Tauberbischofsheim

Vortrag Karl-Heinz P. Kohn referierte zum Thema „Voneinander Lernen – Beratungskompetenz in der beruflichen Arbeit mit Geflüchteten“

Soziale und berufliche Integration sind untrennbar

Archivartikel

Main-Tauber-Kreis.Karl-Heinz P. Kohn, Politologe und wissenschaftliche Lehrkraft an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim, fragte zu Beginn seines Vortrags, ob man „Vertreter der Menschenfeinde“ zu einem Fachtag mit dem Thema Integration von Flüchtlingen nicht einladen sollte. Den Begriff „Menschenfeinde“ bezieht er nicht etwa auf spezielle Parteien oder Gruppierungen, sondern auf all diejenigen, die vorurteilsbehaftet sind und Menschen, ohne sie zu kennen, in Schubladen stecken.

„Voneinander Lernen – Beratungskompetenz in der beruflichen Arbeit mit Geflüchteten“ lautete der Titel von Kohns Vortrag. Dabei sprach er sich dafür aus, nicht nur den Anspruch zu erheben, dass Flüchtlinge von Einheimischen lernen, sondern dass auch umgekehrt Wissen aufgenommen werden müsse, um die Voraussetzungen, die im Herkunftsland herrschen, einordnen zu können. Was jemand erlebt und an Fähigkeiten mitbringt, sei Voraussetzung, um mögliche Ziele in Deutschland in den Blick zu nehmen und mit den vor Ort herrschenden Realitäten abzugleichen.

Der Politologe sprach sich klar gegen die Anwendung des Prinzips „Fördern und fordern“ aus, weil Flüchtlinge in erster Linie gefördert werden müssten. Vor dem Hintergrund häufiger Traumatisierung, die oft übersehen oder falsch interpreteiert werde, und der Schwierigkeit, die deutsche Sprache noch nicht zu beherrschen, gelte es, Flüchtlinge sprach- und kulturneutral zu testen. Das sei wie bei Hauptschülern mit schlechten Noten, so Kohn. „Die haben oft mehr drauf, als wir denken.“

Zudem solle man sich hüten, Flüchtlinge für die Berufe vorzusehen, die Deutsche nicht mehr ausüben wollten. Vielmehr seien Fachkräfte auf allen Ebenen vonnöten. Kohn plädierte für eine sprachliche und sozialpädagogische Begleitung sowie eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Professionellen und Ehrenamtlichen. „Wenn die soziale Integration nicht klappt, kann man die berufliche vergessen“, meinte er.

Er appellierte, die Beratung zu modernisieren und belegte anhand von Zahlen, dass der deutsche Arbeitsmarkt weiter wachse. Die Angst, dass mit der Digitalisierung Arbeitsplätze wegfallen, sei unrealistisch. „Rein ökonomisch haben wir zu wenig Zuwanderung“, sagte er. Schon allein aus egoistischen Gründen und vor dem Hintergrund der bevorstehenden Verrentung der geburtenstarken Jahrgänge, sei eine Zuwanderung, auch von Hochqualifizierten, unumgänglich.

Bereits heute gebe es eine Erstaufnahmestruktur, aufsuchende Beratung, migrationsspezifiche Beratungsteams, eine professionelle Organisation von Sprachvermittlung und zuwanderungsspezifische Fördermaßnahmen. Auf diese Modernisierungen könne man stolz sein. Was noch fehle sei die Entwicklung einwanderungsspezifischer Erfolgsindikatoren. Zudem wünschte sich Karl-Heinz P. Kohn, gelungene Förderungen deutlich aufzuzeigen und einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen und die bestehenden Strukturen nicht zurückzubauen. hvb