Würzburg

Gedenken Nach Bombenangriff vor 75 Jahren liegt die Domstadt in Schutt und Asche / Verheerendes Inferno am 16. März 1945

Ein Feuersturm vernichtet Würzburg

Archivartikel

Würzburg.Die Würzburger genießen den 16. März 1945, einen warmen, wolkenlosen Freitag, so weit es irgendwie geht. Dieser Tag beginnt so schön, dass Ortrun Koerber beschließt, den Arbeitsdienst in der Rüstungsfabrik zu schwänzen.

Anstatt bei Koenig & Bauer Granaten zu bauen, macht sie mit Mutter und Schwestern, Freundin und Freund blau in einem Garten auf einem der Hügel über der Stadt.

Am Nachmittag schreibt sie in ihr Tagebuch, sie habe keine Ahnung, „ob irgendjemand noch“ in der Rüstungsfabrik arbeite. „Seit zwei Tagen hat es keinen einzigen Alarm gegeben. Es ist, als ob wir ein Picknick machen würden. Vielleicht ist der Krieg vorbei – und wir wissen es nicht.“

Derweil sammeln sich knapp 1000 Kilometer nordwestlich von Würzburg, auf dem Flugplatz von Reading, nicht weit von London, Elite-Staffeln der Royal Air Force: rund 500 Flugzeuge der Bomber Groups No. 1, 5 und 8. Die Gruppe Nummer 5 ist das erfahrenste Geschwader im Luftkrieg gegen Deutschland. Sie hat Heilbronn, Darmstadt, Königsberg, Braunschweig, München und Kassel bombardiert. Am 13. Februar 1945 flog sie gegen Dresden den fürchterlichen ersten Schlag.

Um 18 Uhr sind alle in der Luft. Um 18.30 Uhr geht in Würzburg, hinter der Festung über dem Main, die Sonne unter.

Das Unheil naht

Oben auf dem Hügel sind die Körbers nach dem sonnensatten Tag viel zu müde, viel zu träge, viel zu fröhlich, um den langen Heimweg hinunter in die Stadt zu gehen. Sie legen sich im Gartenhaus schlafen.

Den Kleinalarm um 19 Uhr hören sie nicht. Der Großalarm um 20 Uhr weckt sie, aber sie nehmen ihn nicht ernst. Über 300 Mal hatten die Sirenen schon geheult, es gab Angriffe und Tote, aber heute nicht, glauben sie. Sie schlafen wieder.

Unten in der Stadt, in der Bibrastraße 7, zwischen Residenz und Dom, übt die achtjährige Elfriede Denzinger Mozarts „Türkischen Marsch“. Ihre Mutter kommt ins Zimmer gestürmt, schreit, sie müssten alle sofort in den Keller, das Kind quengelt, folgt widerstrebend, lässt trotzig seine Habseligkeiten zurück.

Nicht weit entfernt, im Fernmeldeamt am Paradeplatz, am Fuß des Doms, schickt Wini Baunach, die Chefin der „Fräuleins vom Amt“, um 20.50 Uhr die Telefonistin Lioba Müller nach Hause, 40 Minuten vor Dienstschluss.

Baunach fürchtet das Unheil kommen, und Müller hat den längsten Heimweg: eine Stunde lang, bis weit hinter den für seinen Wein berühmten Steinberg. Gegen 21 Uhr trennt sich der Verband über Crailsheim. Rund 280 Maschinen fliegen zum Angriff nach Nürnberg, die 236 Maschinen der Bomber Group Nummer 5 nehmen Kurs auf Würzburg.

Um 21.07 Uhr meldet das Funk-Horch-Regiment West aus Limburg/Lahn: „Größte Gefahr für Würzburg!“ Zuerst kommt der „Zeremonienmeister“, ein Flugzeug, das das Zielgebiet absteckt. „Christbäumle“ nennen die Würzburger die Leuchtzeichen.

Im Gartenhaus oben auf dem Hügel weckt ihr „geisterhaftes Licht“, so erzählt Ortrun Körber später, die Schlafenden. Sie wissen sofort, was los ist, stürzen ins Freie, werfen sich ins Gras und sehen, was unten im Tal geschieht.

Drei Wellen

Um 21.25 Uhr beginnt der Angriff. In drei Wellen werfen die Besatzungen etwa 370 000 Stabbrandbomben ab, rund 200 Sprengbomben zu je 500 Kilogramm und eine unbekannte Menge Petrol-Gelée-Kanister.

Die Telefonistin Lioba Müller, klein und zierlich, rennt. Sie hört hinter sich die Bomben bersten, dreht sich um und sieht den Schein der lichterlohen Flammen den Himmel rot färben. Und mittendrin im Inferno liegt ihr Amt am Paradeplatz.

2017 berichtet sie, sie habe gedacht, „das gibt’s doch nicht!“. Die Hölle sei losgewesen, erzählt sie Jahre später. „Es war alles glutrot auf einmal, und gezischt hat es immer, ein Rauch, eine erstickende Luft, man hat nicht richtig atmen können.“

Wie ein biblisches Strafgericht fällt die Royal Air Force über Würzburg her. 4000 Kinder, Frauen und Männer sterben. Die Menschen verbrennen, werden von Trümmern erschlagen und ersticken in Kellern.

Um 21.42 Uhr, nach 17 Minuten, lassen die Flugzeuge von Würzburg ab.

Bis zu 2000 Grad heiß

Noch aus 200 Kilometern Entfernung sehen die Besatzungen die Flammen lodern und über der Stadt zusammenschlagen. Zwei Stunden später, um Mitternacht, brennt die Stadt bis zu 2000 Grad heiß.

Ein Feuersturm heult durch die Straßen und Gassen, der glühend heiße Luftsog vernichtet, was die Bomben nicht trafen.

Immer dichter wachsen die Brandherde zusammen. Entsetzt und panisch flüchten die Menschen aus den Kellern. Sie retten sich an den Main und in den Ringpark, der die Altstadt umfasst und vom Inferno verschont bleibt.

Während der Feuersturm heult, bleibt in der Bibrastraße 7 die Hausgemeinschaft im Keller. Die Menschen hocken im Kreis, 30 Leute ungefähr, ein Kleinkind unter ihnen, im schummrigen Licht einer Taschenlampe. Der Keller füllt sich langsam mit Rauch. Sie tunken Decken in ein Wasserfass und hüllen sich in ihnen ein, und machen Taschentücher nass. Die halten sie sich vor Nase und Mund, das erleichtert das Atmen.

Am nächsten Morgen, in aller Frühe, kehrt Lioba Müller zurück in die Stadt. Sie ist Rotkreuz-Schwester. „Vielleicht kann ich helfen“, hofft sie. Sie läuft am Berliner Ring, schaut, stutzt, denkt: „Was ist denn da? Dann waren im Gras, im Rondell, da waren verkohlte Stücke gelegen, und da habe ich geschaut und dachte: Das gibt’s doch nicht! Dann waren das Menschen! Verkohlte Menschen! Da waren sie in Reih und Glied dagelegen.“ Sie kommt nicht weit.

Die Innenstadt glüht

Die Innenstadt glüht. Die Stadt ist menschenleer, „höchstens mal hinter den Rauchschwaden ist jemand gehuscht“.

Gegen 7 Uhr am Morgen verlassen die Leute aus der Bibrastraße ihren Keller. Aus den Fenstern ihres Hauses lodern die Flammen heraus. Elfriede Denzinger berichtet viele Jahre später: „Geglimmt hat alles noch. Und als wir die Hofstraße hoch sind, bei dem Haus Dr. Holler, wo heute die Tanzschule Bäulke drin ist, da hing ein Mann oder eine Frau, ich weiß nicht, es ist undefinierbar gewesen, aber es war ein menschliches Wesen vorher, so um den Laternenpfahl wie ein Stück Holz, ein schwarzes Stück Holz. Man sah den Kopf, den ganzen Körper, die Beine, die Arme um diesen Laternenpfahl. Entweder hat ihn der vom Feuer verursachte Wind da hin geweht, und er wollte sich da festhalten, auf jeden Fall habe ich im Leben sowas nie wieder gesehen – wie ein Holz, wie ein Stück Holz. Da mussten wir direkt vorbei an diesem Mensch.“

Wohnungen zerstört

In den nachfolgenden Wochen begutachtet die Stadt rund 29 000 Wohnungen, davon 21 000 „total vernichtet“ und knapp 5500 schwer beschädigt. In der Altstadt bleiben nur sieben ohne größeren Schaden. 82 Prozent von Würzburg sind ein Ruinenfeld. Am 6. April nimmt die US-Army Würzburg nach heftigen Kämpfen und weiteren 1300 Toten ein. Vor dem Krieg lebten knapp 110 000 Leute in der Stadt. Im April 1945 sind es 2000 bis 6000.

Zu den Mythen um den 16. März 1945 gehört die Geschichte, die Würzburger hätten zeitweilig erwogen, das Ruinenfeld zu belassen und südlich davon ein neues Würzburg zu bauen.

Am 5. Mai 1945 kündigte der von den Amerikanern eingesetzte Oberbürgermeister Gustav Pinkenburg auf einem Wurfzettel an: „Der Aufbau der Stadt wird nach den Plänen des Stadtbauamtes ab Montag, 7. Mai 45 beginnen“.