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Aktion „Stolpersteine“ - Gedenken an Vertreibung und Ermordung jüdischer Mitbürger / Schülerinnen des Wirtschaftsgymnasiums lassen die Geschichte der Familie Adler eindrucksvoll lebendig werden

Damit die Erinnerung weiter lebendig bleibt

Von 
Renate Henneberger
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Sie weiß, was Verfolgung bedeutet: Kamar Haidar, eine syrische junge Frau, die nach Verfolgung und Flucht in Deutschland eine zweite Heimat gefunden hat. © Renate Henneberger

„Stolpersteine Bad Mergentheim e.V.“ verlegte am Donnerstag 23 Gedenksteine zur Erinnerung an Vertreibung und Ermordung jüdischer Mitbürger.

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Bad Mergentheim. Im März 2009 wurden die ersten fünf „Stolpersteine“ auf dem Vorhof der Realschule St. Bernhard, dem Standort der ehemaligen Synagoge, verlegt. Im April 2019 kamen fünf weitere in der Burgstraße und der Kapuzinerstraße hinzu.

Nur noch wenige Deutsche kennen den Nationalsozialismus und seine Gräueltaten aus eigener Erfahrung. Neue Generationen sind herangewachsen, die Erinnerung ist keine eigene mehr, sondern eine vermittelte.

„Unser Anliegen ist es, die Erinnerung lebendig zu halten“, erklärt Klaus Huth, Vorsitzender des 2018 gegründeten Vereins „Stolpersteine Bad Mergentheim“ im Gespräch mit den Fränkischen Nachrichten. „Es geht uns darum, dass die Opfer und ihr Leid nicht in Vergessenheit geraten.“ Erinnerung dürfe aber nicht ausschließlich rückwärtsgewandt sein. „Wir möchten die Frage ins Bewusstsein rücken: Wie gehen wir heute mit Minderheiten um?“ Man wolle für jegliche Anzeichen von Ausgrenzung und Diskriminierung sensibilisieren.

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„Unser Verein ist zuständig für Beschaffung, Verlegung und Pflege der Steine“ , so der Vorsitzende des 17 Mitglieder zählenden Vereins. „Wir stellen Recherchen über Opfer des Nationalsozialismus an und pflegen, soweit möglich, den Kontakt zu ihren Angehörigen im Ausland. Die Finanzierung erfolgt über Mitgliedsbeiträge und Spenden.“ Man freue sich, dass für alle Steine, die in diesem Jahr in der Innenstadt verlegt werden, Patenschaften übernommen wurden.

Ein emotionaler Tag

„Shalom Aleichem“ mit dem jüdischen Friedensgruß eröffnet das Klezmer-Trio der Jugendmusikschule Bad Mergentheim die Feier der Stolpersteinverlegung. Schwermütig schweben Klarinettentöne über den Hans-Heinrich-Ehrler-Platz und verklingen leise. Eine beachtliche Menge Menschen hat sich eingefunden – teils gezielt, teils zufällig im Vorbeigehen.

Das jüdische Ehepaar, Adele und Roy Igersheim, Stifter und Schirmherren der „Jüdischen Kulturtage im Taubertal“, sind zu dieser Feierstunde aus den USA angereist. „Heute ist ein emotionaler, höchst wichtiger Tag für meine Familie“ liest Adele Igersheim aus dem Brief von Jane Cornell vor, der Schwiegertochter von Frieda Adler, die 1938 als junge Frau nach Holland floh.

Während sich ihre Eltern, Aron und Louise Adler mit ihrer Schwester Erna in den USA in Sicherheit bringen konnten, musste sich Frieda über drei Jahre vor den Nationalsozialisten im Untergrund verstecken. „Es war eine winzige Kammer, gerade so groß, dass zwei Menschen darin Platz fanden, Frieda und ihr Mann Ernst Cohn.“

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Schülerinnen des Wirtschaftsgymnasiums lassen die Geschichte der Familie eindrucksvoll lebendig werden. „Aron Adler war ein hochgeschätzter Mann. Der wohlhabende Getreidehändler hatte es als Jude sogar in den Rat der Stadt geschafft.“ Ständige Hetzpropaganda habe erreicht, dass gute Beziehungen zwischen Christen und Juden abbrachen. „Bald bekamen die Juden Schikanen und Boykott des Nazi-Regimes zu spüren. Am Ende standen Vertreibung und Ermordung in den Vernichtungslagern.“

Buchstäblich in letzter Sekunde sei Frieda die Flucht nach New York gelungen. Erst in den 90er-Jahren habe sie den Mut zu einer Reise in die Vergangenheit gefunden. „Sie besuchte ihre Heimatstadt und war auch in Holland. Es war ihr aber unmöglich, den Raum zu betreten, in dem sie sich jahrelang verstecken und um ihr Leben bangen musste“, ergänzen die Schülerinnen.

Heimat zurückgelassen

Die 20-jährige Syrerin Kamar Haidar erzählt eine Geschichte. Es ist ihre eigene. Sie weiß, was Verfolgung, Unterdrückung und Verlust der Heimat bedeuten. Doch vor allem ist es eine Geschichte der Hoffnung, der Dankbarkeit und Freude, hier ein zweites Zuhause gefunden zu haben. In einwandfreiem Deutsch berichtet sie: „Zu allererst habe ich die Sprache gelernt, denn sie ist der Schlüssel zu allem.“ Auch zu den Herzen der Zuhörer, welche die Schülerin des Wirtschaftsgymnasiums im Handumdrehen mit ihrem Lächeln, ihrer Lebhaftigkeit und ihrem Charme erobert hat.

Vier Stolpersteine verlegt Katja Demnig stellvertretend für ihren Mann, Gunter Demnig, vor dem Anwesen Hans-Heinrich-Ehrler-Platz 24, wo einst das Haus der Familie Adler stand. Die kleinen quadratischen Messingtafeln, getragen von einem Betonwürfel, wurden seit ihrer Erfindung durch den Kölner Bildhauer im Jahr 1996 in etwa 1265 deutschen Kommunen und 24 Staaten Europas verlegt. Mit rund 75 000 Steinen kann das größte dezentrale Mahnmal der Welt als eine Erfolgsgeschichte gelten, für die Gunter Demnig das Urheberrecht hat.

Sieben weitere Stolpersteine werden künftig in der Wettgasse 10 die Stelle kennzeichnen, wo sich das Wohnhaus der Familie Würzburger befand. Helmut Landwehr kannte das Haus gut. „Hier wohnten die Großeltern meiner Frau Sylvia. Nach dem Tod von Silvias Mutter fanden wir Unterlagen, die noch aus der Zeit der jüdischen Familie stammten. Nach ihrem Zuzug aus dem Elsass ließen sich die Brüder Ferdinand und Samuel Würzburger 1918 mit ihren Familien in der Wettgasse nieder und betrieben dort einen Wein- und Spirituosenhandel. 1940 erwarb das Bankhaus Partin das Anwesen. Die Bewohner wurden in der Zeit von 1940 bis 1942 deportiert und kamen in den Konzentrationslagern Auschwitz und Theresienstadt ums Leben. In den 1990er-Jahren wurde das Haus abgerissen.“

Der stellvertretende Bürgermeister der Stadt Bad Mergentheim, Klaus-Dieter Brunotte, erinnert sich: „Bereits in den 1990er Jahren dachte die Stadt über die Verlegung von Stolpersteinen nach. Als wir dazu in Israel die Meinung ehemaliger Mitbürger einholten, mussten wir feststellen, dass die Mehrheit das Projekt ablehnte mit der Begründung, es sei unehrenhaft, mit Schuhen auf den Namen der Opfer herumzutreten.“ 2018 habe Klaus Huth das Thema wieder aufgegriffen und um Genehmigung für die Verlegung von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund ersucht. Eine erneute Anfrage in Israel habe ein völlig anderes Bild ergeben. „Nun begrüßte man die Aktion als wichtigen Beitrag gegen das Vergessen“, erzählt Klaus-Dieter Brunotte. Im Gemeinderat habe man über das Thema intensiv und kontrovers diskutiert.

Schließlich jedoch habe die Mehrheit für die Genehmigung gestimmt. „Degradierten Mitmenschen ihre Namen zurückzugeben und damit ein Stück ihrer menschlichen Ehre halte ich für überzeugender als das Argument mit den Fußtritten. Deshalb freue ich mich, dass das Projekt heute seine Fortsetzung findet.“ Die Stadt Bad Mergentheim trägt sämtliche Kosten für die Verlegung im Bereich der Innenstadt.

Klaus Huth stimmt mit Klaus-Dieter Brunotte überein: „Für mich sind Stolpersteine die individuellste Art des Gedenkens, weil sie auf den Ort hinweisen, wo Menschen wohnten bis die Mehrheit meinte, es gebe dort für eine Minderheit keinen Platz mehr, keinen Bedarf, kein Recht zu leben. Vergangenes wird lebendig, Menschen und ihre Schicksale werden greifbar.“

Winston Churchill behauptete: „Gelegentlich stolpern die Menschen über eine Wahrheit, aber sie richten sich auf und gehen weiter, als sei nichts geschehen“. Klaus Huth sieht es gelassen: „Wenn hin und wieder jemand über einen Stein ‚stolpert’, stehen bleibt und sich ein paar Gedanken macht, dann hat sich doch unsere Arbeit gelohnt, dann haben wir unser Ziel erreicht.“

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