April 1945 - Als die Front in den Altkreis Mergentheim kam (II) / Zerstörung und Selbstzerstörung Statt Vaterland gerettet den Tod gefunden

Von 
Hartwig Behr
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Altkreis Mergentheim. Das Taubertal war während des Zweiten Weltkriegs lange Zeit ein geradezu behütetes Gebiet, in das man sich anscheinend zurückziehen konnte, um Gefahren zu entgehen - Gefahren durch Zerstörung und Vernichtung der Lebensgrundlagen. Schon im Herbst 1939 wurden viele Menschen, die an der Westgrenze des Reiches wohnten, zeitweise in dessen Hinterland - auch in den Kreis Mergentheim - "umquartiert". Sie konnten aber bald zurückkehren, denn Karlsruhe und Mannheim blieben zunächst von Bombardierungen verschont.

Das Rathaus aus dem 16. Jahrhundert in der Niederstettener Hauptstraße wurde am 9. April 1945 von einer Bombe getroffen und völlig zerstört.

© Sammlung H. Behr
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Als aber der Bombenkrieg in vollem Gange war und Großstädte und Industriereviere zerstört zu werden drohten, kamen aus dem Ruhrgebiet vor allem Kinder, aber auch ganze Familie in Orte an der Tauber. In einigen Gemeinden, zum Beispiel Markelsheim, sind Zuzugslisten erhalten geblieben, die zeigen, dass Menschen aus Oberhausen und Essen hierher evakuiert wurden. Klassen der Steinbart-Schule aus Duisburg wurden in die Badestadt verlegt. In der Mergentheimer Oberschule musste man deshalb Schichtunterricht einführen. Die Großstadtschüler langweilten sich hier angeblich, wollten sie doch für Deutschlands Rettung kämpfen, wie der damals 15-jährige Schüler Horst Gerbig 50 Jahre später bekannte. Er und seine Kameraden ahnten nicht, was 1944 und 1945 Krieg tatsächlich bedeutete.

Alles wurde in jenen Jahren den militärischen Bedürfnissen des Reiches untergeordnet. Beispielsweise verdrängte die Wehrmacht das Schulleben des Stuttgarter Königin-Katharina-Stifts (An diesem Institut unterrichtete Eduard Mörike von 1856 bis 1866.) in der Schillerstraße 5 - ein paar hundert Meter von Hauptbahnhof entfernt - nach und nach aus dem repräsentativen Gebäude. Das zeigen heute im Staatsarchiv Ludwigsburg liegende Akten. Die Schule zog zunächst in die Mörike-Oberschule (Arminstraße) um. Als diese am 11. März 1943 bei einem Luftangriff erheblichen Schaden nahm, setzte man den Unterricht in der Wagenburgschule fort. Diese aber traf der nächste Angriff am 15. April 1943. Die stärksten der 44 Attacken auf Stuttgart folgten im Juli und September 1944. In Zuge der so genannten Kinderlandverschickung wurde ein Teil der Schülerinnen des Katharinenstifts nach Reutlingen gebracht und dort unterrichtet.

Verglichen mit der Landeshauptstadt erschien das Taubertal jahrelang geradezu wie eine Idylle. Nur einmal passierte bis zum Ende des Jahres 1944 Gravierendes.

Jungen tödlich verletzt

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Am 13. Oktober 1943 stürzte ein in Brand geschossener amerikanischer Bomber über Niederstetten ab. Die Trümmer trafen beim "Tempele" zwei Jungen tödlich. Der Opfer Kurt Wetzel aus Niederstetten und Willi Koll aus Essen gedachte man öffentlich erst nach dem Krieg, und zwar auf einem Steinkreuz im Niederstettener Friedhof. Dass die beiden Jungen gestorben waren, erfuhr man zwar im hiesigen Bezirk aus der Zeitung durch eine kleine Dankanzeige der Eltern, allerdings wurde die Ursache ihres Todes nicht genannt.

Die Bombenflugzeuge der Alliierten hatten - entgegen Verlautbarungen in der gleichgeschalteten deutschen Presse - längst die Lufthoheit erobert. Fielen 1940 auf Großbritannien 37 000 Tonnen Bomben und nur 10 000 auf Deutschland, so waren die Zahlen im folgenden Jahr 22 000 gegenüber 30 000 Tonnen. 1944 standen 9200 Tonnen 650 000 gegenüber, was nur 1,4 Prozent entspricht. Die Mergentheimer konnten in der Nacht des 4. Dezembers 1944 einen erleuchteten Himmel sehen: Heilbronn brannte. Dort starben 6500 Menschen. Der Historiker Jörg Friedrich nannte diesen Angriff ein "Zivilmassaker", da er keinem militärischen oder industriellen Ziele galt. Am 16. März 1945 traf Würzburg ein Luftbombardement, bei dem 5000 Menschen starben. Amerikanische Flieger beschossen am 25. März 1945 auf dem Bad Mergentheimer Bahnhof einen Zug; dabei kamen zwölf Soldaten aus Ungarn ums Leben. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis auch im eigenen Bezirk der Krieg wütete, Wohnhäuser, Viehställe und Scheuern zerstörte und vielen Soldaten und Zivilisten den Tod brachte. Schon am 31. März hatte es bei Neunkirchen das erste Gefecht auf dem Gebiet des Kreises Mergentheim gegeben, bei dem sechs Deutsche und einige Amerikaner starben.

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Nicht alle Zerstörungen gehen auf das Konto der angreifenden Amerikaner. Am 19. März hatte Hitler den Befehl gegeben, in dem es unter anderem heißt: "Alle militärischen, Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen sowie Sachwerte innerhalb des Reichsgebietes, die sich der Feind für die Fortsetzung seines Kampfes irgendwie sofort oder in absehbarer Zeit nutzbar machen kann, sind zu zerstören." Das bedeutete für diesen Kreis, dass vor allem Brücken über die Tauber gesprengt werden sollten. Der Befehl wurde unter anderem in Igersheim, in Markelsheim, in Creglingen und in Archshofen ausgeführt. Dies hinderte die amerikanischen Panzer aber nicht im Mindesten, die Tauber zu durchqueren. Auch in Wachbach sollten die Brücken gesprengt werden. Am 2. April jedoch entfernten Soldaten die Sprengladungen wieder. Dabei soll die Zigarettenglut eines Soldaten in eine Pulverkiste gefallen sein. Die Explosion riss vier Menschen in den Tod, 30 Personen erlitten zum Teil schwere Verbrennungen.

Parteiakten verbrannt

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Eine Liste mit den Titeln der Geheimbefehle ist erhalten geblieben, die der Mergentheimer Bürgermeister im Jahre 1945 erhielt. Sie enthält - neben zahlreichen Fahndungsmeldungen zu Wehrmachtsangehörigen und Kriegsgefangenen - vor allem Anweisungen zum Verhalten bei "akuter Luftgefahr" und bei der Beseitigung von Sprengkörpern. Die beiden letzten Befehle der Liste vom 29. März befassen sich mit dem "Verhalten der Ordnungspolizei bei Feindbesetzung" und "Räumungsmaßnahmen". Man darf wohl auch ohne Kenntnis des Inhalts der Schreiben annehmen, dass man höheren Orts wohl kaum eine Chance mehr sah, eine Stadt zu halten oder gar den "Endsieg" zu erringen, obwohl die Kampfkommandanten dergleichen noch verkündeten. Parteiakten wurden im Mergentheimer Schlosshof verbrannt. Allerdings gelang dies der NS-Kreisleitung nicht vollständig. Im Ludwigsburger Staatsarchiv liegen zahlreiche angekohlte Dokumente der Mergentheimer NSDAP. Viele der führenden Nationalsozialisten flohen aus Bad Mergentheim, als die Amerikaner der Stadt näher rückten. Einige wurden gefasst und interniert. Manch einer wie der Kreisleiter Reinhold Seiz sah wohl, dass "seine Welt" zusammengebrochen und das Leben deswegen sinnlos war. Er tötete sich auf der Flucht am 4. Mai 1945 in Bürserberg (Vorarlberg). Manche Bürger sind bis heute der Ansicht, dass er zwar zu verbaler Radikalität neigte, aber "nicht so schlimm" gewesen sei, dass er sich aus Angst vor Strafe hätte umbringen müssen.

Einige junge Männer glaubten eine Zeitlang, als Werwölfe dem Feind hinter der Front schaden zu müssen, andere fanden keinen Sinn mehr in ihrem Leben, als sie das Dritte Reich untergehen sahen. Sie standen deswegen vor der Frage: weiterleben oder nicht. Bei einer Selbsttötung ist oft schwer zu sagen, was der entscheidende Grund zur Tat war. Ein hiesiger Kreisamtswalter wurde - wie jeder Amtswalter - interniert. Er bekam im November 1945 Urlaub, um zu seiner Familie zu fahren. Er vergiftete sich. Gab es dafür andere Gründe als seine politische Aktivität? Einige Ehefrauen höherer Nazis wollten oder konnten nicht mehr weiterleben. Was mag hinter ihrer Selbstzerstörung stecken? Auch einige "kleine Nazis" machten ihrem Leben ein Ende, was für andere Menschen völlig unverständlich war.

Duisburger Schüler starben

Wer auf die Flugblätter der Amerikaner vertraute und sich ergeben wollte und dies mit einer weißen Fahne dem anrückenden Gegner signalisierte, begab sich in Lebensgefahr - nicht nur wegen des möglichen Misstrauens der Feinde. Deutsche Soldaten, hier 1945 meist SS-Soldaten, drohten, solche "Wehrkraftzersetzer" zu erschießen. In Edelfingen streckte der Ortsgruppenleiter den Hoteldiener Holzapfel nieder, der den Amerikanern mit einer weißen Fahne entgegen gegangen war. Der Sohn musste den Vater vergraben, heißt es. Der Ortsgruppenleiter kam nach dem Krieg mit einer glimpflichen Strafe davon.

Begriffe wie Zerstörung oder Selbstzerstörung lassen sich wohl nicht auf den Tod der neun Duisburger Oberschüler anwenden, die in Stuppach zu Tode kamen. Sie waren offenbar dazu erzogen, sich mit Haut und Haar für das Reich einzusetzen. Sie "wollten das Vaterland retten", sagten Klassenkameraden später. Die Jungen schlossen sich offenbar freiwillig den Soldaten an, waren aber mangelhaft ausgerüstet und ausgebildet.

Am Nachmittag des 5. April hatten Stuppacher mit weißen Tüchern den anrückenden Feinden gezeigt, dass sie sich ergeben wollen. Als die Amerikaner am nächsten Morgen "vermeintlich kampflos" das Dorf besetzen wollten, wurden sie von Soldaten beschossen, die in der Nacht dorthin verlegt worden waren.

Daraufhin fuhren die Amerikaner auf den Höhen um Stuppach Panzer auf, die das Dorf unter Feuer nahmen. Die Duisburger Jungen, die in einer flachen Mulde kauerten, wurden alle tödlich getroffen. Wer trägt die Verantwortung für den Tod der 14- bis 17-Jährigen? Heute erinnert an sie und an viele dort gefallene Soldaten eine Gedenkstätte auf den Stuppacher Friedhof. Auch unter der Zivilbevölkerung des Dorfes gab es Opfer, zudem Schäden an Wohn- und Wirtschaftsgebäuden. Stark traf es wenig später Adolzhausen, noch viel stärker am 9. April Niederstetten. Dort setzten die Amerikaner ihre Materialüberlegenheit wie in Königshofen ein, weil sie großen Widerstand von SS-Soldaten zu verspüren meinten. SS-Obersturmbannführer Dirnagel hatte seinen Gefechtsstand in das Schloss verlegt. Der Ort aber wurde in drei Wellen aus der Luft bombardiert, so dass er bald in Flammen stand. Ein großer Teil der Bevölkerung floh in den Eisenbahntunnel und war dort relativ sicher. Es starben trotzdem 18 Einwohner. 86 Wohnhäuser und 69 Wirtschaftsgebäude waren vollkommen zerstört, die meisten anderen beschädigt und das Rathaus nach einem Bombentreffen dem Erdboden gleich.

Addiert man die Zahlen der zerstörten Wohnungen, Ställe und Scheunen, die der gefallenen Soldaten und der getöteten Zivilisten im Kreis Mergentheim, so kommt man zu dem Ergebnis, dass die Kämpfe in den 16 Tagen ähnlich viel Zerstörung, Elend und Tod brachten wie zuvor die Bombardements von Großstädten.

Manch ein deutscher Zivilist fiel - vor und nach Ende der Kämpfe - einem Missverständnis zum Opfer. In Hachtel wurden am 5. April zwei zurückkehrende, nicht mehr bewaffnete Volkssturmmänner erschossen, in Dörtel am 6. April ein Mann, der mit einer Taschenlampe in seinen Taubenschlag ging; am 2. Mai wurde der Bauer Neubert in Bronn erschossen, weil er die Anweisung eines amerikanischen Postens überhörte. Unsachgemäßer Umgang mit Munition führte - wohl nicht nur in Markelsheim - zu tödlichen Verletzungen von Jugendlichen.

Viele der körperlichen Verletzungen, die die Kämpfe des Zweiten Weltkriegs bei Soldaten und Zivilisten verursacht hatten, waren nach 1945 in der Öffentlichkeit sichtbar. An seelischen Verwundungen und Verkrüppelungen - für Außenstehende meist nicht bemerkbar - litten nicht nur die Betroffenen, sondern auch deren Familienmitglieder und enge Freunde jahrelang, oft bis zum Tode der Versehrten.