Chorwettbewerb

Tristan Meister erklärt den Chorwettbewerb des "Mannheimer Morgen" und der Buga

2022, im Jahr der Chöre, sei zu wenig passiert, findet Tristan Meister. Eine neue Chance bietet der Chorwettbewerb des "Mannheimer Morgen" zusammen mit der BUGA. Das steckt dahinter

Von 
Stefan M. Dettlinger
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Wird die Jury des Chorwettbewerbs im September anführen: Tristan Meister. © Minna Kettunen

Herr Meister, 2022 war das Jahr der Chöre, sogar Ex-Bundespräsident Christian Wulff hat sich dafür stark gemacht. Haben Sie etwas davon bemerkt?

Tristan Meister: Zu wenig. Die letzten Jahre waren für uns Chöre enorm schwierig und wir hatten jede Unterstützung mehr als nötig. Da kam die optimistische Ausrufung eines Jahres der Chöre zum richtigen Zeitpunkt. Vielleicht einen Tick zu früh, da wir ja leider in den ersten Monaten immer noch mit einigen Einschränkungen zu kämpfen hatten, die teils noch nachwirken. Ich habe aber schon den Eindruck, dass viele Chöre inzwischen wieder Fahrt aufgenommen haben.

Auch dank Christian Wulff?

Meister: Auf jeden Fall! Persönlichkeiten wie er sorgen dafür, dass Chormusik eine breitere Präsenz in der Öffentlichkeit bekommt. Aber wir sind noch lange nicht da, wo wir vor der Pandemie waren. Da braucht es wohl noch einige Jahre der Chöre in Folge …

Chöre sorgen ja nicht nur für Kultur, sondern, wie Sportvereine auch, für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Was muss passieren, dass der Motor wieder rund läuft?

Meister: Im Augenblick fehlt uns Unbeschwertheit, der positive Umgang mit dem Chorsingen, das ja eine unglaublich gemeinschaftsstiftende Aktivität ist. Im Chor singen Leute generations- und herkunftsübergreifend zusammen und arbeiten auf ein gemeinsames Ziel hin. Nicht zuletzt deswegen muss Chormusik wieder präsenter im Alltag vertreten sein: Wir brauchen große Konzerte, Festivals, Flashmobs, Singalongs und den enorm wichtigen grenzüberschreitenden kulturellen Austausch zwischen Chören weltweit. Das funktioniert allerdings nur bei entsprechender Unterstützung aus Politik und Gesellschaft, finanziell und durch aktive Mitgestaltung.

Es wird viel und vor allem sehr gut gesungen

Kann so ein Chorwettbewerb, wie ihn der „Mannheimer Morgen“ in diesem Jahr zusammen mit der BUGA 23 und Ihnen veranstaltet, eine Chance sein?

Meister: Definitiv. Für einen Chor kann die Arbeit hin auf so einen Chorwettbewerb eine ausgesprochen motivierende und lohnenswerte Sache sein. Zudem wird auch der so wichtige zwischenmenschliche Austausch zwischen Chören und Chorsingenden an einem Wettbewerbswochenende wieder vertieft und intensiviert. Und: Auf der BUGA erreicht man ein unheimlich breites Publikum und somit viele Menschen, die vielleicht bis dato wenige Berührungspunkte mit Chören, schon gar mit Chorwettbewerben hatten. Das sollte auch attraktiv für Chöre über die Rhein-Neckar-Region hinaus sein.

Welche Ensembles und Chöre fallen Ihnen da ein? Welche Protagonisten prägen sozusagen das Chor-Gesicht der Region?

Meister: Ach, da ist es schwer einzelne herauszugreifen. Wir haben das Glück einer chormusikalisch sehr aktiven und vielseitigen Szene. Ich würde mir natürlich wünschen, dass sich Traditionsvereine wie etwa die Mannheimer Liedertafel mit ihren Ensembles ebenso angesprochen fühlen wie die Chöre aus kirchlicher Trägerschaft, die hier in Mannheim, Heidelberg und der gesamten Region auf enorm hohem Niveau arbeiten. Im Pop-, Jazz- und Gospelbereich sind wir ebenfalls sehr gut aufgestellt und gerade in den letzten Jahren haben sich viele Vokalensembles gegründet, für die ein solcher Wettbewerb auch attraktiv sein dürfte. Wir möchten aber ausdrücklich auch die Chöre im ländlichen Raum ansprechen und einladen. Dort wird viel und vor allem sehr gut gesungen – im Kraichgau, der Pfalz oder im Odenwald.

Zum Deutschen Chorwettbewerb, der ja auch dieses Jahr stattfindet, reisen der Frauenchor 4x4 und der Junge Kammerchor, zwei eher kleine Ensembles. Wie wird ein Laien-Chor so gut?

Meister: Beides sind absolute Aushängeschilder unserer Region! Das Bemerkenswerte ist vor allem, dass diese Chöre das hohe Niveau seit vielen Jahren konstant halten können und nicht zum ersten Mal beim Deutschen Chorwettbewerb dabei sind. Das zeugt von einer absolut professionellen und zielstrebigen Arbeit. Da kommt es einerseits natürlich auf die Auswahl der Mitglieder, die klanglich miteinander harmonieren müssen – gerade bei kleinen Ensembles. Aber dann eben auch auf die stimmbildnerische und chorleiterische Arbeit verbunden mit einer klaren musikalischen und klanglichen Vorstellung. Beide Chöre bestehen ja vor allem aus jungen Sängerinnen und Sängern, und die Besetzung ist nicht unbedingt über Jahre konstant. Da braucht es immer wieder Motivation und stimmtechnische Herangehensweisen. Großes Lob an Heike Kiefner-Jesatko und Mathias Rickert, die dafür verantwortlich zeichnen.

Der Chorwettbewerb

  • Der Wettbewerb: In Kooperation mit der Bundesgartenschau 2023 in Mannheim veranstaltet der „Mannheimer Morgen“ am Wochenende des 23. und 24. September 2023 einen großen Chorwettbewerb in der Baumhainhalle im Luisenpark. Die Wertung wird sich voraussichtlich in folgende sieben Kategorien aufteilen: 1. Gemischte Chöre. 2. Frauenchöre. 3. Männerchöre. 4. Jugendchöre. 5. Pop- und Jazzchöre. 6. Gemischte Kammerchöre bis 36 Mitglieder. 7. Gesangsensembles bis 16 Mitglieder.
  • Die Ausschreibung: Noch im Februar schreiben wir hier den Wettbewerb aus und richten ein Formular zur Bewerbung ein. (Falls Sie regelmäßig zur Aktualität des Wettbewerbs informiert werden möchten, richten Sie sich bitte an events@mamo.de).
  • Der Dirigent: Tristan Meister ist am 14. November 1989 in Limburg geboren. Dirigieren hat er an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst Mannheim studiert, wo er heute auch als Dozent für Chordirigieren lehrt und in gleicher Funktion auch an der Musikhochschule Frankfurt. Meister dirigiert mehrere Chöre – darunter auch die von ihm gegründeten Vox Quadrata in Mannheim.

Werden sich solche Chöre beim Wettbewerb am 24./ 25. September in der Baumhainhalle bewerben dürfen? Und werden sie es tun?

Meister: Ich würde mich zumindest freuen, wenn sie es täten! Der Wettbewerb soll die ganze Bandbreite der regionalen und überregionalen Chorszene aufzeigen und jedes Ensemble findet dort seinen Platz, respektive seine Kategorie.

Wie schafft man es in so einem Wettbewerb, sehr ambitionierte Laienchöre mit starker Vorbildung mit Gesangsvereinen und Kirchenchören zu vergleichen?

Meister: Es wird ja Kategorien geben, die das ein wenig abfedern. Aber klar ist auch: Nicht jeder Chor, der an einem Chorwettbewerb teilnimmt, kann mit der Ambition dorthin fahren, den ersten Preis zu gewinnen. Darum geht es nicht. Es geht darum, sich musikalisch bestmöglich zu präsentieren und dementsprechend von einer Fachjury Impulse und Anregungen zu bekommen. Das ist der große Benefit für jeden Chor, der teilnimmt, auch wenn es natürlich erst mal Mut erfordert sich einem externen Urteil zu stellen. Am Ende soll aber jede Leistung angemessen gewürdigt werden und niemand enttäuscht nach Hause fahren, weil er weniger Punkte hat als ein anderer.

Wie lauten die Kategorien?

Meister: Wir werden für Gemischte, Frauen- und Männerchöre jeweils eine Kategorie haben, wovon wir zumindest die Kategorie der Gemischten Chöre in Kammerchöre bis 36 und Chöre ab 36 Sängerinnen und Sänger teilen. Dann wird es eine Kategorie für Jugendchöre und Chöre mit Jazz-Pop-Schwerpunkt sowie eine Kategorie für Vokalensembles geben. Bei entsprechender Anmeldelage halten wir uns zudem offen, weitere Kategorien zu teilen oder genauer zu spezifizieren. Wichtig am Ende ist: Jeder Chor soll sich in seiner Kategorie wohlfühlen.

Steht das inhaltlich in irgendeiner Form in Zusammenhang mit den Themen der BUGA 23?

Meister: Die BUGA hat sich ja dem Thema Nachhaltigkeit verschrieben, und wir haben dem Chorbereich mit „Our Voice for our Planet“ auch eine klare inhaltliche Richtung gegeben. Natürlich wollen wir aber den Chören gerade für den Wettbewerb eine gewisse Freiheit in der Literaturauswahl lassen, damit sie sich möglichst von ihrer besten Seite präsentieren können. Dennoch sollte zumindest ein Werk einen gewissen Naturbezug haben, was ich aber bei der Fülle an Stücken für gut umsetzbar halte.

Ist Singen klimaschädlich?

Meister: Ein klares Nein! Natürlich gibt es in unserer Szene auch kleinere Problemfelder wie die schleppende Digitalisierung von Notenmaterial oder die Notwendigkeit von Reisen. Gerade bei diesen Punkten sind wir aber auf einem guten Weg. Es ist sehr schön zu beobachten, wie hier bewusster mit Ressourcen umgegangen wird und etwa Zug- statt Flugreisen geplant werden.

Das war eine mehr scherzhaft gemeinte Frage. Aber ganz im Ernst: Kann Chorsingen gesellschaftlich etwas bewirken?

Meister: Die Macht des (Chor-)Singens ist doch – und dahin möchten wir die Chöre mit diesen Aktionen bringen – auf gesellschaftliche Missstände hinzuweisen und so andere Menschen dazu zu bringen, über ihr Verhalten und die allgemeine Situation zu reflektieren. Im 19. Jahrhundert, einer absoluten Hochphase der Chormusik, waren gesellschaftskritische Werke gang und gäbe. Ein bisschen was davon schadet uns auch heute nicht.

Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „MM“ seit 2006.

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