Homeschooling 1721 - Erbgraf Albrecht Ludwig Friedrich von Hohenlohe-Weikersheim wird zuhause unterrichtet Beachtliches Lernpensum bis zum Studium

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Erbgraf Albrecht Ludwig Friedrich von Hohenlohe-Weikersheim hatte ab dem fünften Lebensjahr Unterricht durch Hauslehrer in Schloss Weikersheim. © SSG

Weikersheim. Was heute eine ungewöhnliche Erfahrung und eine Herausforderung für viele während der Corona-Pandemie ist – das war für die Kinder der Herrscherfamilien die übliche Schulbildung. Erbgraf Albrecht Ludwig Friedrich von Hohenlohe-Weikersheim etwa hatte ab dem fünften Lebensjahr Unterricht durch Hauslehrer in Schloss Weikersheim – und ein beachtliches Lernpensum im „Homeschooling“ bis zum Studium.

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Er war der einzige Sohn von Graf Carl Ludwig und Gräfin Elisabeth Friederike Sophie: 1716 kam der kleine Erbgraf auf die Welt. „Es hat dem höchsten Gott gefallen, Meine Hertzlich geliebten Gemahlin, die Durchlauchtigste Fürstin, Frau Elisabethen Frideriquen Sophien, Fürstin zu Öttingen, Vermählte Gräffin von Hohenlohe anheute frühe zwischen 4. u. 5. Uhr gnädigst zu entbinden, und uns Eltern mit einem wohlgestalten jungen Sohn zu beglückseeligen.“ Mit diesem Schreiben machte Graf Carl Ludwig die Geburt bekannt. Die prachtvolle Wiege, ein repräsentatives Stück, ist bis heute in Schloss Weikersheim zu sehen.

Genau gebrieft

Es war klar, dass die Grafenfamilie in den Säugling große Hoffnungen setzte: Er sollte später die Herrschaft übernehmen – und dafür musste er sorgfältig erzogen und ausgebildet werden. Mit fünf Jahren begann der Unterricht. Die gräflichen Eltern stellten dafür extra einen Hauslehrer ein. Von ihm sollte Erbgraf Albrecht Ludwig Friedrich vor allem Glauben, Respekt vor den Eltern und „Tugenden“, modern ausgedrückt „verantwortliches Verhalten“ lernen. Der Pädagoge sollte ihn „zur Gerechtigkeit, Liebe zur Wahrheit, Barmherzig- Gutthätig- und Danckbarkeit“ erziehen – aber auch dazu, „gegen alle und jede Hof-Bediente, Geist- und Weltliche Räthe, Canzley- und Cammer Bediente, Beamte und andere Ehrliche Leuthe, Manns- und Weibs Personen, nach Standes Gebühr, mit Ehren Bezeigung, Grüßen, Gebährden und Worten, sich höflich und freundlich zu erweißen.“ So dokumentiert es der Brief, mit dem der neue Lehrer 1721 in seine Aufgabe eingewiesen wurde.

Fromme Schriften

Neben Lesen und Schreiben war es tatsächlich vor allem die religiöse Erziehung, die im Zentrum der Ausbildung stand. Man kann das auch daran erkennen, dass der Erbgraf zu seinen Geburtstagen immer wieder einen neuen Katechismus geschenkt bekam. Das Lehrbuch für den evangelischen Glauben war jeweils mit lehrhaften Bildern verziert – und es diente, neben der religiösen Erziehung, auch dazu, das Lesen zu lernen. Allein drei der Bücher haben sich im Hohenlohe-Zentralarchiv Neuenstein erhalten. Der Hofprediger Christoph Andreas Meister hatte sie eigenhändig gezeichnet und dem Geburtstagskind überreicht. Ebenfalls erhalten sind die Belohnungen, die sich der erste Lehrer des kleinen Albrecht Ludwig Friedrich hat einfallen lassen: Er motivierte seinen Schüler mit Belobigungszetteln.

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Zehn Jahre lang ging das „Homeschooling“ in Schloss Weikersheim. Dann wurde Albrecht Ludwig Friedrich zum ersten Mal in die Welt geschickt. Wie andere Adelige auch besuchte er das „Collegium Illustre“ in Tübingen, eine Ausbildungseinrichtung speziell für junge Adelige. Der Vater gab dem Fünfzehnjährigen präzise Lernziele mit: Er sollte die lateinische und französische Sprache pflegen, außerdem „andere Künste und wissenschaften alß die Moral, Politica, Historica, Mathematica, die Ingenieur und Fortifications Kunßt“. Ebenso wichtig: „Exercitien als Reiten, Fechten, Tanzen.“

Auslandsjahr

Einen Abschluss machten die jungen Herren im „Collegium Illustre“ allerdings nicht. Ihr Bildungsziel war es, eine gewisse Übersicht über alle Themen zu bekommen und gesellschaftlich gewandt zu werden. Nach heutigen Begriffen gehörte zur Ausbildung auch ein Auslandssemester: Diese Bildungsreise, die sogenannte Kavalierstour, führte Erbgraf Albrecht Ludwig Friedrich nach Holland und England. Das war, 250 Jahre vor europäischen Austausch- und Förderprogrammen wie Erasmus, teuer. Für die Grafenfamilie war die „Grand Tour“ ein Projekt, das die Finanzen sehr in Anspruch nahm. Kein Wunder, musste doch der Erbgraf bei seinesgleichen angemessen auftreten und an den Höfen bei den üblichen teuren Freizeitbeschäftigungen des Adels mitmachen.

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Der Blick in die Zukunft: Der Erbgraf starb als junger Mann bei einem Reitunfall. Für die Eltern war dies tragisch; für die Grafen von Hohenlohe-Weikersheim bedeutete sein Tod das Aussterben der Linie. Schloss Weikersheim wurde nach dem Tod des Grafenpaares Carl Ludwig und Elisabeth Friederike Sophie nie mehr kontinuierlich bewohnt – und hat sich so weitgehend im Zustand der Mitte des 18. Jahrhunderts erhalten. Derzeit ist das Schloss wie alle Monumente der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg und alle Kultur- und Freizeiteinrichtungen geschlossen. ssg