Neckar-Odenwald

Neue Wildtierarten im Neckar-Odenwald-Kreis Region ist Rückzugsgebiet / Über Ausweisung einer Wolfs-Förderkulisse im Badischen Odenwald wird nachgedacht

„Mensch und Wolf müssen sich anpassen“

Archivartikel

Schakal, Wolf, Luchs – immer mehr „verschwundene“ Arten kehren zurück. Vielleicht ist das Zufall. Oder ein Hinweis auf die Naturnähe des Odenwalds, sagt Tobias Kuhlmann.

Neckar-Odenwald-Kreis.Schon mehrfach wurden Wolfsnachweise im Landkreis bestätigt, jetzt taucht nach Angaben der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt bei Mudau auch noch ein Schakal auf. Im Vorjahr gab es Hinweise auf den Luchs. Die FN stellten dazu einige Fragen an Tobias Kuhlmann, den Wildtierbeauftragen im Neckar-Odenwald-Kreis.

Herr Kuhlmann, Wolf, Luchs, Schakal: Wie viele bestätigte Nachweise gab es in den vergangenen zwei Jahren zu diesen Arten? Und wo wurden die Tiere gesichtet?

Kuhlmann: Wir hatten einen sicheren Nachweis eines Luchses im Elztal. Der scheint aber recht zügig in den Rhein-Neckar-Kreis weitergezogen zu sein und wurde im Anschluss dort mehrfach bestätigt. Es war nachweislich ein Luchs aus dem Harz, der den Weg zu uns in den Odenwald gefunden hatte. Vom Schakal haben wir bislang auch nur den einen bestätigten Nachweis. Einzelne Wölfe scheinen auch in der Vergangenheit immer mal wieder durch den Odenwald gezogen zu sein. Derzeit haben wir jedoch die Situation, dass sich ein Wolf nun auch über einen längeren Zeitraum bei uns aufhält.

Bekommen Sie viele Hinweise auf Wildtiere?

Kuhkmann: Ja, generell bekommen wir viele Meldungen zu Wildtieren. Dafür sind wir sehr dankbar, denn nur so können wir neue Erkenntnisse sammeln. Nicht jede Meldung hat dabei jedoch die gleiche Wertung und muss daher ausführlich geprüft werden. Häufig bekommen wir „nur“ Sichtungsmeldungen, die sehr schwierig zu überprüfen oder nachzuvollziehen sind. Foto- oder Videoaufnahmen sind da schon nützlicher. Und im Idealfall können wir sogar einen genetischen Nachweis durch Risse, Kot, Haare oder anderes durchführen. Generell kann aber jede Meldung wichtig sein, um ein Gesamtbild der Situation zu erhalten.

Gab es noch andere Tierarten, die überspitzt gesagt „auf einmal wieder“ im Neckar-Odenwald-Kreis aufgetaucht sind?

Kuhlmann: Ja, natürlich gibt es da immer mal wieder ein paar „Überraschungen“, zum Beispiel Fischotter, Biber, Nutria, Marderhund, Waschbär, Wildkatze, Nilgans, Schwarzstorch oder Uhu. Manche Arten sind vielleicht nur „auf dem Durchmarsch“, andere, vor allem auch die invasiven Arten, werden wohl auch in derZukunft unser Ökosystem prägen.

Wie bewerten Sie als Wildtierbeauftragter diese Nachweise?

Kuhlmann: Es hat sich gezeigt, dass der Wildtierbeauftragte eine wichtige Funktion übernimmt. Vor der Einführung des Jagd- und Wildtiermanagementgesetzes (JWMG) und der damit gesetzlichen Grundlage des Wildtierbeauftragte gab es vermutlich auch schon Sichtungen und Begegnungen mit Wildtieren. Diese sind aber vermutlich einfach nicht gemeldet worden. Nun hat man aber eine Anlaufstelle für Bürger, Jäger, Verbände und Kommunen, die die Meldungen koordiniert, prüft und in einer landesweiten Wildtiermonitoringdatenbank verwaltet und auch Hinweise und Informationen für den Umgang mit Wildtieren herausgibt. Der Neckar-Odenwald-Kreis hat inzwischen auch die Bedeutung dieser Stelle erkannt und setzt mit der Besetzung ein deutliches Signal. Es gibt nun einen Schnittpunkt für die diversen Anfragen aus Bevölkerung und Verwaltung. Seit dem letzten Jahr wurde die Stelle des Wildtierbeauftragten außerdem auch noch ans Veterinäramt verlegt. Das schafft erneut viele Vorteile und kurze Dienstwege. Gerade im Hinblick auf die drohende Afrikanische Schweinepest ist eine gute Abstimmung vonnöten.

Kann man mit Blick auf ähnliche Vorkommnisse in anderen Landkreisen beziehungsweise in Baden-Württemberg von einer Entwicklung, einem Trend sprechen?

Kuhlmann: Der Odenwald ist ein großes zusammenhängendes Waldgebiet und ein Wildtierkorridor mit überregionaler Bedeutung. Dass nun „neue“ Wildarten im Neckar-Odenwald-Kreis gerade „gehäuft“ vorkommen, ist eventuell Zufall, zeigt aber auch die Attraktivität unserer Region.

Wie ist dieser Trend einzuordnen? Handelt es sich um einen Erfolg von Naturschutzprojekten oder sorgt vielmehr die Ausdehnung der Menschen etwa durch immer mehr Neubaugebiete dafür?

Kuhlmann: Die ländlichen Strukturen im Neckar-Odenwald-Kreis dienen als Rückzugsgebiet für unsere Wildtiere. So darf im Odenwald zum Beispiel auch noch der Rothirsch vorkommen. Baden-Württemberg erlaubt unserer größten heimischen Wildart nur ein Vorkommen auf vier Prozent der Landesfläche, der Odenwald hat gesetzlich das Privileg, als Rotwildgebiet gewertet zu werden. Zudem hat der Mensch glücklicherweise noch nicht so stark in unsere Natur eingegriffen, wie das in anderen Regionen der Fall ist. Unser Odenwald ist also insgesamt noch recht naturnah.

Vor allem der Wolf sorgt immer wieder für Diskussionen und unterschiedliche Standpunkte. Wie wichtig ist die Aufklärung und worauf kommt es dabei an?

Kuhlmann: Die Aufklärung zum Thema Wolf ist sehr wichtig. Nach langer Abwesenheit kehrt nun ein größeres Raubtier zurück in unsere Landschaft. In diesem Zeitraum hat sich jedoch einiges geändert. Mensch und Wolf müssen sich dieser neuen Situation anpassen. Dass sich der Wolf relativ rasant in Deutschland ausbreitet ist auch bekannt. In Deutschland leben derzeit nach offiziellen Angaben über 1000 Wölfe. Die Zuwachsrate ist dementsprechend sehr hoch. Jungwölfe müssen nach und nach ihre Rudel verlassen und suchen sich ihr eigenes Territorium. Dabei legen sie teils große Strecken zurück.

Der Neckar-Odenwald-Kreis liegt außerhalb des Fördergebietes „Wolfsprävention“. Sollte angesichts der vermehrten Nachweise in den vergangenen Wochen und Monaten nicht über eine Aufnahme darin nachgedacht werden?

Kuhlmann: Ja, über die Ausweisung einer Förderkulisse im badischen Odenwald wird natürlich nachgedacht. Sollte sich der Wolf GW1832m weiterhin bei uns aufhalten und wir können dies auch genetisch bestätigen, so würde dies zur Ausweisung eines Fördergebietes führen.

Was würde eine Aufnahme in das Fördergebiet „Wolfsprävention“ bedeuten?

Kuhlmann: Die Aufnahme würde zum Beispiel bedeuten, dass man sich Material und Arbeitsleistung bei Errichtung von Herdenschutz unter anderem für Schafe, Ziegen und Gatterwild fördern lassen kann.

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