Niederstetten

Paukenschlag am Ende der Bürgerversammlung (1) Der Amtsinhaber tritt bei der Bürgermeisterwahl in Niederstetten nächstes Frühjahr nicht für eine dritte Amtszeit an

Rüdiger Zibold kandidiert nicht mehr

Archivartikel

Den meisten blieb schier die Spucke weg: Zum Abschluss der Bürgerversammlung erklärte Rüdiger Zibold, dass er nicht für eine weitere Amtszeit als Bürgermeister zur Verfügung stehe.

Niederstetten. Ein einzelner Gast der gut besuchten Bürgerversammlung am Mittwochabend in der Alten Turnhalle spendete demonstrativ Beifall für Zibolds Entschluss: Franz Scharly, der Zibold - und nicht nur ihn - seit Jahren regelmäßig öffentlich kritisiert. Ansonsten: Betretene Stille. Für alle anderen war dies offenbar kein Moment der Freude.

Bei der am Sonntag, 4. Februar 2018 anstehenden Wahl, hatte Zibold kurz zuvor gesagt, werde er nach zwei Amtsperioden nicht noch ein weiteres Mal kandidieren. Nach dann insgesamt 26 Jahren als Bürgermeister - in Langenburg war Zibold zehn, in Niederstetten dann 16 Jahre Chef der Verwaltung - sei es Zeit, "nochmals andere Herausforderungen zu suchen und den Platz für jemanden Jüngeres frei zu machen". Seine Entscheidung habe er nach reiflicher Überlegung und nach vielen Gesprächen mit seiner Frau getroffen.

Er habe seine Arbeit sehr gerne getan, sagte Zibold weiter. Froh und dankbar sei er für die erlebte Unterstützung, die Offenheit und den mit Argumenten unterlegten Austausch. Doch: Dies sei "nicht mit allen möglich". Letzteres bezog Zibold explizit, aber in gewohnter Diskretion, sowohl auf Erfahrungen mit einzelnen Bürgern, als auch auf den Gemeinderat. Zibold zeigte sich zuversichtlich, dass für Niederstetten eine gute Nachfolgerin oder ein guter Nachfolger gefunden werde. Sehr gut aufgestellt sei die Verwaltung, auch im Gemeinderat laufe es gut. Der kräftige Beifall nach Zibolds Erklärung ist wohl als deutliches Zeichen der Achtung für ihn zu interpretieren.

Am Vormittag hatte der Bürgermeister die Mitarbeiter der Verwaltung über seine Entscheidung informiert, die ihre Überraschung auch noch nach der Bürgerversammlung nicht verhehlten. Die Kurzkommentare waren vielsagend und reichten von "ziemlich geschockt" bis "Jetzt ist ein Schnaps fällig".

Unvorbereitet traf die Ankündigung auch die Mitglieder des Gemeinderats: Zwar hatte Zibold ihnen mitgeteilt, dass er seine Entscheidung vor der Sommerpause bekannt geben würde. Dass sie jedoch so ausfallen würde, hatten nur die wenigsten erwartet. Etliche teilten ihm seine Betroffenheit mit, aber auch den Respekt vor seiner Haltung. Der langjährige Stadtrat Heinz Bader machte das auch im Gespräch mit unserer Zeitung deutlich: "Ich bedauere die Entscheidung sehr", sagte er, zumal die Zusammenarbeit immer sehr gut und vertrauensvoll gewesen sei. Klaus Lahr (SPD), dienstältester Gemeinderat, äußerte ebenfalls sein Bedauern. Er habe Zibold als guten Bürgermeister erlebt, der immer fair und offen seine Sache gut gemacht habe und die Stadt in gutem Zustand hinterlasse.

Vorbachzimmerns Ortsvorsteher Gerhard Hauf zeigte sich sehr überrascht: Die derzeitige Situation der Stadt öffne reizvolle Gestaltungsmöglichkeiten. Die wären möglicherweise auch weiterhin nicht nur der Kernstadt, sondern auch den Ortschaften zugute gekommen, für deren Belange Zibold immer ein offenes Ohr gehabt habe.

Manche Besucher der Bürgerversammlung zeigten sich aber auch "weniger überrascht": Zibold sei häufiger krank gewesen; bereits bei der Wiederwahl habe es kritische Stimmen gegeben. Nach 26 Amtsjahren, mutmaßten sie, könne schon auch Amtsmüdigkeit auftreten.

Doch "amtsmüde" wirkte der Bürgermeister auch bei der Bürgerversammlung keineswegs. Und auch im Interview am nächsten Morgen betonte er, gern und mit Leidenschaft als Bürgermeister gearbeitet zu haben und sich bis zum Schluss der Ende April auslaufenden Amtszeit "mit vollem Einsatz" für die Belange Niederstettens stark machen zu wollen. In den letzten Jahren sei jedoch unter dem wachsendem Termindruck das Privatleben zu kurz gekommen. Außerdem sei er zunehmend durch die sozialen Medien mit einer wachsenden Zahl unsachlicher und persönlicher Angriffe konfrontiert gewesen.

Dennoch schließt Zibold nicht aus, nach Ablauf des Kreistagsmandats in dem Gremium wieder zu kandidieren. Wenn es gewünscht werde, werde er sich auch für das UFZ, dessen Vorsitzender er derzeit ist, engagieren, gerne auch für die Gestaltung des Gedenkpfads für Hermann Umfrid, der ihm persönlich am Herzen liege. Durchaus vorstellbar ist für ihn auch ehrenamtliches Engagement für soziale Projekte, etwa als Fahrer des Bürgerbusses.

Beim Amtsantritt in Niederstetten im Jahr 2002 hatte er sich vorgenommen, die positive Entwicklung der Stadt weiterzuführen. Vieles sei gelungen: insbesondere in den Bereichen Kultur, verzahnte Bildung, Kinderbetreuung, wohnortnaher Pflege für Senioren und der Sicherung des auch für die regionale Wirtschaft wichtigen Flugplatzstandorts.

Durch viel persönliches Engagement sei auch die Ansiedlung des Sonderschraubenherstellers Güldner gelungen. Mit den Planungen zur Umsiedlung des Umschulungs- und Fortbildungszentrums in die Kernstadt habe Niederstetten Begehrlichkeiten anderer Kommunen abgewendet. Und auch der Schuldenstand habe sich zum Jahreswechsel bei einer Pro-Kopf-Verschuldung von 1300 Euro auf insgesamt 1,9 Millionen Euro belaufen.

Aufreibend war für Zibold sicherlich die neue Kindergartenkonzeption, bei der teils schmerzhafte Entscheidungen getroffen wurden wie die Schließung des Standorts Oberstetten. Heftigen Gegenwind bekam er auch in Sachen Windenergie. Da musste der an Konsens, Kooperation und kreativen Lösungen orientierte Verwaltungsfachmann manches einstecken.

Sein größter Wunsch für die Zeit nach dem Amt ist es, mehr Zeit fürs Privatleben zu haben.