Winzertänzer wurden zum echten Niederstettener Aushängeschild, traten bereits mehrfach – 1995, 2000 und 2006 – in der Partnerstadt Le Plessis-Bouchard auf, mischten 1950 beim Landesturnfest in Aalen mit, durften 2002 als einzige Trachtengruppe beim beim Landesmusikfestival-Festzug anlässlich des 50-jährigen Landesjubiläums in Stuttgart mitziehen und begeisterten 2016 beim Landesfestumzug der Heimattage Baden-Württemberg in Bad Mergentheim. Kein Wunder, dass sie 2011 beim Medienpreis Tauberfranken als „Abräumer“ in der Kategorie Kunst und Kultur gefeiert wurden.

Freie Autorin Berichte, Features, Interviews und Reportagen u.a. aus den Bereichen Politik, Kultur, Bildung, Soziales, Portrait. Im Mittelpunkt: der Mensch.