Geschichte - Wolfgang Diehl erforscht in seinem neuen Buch die Kulturpolitik in der Pfalz zur Zeit des Dritten Reiches Region im Zeichen der Diktatur

Von 
Matthias Spindler
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„Die Pfalz springt zusammen mit dem Saargebiet wie eine Bastion in den westeuropäischen Raum hinein vor. Der Westen und die Auseinandersetzung mit dem Westen ist die große gefährliche Lockung, aber auch die große völkische Aufgabe und Bewährungsmöglichkeit für das pfälzische Kulturwollen.“

Ein historisches, vor allem aber ein umstrittenes Relikt aus der NS-Zeit in der Region: Die Hitler-Glocke in der Kirche St. Jakob im pfälzischen Herxheim sorgt seit 2017 für politische Diskussionen. © dpa
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So stand’s im August 1933 in der Zeitschrift „Bayernland“ (schließlich war die Pfalz damals, wenn auch nur mehr pro forma, noch bayerisch), und die Kulturschaffenden der Region beeilten sich, ihrer völkischen Aufgabe gerecht zu werden: „Am Westwall weht die Fahne; / Soldaten halten Wacht, / dass über unsrer Heimat / die lichte Sonne lacht. / Dass keiner sie versehre, / sind wir zum Kampf bereit“. Und auch der Nachwuchs wurde eingespannt: „Bum bum! Bum, bum, bum! Horch, das Jungvolk kommt. Wie Soldaten marschieren sie dahin.“

Experte für regionale Kunst und Geschichte

Wolfgang Diehl wurde im August 1940 im pfälzischen Landau geboren und studierte in Heidelberg, Wien, Berlin und Mainz Philosophie, Germanistik, Kunstgeschichte, Politische Wissenschaften und Geschichte.

Diehl arbeitet unter anderem als Journalist, Kunsthistoriker und Schriftsteller. Als Gymnasiallehrer unterrichtete Diehl die Fächer Deutsch, Geschichte und Politik.

Diehl veröffentlichte zahlreiche Schriften zur regionalen Literatur und Geschichte sowie zur Bildenden Kunst, der Baukunst sowie mehrere Beiträge über regionale Künstler und deren Werke.

Ebenfalls 2020 erschien Diehls Buch „Abendlied. Spätnachrichten - Freundliches und Unfreundliches. Gedichte mit 45 Collagen“. seko

Entscheider namentlich genannt

Es ist das Verdienst des Landauer Autors Wolfgang Diehl, diese und viele andere unselige Dokumente jüngerer deutscher Vergangenheit dem Vergessen entrissen zu haben. Diehl hat in seinem Werk „Kämpferische Westmark. Zur Kulturpolitik, Literatur und Bildenden Kunst während des Dritten Reichs in den Gauen Pfalz, Saarpfalz und Westmark.“ nicht nur die „Westmark“ penibel gesichtet, das programmatische Zentralorgan regionaler NS-Ideologie. Auch Heimatkalender, etwa „Der Jäger aus Kurpfalz“, wurden durchforstet, dazu weiteres einschlägiges Schrifttum wie „Unsere Saar. Ein Jahrbuch für das deutsche Volk 1935“, erschienen gleich nach der für die Nationalsozialisten erfolgreich verlaufenen Saarabstimmung, die das Land westlich der Pfalz, seit 1918 von Deutschland abgetrennt, wieder ins Deutsche Reich eingliederte (und den Machtbereich des pfälzischen Gauleiters Josef Bürckel entsprechend erweiterte).

Dabei scheut Diehl auch nicht davor zurück, Ross und Reiter zu nennen. Die entschiedenen Parteigänger der Nationalsozialisten in der Pfalz, allesamt freilich inzwischen verstorben, sind namentlich aufgeführt und werden anhand von Originalzitaten als solche charakterisiert. Allen voran Kurt Kölsch, der „Gaukulturwart“, der per Ämterhäufung in seiner Person eine außergewöhnliche Machtfülle vereinigte. Außerdem trat Kölsch selbst als Verfasser von Gedichten hervor, was ihm seitens Diehl manch bissige Bemerkung über deren literarische Qualität einträgt.

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Etwas milder gestimmt sind seine Ausführungen zur Bildenden Kunst in der Region unter den Bedingungen einer das Auskommen mit künstlerischer Arbeit gefährdenden nationalsozialistischen Diktatur. In diesem Zusammenhang räumt Diehl auch mit der Legende auf, dass Hans Purrmann, Speyerer Maler von Weltrang, im Dritten Reich sozusagen flächendeckend als „entartet“ verfemt gewesen wäre. Gewiss, in Berlin verfielen seine Werke diesem Diktum. Doch in seiner saarpfälzischen Heimat war Purrmann als Künstler hoch angesehen und wurde bei repräsentativen Ausstellungen anstandslos berücksichtigt. Einmal erhielt er sogar von Bürckel persönlich die Einladung zur Beteiligung an einer „Frontfahrt“ regionaler Maler (der er allerdings nicht nachkam).

Nicht ausgespart bleibt in Diehls voluminösem Buch die Zeit nach 1945, in der einige der ehemaligen NS-Propagandisten nach Verstreichen einer gewissen Schamfrist erneut einflussreiche Positionen in der Kunst- und Literaturszene der Region errangen. Allen voran einmal mehr Kurt Kölsch. Am Ende fand er für sich auch eine ganz neue politische Heimat – ausgerechnet in der pfälzischen SPD.

Freie Autorenschaft Geboren 1954 in Ludwigshafen/Rhein, aufgewachsen in Waldsee bei Speyer. Studium der Geschichte in Mannheim und Heidelberg, Abschluss 1977 mit M.A. (Heidelberg). Mehrere historische Veröffentlichungen zum Thema Pfälzischer Separatismus 1923/24. Als freiberuflicher Journalist vorwiegend tätig auf dem Gebiet der Jazzmusik, zahlreiche Sendungen oder Sendungsbeiträge dazu beim hr (z.B. "Swingtime mit Bill Ramsey") und SWR. Daneben Konzertkritiken für den "Mannheimer Morgen".