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Ein Werk von Dessau und Brecht - „Die Verurteilung des Lukullus“ in der Staatsoper Stuttgart erstaufgeführt

Grenzenloser Reichtum an Fantasie

Von 
Dieter Schnabel
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Bei der sogenannten „Probeaufführung“, die im März 1951 im Admiralspalast-Provisorium der Deutschen Staatsoper Berlin stattgefunden hat, hieß die Oper noch „Das Verhör des Lukullus“, wie das 1939 von Bertolt Brecht und Margarete Steffin geschriebene Hörspiel, auf dem das Werk fußt.

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Seit der Zweitfassung, die im Oktober 1951 zum ersten Mal am selben Ort öffentlich gezeigt wurde, heißt die Oper in zwölf Szenen „Die Verurteilung des Lukullus“. Jetzt wurde das zunächst im In- und Ausland häufig, heute nur noch selten gespielte Werk in der Staatsoper Stuttgart erstaufgeführt. Die Geschichte spielt in Rom und im Schattenreich im ersten vorchristlichen Jahrhundert.

Es geht um den großen Lukullus, der den Osten erobert und sieben Könige gestürzt hat.

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Die Handlung setzt nach dessen Tod mit einem pompösen Trauerzug ein, dem das Begräbnis folgt. Nach dem „Abschied der Lebenden“ geht es in das Schattenreich, wo Lukullus vor Gericht gestellt und verhört wird. Zeugen treten auf, die von den Taten des Feldherrn berichten. Ein Fischweib beklagt den Tod ihres und anderer Mütter Söhne. Ein Koch berichtet von der guten Küche des Lukullus. Einen Totenschöffen, der einst Bauer war, beeindruckt ein Kirschbaum, „denn das Stämmchen lebt, wenn alle Siegesbeute der beiden Asien längst schon vermodert ist“.

Dann wird Lukullus verurteilt: „Ins Nichts mit ihm und ins Nichts mit allen wie er“. Und damit wird auch die Tendenz des Stücks transparent. Es geht gegen die Kriege, deren Wurzeln aufgezeigt werden. Nicht von ungefähr hat Paul Dessau das Werk als seine „Friedensoper“ bezeichnet. Sie ist Bertolt Brechts epischem Theater verpflichtet und ist ein ein sogenanntes Lehrstück, in dem Historisches und Zeitbezogenes vermischt werden. Antikulinarischer Opernästhetik folgend, wird sinnenentleertes Schön- zu Gunsten spröden Orchesterklangs vermieden. Die Besetzung weist Holz- und

Blechbläser, Violoncelli, Kontrabässe und vielfältiges Schlagwerk auf.

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Dazu kommen sogenannte Wanzenklaviere, ein Trautonium, ein Akkordeon und eine Harfe.

Dabei wird dieses Instrumentarium, abgesehen von einigen Ausbrüchen, bewusst sparsam behandelt. Zu den Vokalpartien kommen Ausrufer, Sprecher und Kommentatoren hinzu, die sich direkt an die Zuhörer wenden. Das Konzept der Stuttgarter Aufführung stammt von dem 2012 von Franziska Kronfoth und Julia Lwowski, die auch Regie führen, gegründeten Theaterkollektiv „Hauen und Stechen“. Die zwei „künstlerisch und strategisch zusammenarbeitenden“ Frauen streben in ihrer Arbeit mit dem Kollektiv „ein bewegendes, zeitgemäßes, grenzüberschreitendes und genreübergreifendes Musiktheater“ an. Die enge Zusammenarbeit mit verschiedenen Künstlern, von denen sie nach Stuttgart gleich die Bühnenbildnerin Christina Schmitt und die Kostümbildnerin Yassu Yabara mitbrachten, dazu den Video-Künstler Martin Mallon, der in der Vorstellung auch noch eine Live-Kamera bedient, führt, wie man lesen kann, „zur Entwicklung einer eigenwilligen, wilden, performativen und unverwechselbaren Theatersprache“.

Und damit ist eigentlich über die rund 100-minütige, pausenlose Vorstellung schon das Wesentliche gesagt. Nach dem Motto „Drum schonet mir an diesem Tag Prospekte nicht und nicht Maschinen“, beginnt das Ganze mit einem Trauerzug im Foyer, der auf den Bühnenvorhang übertragen wird. Als sich dieser hebt, sieht man auf der Szene „Urväter-Hausrat drein gestopft“ allerlei Altes aus dem Fundus und viel Neues vom Altertum bis zur Neuzeit. Der von Manuel Pujol einstudierte Staatsopernchor, der von Bernhard Moncado einstudierte Kinderchor, dazu viel Statisterie und die Solisten bevölkern die Bühne – doch die ist zu klein für den Fantasiereichtum der Verantwortlichen, so dass es auch immer wieder Auftritte aus dem und Abgänge durch den Zuschauerraum gibt. Was den Fantasiereichtum betrifft, ist er bewundernswert, nur hat er häufig nichts mit „Der Verurteilung des Lukullus“ zu tun. Oder mit anderen Worten, das Gezeigte hätte vielfach auch zu einer anderen Vorlage gepasst oder auch nicht. Denn wer die Geschichte von Bertolt Breht nicht kannte, dem wird sie durch diese Art der Darbietung nicht erschlossen. So ist denn das Ganze wohl keine kulinarische Opernvorstellung, aber L’art pour l’art zur Selbstverwirklichung des Theaterkollektivs „Hauen und Stechen“. Grandios dagegen ist die Interpretation von Paul Dessaus Komposition, unter der musikalischen Leitung von Bernhard Kontarsky.

Und auch die Solisten brillieren, allen voran Gerhard Siegel als Lukullus und wenigstens genannt: Alina Adamski als Königin. Cheryl Studer als Tertullia, Maria Theresa Ulrich als Fischweib, Deborah Saffery als Kurtisane, Torsten Hofmann als Koch und Simon Bailey als Totenrichter.

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