Buchen

„Herz statt Hetze Neckar-Odenwald-Kreis“ Mit Schülern des Burghardt-Gymnasiums die Dokumentation „Meine Familie, die Nazis und ich“ gesehen und diskutiert

Jugendliche sollen aus Geschichte lernen

Archivartikel

Buchen.250 Schüler um 7.30 Uhr: Nur selten ist er bereits am Morgen buchstäblich proppenvoll, der Wimpinasaal. Grund für diese Ausnahme war die von der Initiative „Herz statt Hetze Neckar-Odenwald-Kreis“ eingerichtete Schulfilmwoche, in deren Rahmen sich zwei Gruppen des Burghardt-Gymnasiums mit der Dokumentation „Meine Familie, die Nazis und ich“ des israelischen Filmemachers Channoch Ze’evi auseinandersetzten.

Zunächst ging Oberstudiendirektor Jochen Schwab auf die Hintergründe der Gegenwart ein: „Wir leben in spannenden Zeiten, in denen wir achtsam sein müssen“, bemerkte er und verwies auf eine ereignisreiche Geschichte, aus der es zu lernen gelte. „Ihr habt keine Verantwortung für die Geschichte, aber ihr tragt sie für das, was ihr daraus macht“, stellte der Schulleiter klar und dankte dem durch Alexander Weinlein und Markus Dosch vertretenen Bündnis „Herz statt Hetze“ für dessen Funktion als wertvoller Impulsgeber in Sachen Demokratie.

Kurz begrüßte auch Alexander Weinlein die Heranwachsenden, ehe sich der Wimpinasaal verdunkelte: Kaum fielen die Vorhänge, lief der Film ab. In eindrücklichen Worten und Bildern schilderte Bettina Göring als Großnichte des Luftwaffenchefs Hermann Göring, der im Todesfalls Adolf Hitlers dessen Nachfolge angetreten hätte, ihre persönliche Vita und die Bedeutung, die Hermann Göring und dessen Leben und Wirken noch heute für sie haben. In den USA lebend, sprach sie von enormer Kraft, die der Umgang mit der Vergangenheit erfordere – zumal es aktuell darum gehe, Dinge zu bewältigen, welche die vorige Generation nicht aufarbeiten konnte oder wollte.

Ähnlich ergeht es Rainer Höß, dessen 1945 zum Tode verurteilter Großvater die Verantwortung für den Tod von zwei Millionen Menschen trägt: Als Enkel des Auschwitzer KZ-Kommandanten Rudolf Höß versucht er peu à peu, sich mit der Geschichte auseinander zu setzen und reiste mit dem israelischen Journalisten Eldad Beck nach Auschwitz. Entsetzt besuchte er Stätten, an denen Rudolf Höß mit dem Gewehr wahllos auf KZ-Häftlinge schoss und wenige Meter daneben mit schier unfassbarer Sorglosigkeit als beschaulicher Familienvater lebte. Im Rahmen seines Besuchs stellte er sich den Fragen von Schülern und traf auf einen hochbetagten Überlebenden.

Einer der engsten Vertrauten

Auf eine andere Art begibt sich Niklas Frank, Jahrgang 1939, auf Tuchfühlung mit der Rolle, die sein Vater Hans Frank im Dritten Reich inne hatte. Als ehemaliger Generalgouverneur von Deutschen besetzter Gebiete in Polen war Hans Frank einer der engsten Vertrauten Hitlers und wurde 1946 gehängt. In deutlicher, teils markiger Wortwahl distanziert sich Niklas Frank von seinem Vater nicht nur – er bezeichnet ihn viel mehr als „typisch deutsches Monster“ und betreibt in Buchform eine späte Form familiärer Abrechnung. In Lesungen an Schulen prangert er an, was sich niemals wiederholen darf und tritt für Gerechtigkeit sowie einen offenen Umgang mit seiner Herkunft ein.

Nur wenige Jahre nach ihm erblickte im Jahr 1945 Monika Göth das Licht der Welt. Als Tochter von Amon Göth, der als Lagerkommandant im Arbeitslager Plaschow jene sadistische Grausamkeit an den Tag legte, die unter anderem 1993 der oscarprämierte Spielberg-Film „Schindlers Liste“ aufarbeitete, sprach sie vor der Kamera ihre Gefühle an, mit der sie versucht, das Geschehene zu verarbeiten.

Auf die rund 90-minütige Filmvorführung folgte eine Diskussionsrunde mit Kathrin Himmler, die als Großnichte von SS-Reichsführer Heinrich Himmler bereitwillig auf die Fragen der aus den neunten, zehnten und elften Klassen stammenden Jugendlichen einging. Die in einem freundschaftlichen Verhältnis zu Niklas Frank stehende Buchautorin stellte sich zahlreichen Fragen, die nicht nur durch die durchaus tiefgehende und aufrüttelnde Botschaft des Films äußerst vielschichtig ausfielen. Dabei bezog sie eine klare Position: „Heinrich Himmler ist einer der größten Verbrecher der Menschheit“, betonte sie. Kurz ging Katrin Himmler auch auf die 2018 gestorbene Gudrun Burwitz ein, die als Tochter Heinrich Himmlers bis zu ihrem Tod mit ihrem Vater und der NS-Zeit solidarisierte.

In ihrem Schlusswort lobten Alexander Weinlein und Katrin Himmler das Interesse der Jugend und die inhaltliche Tiefe ihrer Fragen. So fand Weinlein klare Worte zum Abschied: „Bleibt anständig“, appellierte er an die Buchener Gymnasiasten, von denen zeitversetzt zwei Gruppen mit insgesamt rund 500 Schülern der neunten bis elften Klassen sowie des Leistungskurses Geschichte der zwölften Klasse in den Wimpinasaal kamen. ad