Jahrestag in Hettingen - Die Weihe der Vereinsfahne des Militärvereins und die Einweihung des Kriegerdenkmals wurden am 5. Juli 1896 gefeiert Vor 120 Jahren gab es ein doppeltes Fest

Von 
Karl Mackert
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Den ehemaligen Hettinger Schwestern ist es zu verdanken, dass die Fahne des Hettinger Militärvereins noch erhalten ist - und dass sie sich in einem so guten Zustand befindet. Das Bild zeigt die Vor- und Rückseite der 120 Jahre alten Fahne.

© Mackert

Das Kriegerdenkmal und die Fahne des Hettinger Militärvereins wurden am 5. Juli 1896 geweiht - heute vor 120 Jahren.

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Hettingen. In der Mitte des Hettinger Kirchenbuckels steht an der Mauer, in einer länglichen Anlage entlang der L 522, das Kriegerdenkmal zur Erinnerung an den deutsch-französischen Krieg 1870/71. An dieser dominanten Stelle des Ortes, gegenüber dem einst hier stehenden, 1969 abgebrochenen Fachwerkrathauses, wollte die damalige Gemeindeverwaltung zusammen mit dem Militärverein 25 Jahre nach dem Bruderkrieg für die drei Gefallenen und den teilnehmenden Hettinger Soldaten eine würdige Stätte des Gedenkens errichten.

Der Standort des Mahnmals ist perfekt gewählt, denn hier spielt sich das Leben der Gemeinde ab. Tagtäglich gehen und fahren hier viele Menschen vorbei. "Ihren tapferen Kriegern gewidmet von der Gemeinde und dem Militärverein 1896", ist auf dem untersten Sockelstein des Denkmales eingemeißelt.

Im darüber befindlichen Altaraufsatz sind an den drei Sichtseiten die 54 Namen der Kriegsteilnehmer verewigt. Auf der Rückseite stehen zwei Namen vom Krieg 1866.

"Wundarzneidiener" Bechtold

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Auf der Vorderseite fällt der Name Johann Bechtold, Lazarettgehilfe, "Inh. der König Friedrich Verdienstmedaille und des Eisernen Kreuzes". Jener Johann Bechtold war der "Feldscher" von Hettingen und hat als "Wundarzneidiener", wie er sich nennen durfte, vielen Kranken geholfen. Die Älteren erzählten immer, wenn jemand erkrankt war, so hieß es: "Geh nor erschd e'mol nüber zum Bechtel, bevor zume Dokter geeischt". In vielen Fällen konnte er tatsächlich helfen und ersparte den Patienten die hohe Arztrechnung.

Zwischen Altar und Obelisk sind zwei gekreuzte Fahnen und Schwerter aus dem Sandstein herausgearbeitet, während weiter oben das Badische Wappen mit der Aufschrift "Erinnerung an den deutsch-französischen Krieg 1870 / 71" eingemeißelt ist.

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Mit einem großen Fest anlässlich der Fahnenweihe des Militärvereines Hettingen wurde am Sonntag, 5. Juli 1896, das Kriegerdenkmal durch den damaligen Ortspfarrer Karl Sauer eingeweiht. Über das Fest, das anschließend im Gasthaus "zur Linde" gefeiert wurde, machte der Lindenwirt und Bierbrauer Maximilian Baier in seinem 1873 angelegten Hausbuch folgende Eintragung: Den Gesamteinnahmen rund 1100 Markstanden 800 Mark an Ausgaben gegenüber so, dass 300 Mark Reingewinn war.

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An diesem einen Tag wurde 4175 Liter Bier gezapft, wovon 3075 Liter von Großeicholzheim und Heidelberg kamen und die restlichen 1100 Liter eigenes Gebräu waren. 50 Liter Wein und 100 Flaschen Sodawasser wurde getrunken, 100 Paar Würste und sieben Pfund Lyonerwurst sowie für zwölf Mark Weckwaren verzehrt und 700 Stück Zigarren geraucht. Jedes der 15 Mädchen erhielt als Aufwärterlohn eine und der Militärverein als Entschädigung 25 Mark. Das Fest war ein voller Erfolg wie die Zahlen belegen.

Schwestern versteckten das Tuch

Dass die Fahne des Militärvereins überhaupt noch vorhanden ist, ist ein Verdienst der ehemaligen Hettinger Schwestern, denn sie haben die Fahne dem Zugriff der amerikanischen Besatzungsmacht nach dem Zweiten Weltkrieg entzogen, die solche Embleme gerne als Kriegsbeute betrachteten und mit nach Amerika mitnahmen.

Als vor Jahren das Dach des Schwesternhauses neu eingedeckt wurde, fand man an einem Gratsparren eine völlig verstaubte Kartonrolle. Beim Öffnen kam die Fahne des ehemaligen Militärvereins Hettingen zum Vorschein: Die Fahne, die noch sehr gut erhalten ist, war von den Schwestern fachmännisch in einer Art Ölpapier eingewickelt worden, und mit jeder Menge Kampferkugeln, die gegen Mottenfraß helfen, bestens gesichert. Die Fahne wurde dem Heimatverein übergeben, der sie in der Heimatstube aufbewahrt.