Boxberg

Waldbaden Seminar der Deutschen Akademie für Waldbaden im Oktober will forschungsbasierte Naturtherapie für Kinder und Jugendliche nutzen

Seele und Körper positiv beeinflussen

Auf den Körper hören: Mit der Ausbildung von Therapeuten, die speziell mit Kindern Waldbaden ausüben, will Dr. Claus Schott zusammen mit Jasmin Schlimm-Thierjung neue Wege gehen.

Boxberg. „Wir hatten früher unsere Fantasie und haben in den Wiesen und auch im Wald gespielt“, sagt Dr. Claus Schott. Der Boxberger Kinderarzt hat auch in seiner Praxis vermehrt mit Kindern zu tun, die unter Auffälligkeiten oder Konzentrationsstörungen leiden. „Vieles strömt auf die Kinder ein, sie haben täglich ein großes Programm zu absolvieren“, weiß der Boxberger.

Um ihnen zu helfen, hat er zusammen mit Jasmin Schlimm-Thierjung von der Deutschen Akademie für Waldbaden das Seminar „Therapeutischer Waldbadenbegleiter für Kinder und Jugendliche“ ins Leben gerufen, das vom 14. bis 19. Oktober in Boxberg stattfindet. „Wir sind in Deutschland die ersten, die dies anbieten“, betont Dr. Schott. Dabei stehen der Bezug zur Natur und das Waldbaden als Praxis zur Gesundheitsprävention im Mittelpunkt. Fachliche Unterstützung erhalten die beiden Organisatoren von Dr. Reiner Buchhorn, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin am Caritas-Krankenhaus in Bad Mergentheim.

Absichtslos schlendern

Was ist Waldbaden? „Darunter versteht man das achtsame, absichtslose Schlendern und Verweilen im Wald, bei dem wir alle Sinne weit öffnen“, bringt es die Kursleiterin auf den Punkt. Es sei eine Möglichkeit für die körperliche und seelische Entwicklung für Kinder.

Die Teilnehmer sollen bei diesem Seminar die Langsamkeit und fokussierte Achtsamkeit verinnerlichen, was sie dann an die jungen Patienten weitergeben. Über Tastspiele, Baumkarten oder einfach einem Spiegel auf dem Boden stehen „Verstehen und entdecken“ im Mittelpunkt. Gerüche und Geräusche werden wahrgenommen. Auch Übungen aus dem Tai-Chi, Qigong und Yoga werden eingebaut. Dabei gehe es nicht um eine Bewertung, sondern darum, das Gesehene und Gefühlte so anzunehmen, wie es ist. „Hören, was uns der Wald sagt“, nennt das die Expertin. „Es darf alles sein, es muss nichts sein.“ Ein Richtig oder Falsch gebe es nicht. Für Schlimm-Thierjung werden durch diese Art der Meditation im Wald Lebenszufriedenheit, körperliches Wohlbefinden, Selbstwahrnehmung und soziale Kompetenz sowie auch geistige Fähigkeiten gestärkt.

Positive Effekte nutzen

„Wir wollen Kindern und Jugendlichen Spaß und Freude an der Entspannung vermitteln“, sagen die Therapeuten. Kinder und Jugendliche sollen dadurch Ideen vermittelt bekommen, die sie selbst gut und problemlos zu Hause umsetzen können. Und Dr. Schott ergänzt, dass man den positiven Effekt, den die Natur auf die Kinder hat, verstärkt nutzen will.

„In den 1990er Jahren gab es erste Experimente zu physiologischen Auswirkungen von Waldbaden in Japan“, erzählt die Fachfrau über den Ursprung von „Shirin Yoku“, wie es auf Japanisch heißt. Inzwischen belegten viele Studien positive physiologische und psychologische Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden. Bereits seit 2012 sei Waldbaden auch ein universitärer Forschungszweig. In Deutschland fehle diese Anerkennung noch und gelte als „alternative Methode“.

Wichtig ist Dr. Claus Schott und Jasmin Schlimm-Thierjung, dass die Therapeuten das Erlernte dann an Eltern und Kinder weitergeben können. Und die sollen die Übungen zu Hause ebenfalls leicht umsetzen können. Waldbaden sei eine gute Möglichkeit der Stressbewältigung. Stress hätten Kinder heutzutage nicht nur durch Druck in der Schule, sondern auch durch einen stärkeren Medienkonsum. „Die neuen Freiräume sollen die Kreativität der Kinder fördern“, wünscht sich Schott. Entspannung, Ruhe und Ausgeglichenheit würden so gefördert, zählt er nur eine von vielen positiven Wirkungen auf. Daneben könne das Waldbaden eine neue Sicht auf die eigene Körperwahrnehmung bewirken.

Natur tut gut

Mit ihren Kindern und Pflegekindern, darunter auch ein Kind mit Autismus, war Jasmin Schlimm-Thierjung häufig im Wald. „Ich habe dabei immer wieder festgestellt, wie gut ihnen die Natur getan hat.“ Aus diesem Ansatz heraus ist auch das Konzept für das Seminar in Boxberg entwickelt worden.

Für Dr. Buchhorn ist Stressprävention eine Herzensangelegenheit, wie er sagt. Er wird das Seminar als Dozent begleiten und „Stress messbar machen“. Der Ansatz, den Schlimm-Thierjung und Dr. Schott verfolgen, würde durch die universitäre Medizin hier noch vernachlässigt. Er ist überzeugt, dass immer mehr stressgebundene Krankheiten auf die Medizin zukämen.

Nur ein bisschen im Wald laufen, wird es bei diesem Seminar aber nicht geben. Auch Methodik, Didaktik und Erste Hilfe im Wald sind vorgesehen. Die Teilnehmer müssen nicht nur eine Praxisprobe mit Kindergarten- und Schulkindern bestehen, sondern auch eine Facharbeit zum Abschluss schreiben. Angesprochen sind Interessenten aus dem medizinisch-therapeutischen und pädagogischen Bereich, die diese Methode in ihre tägliche Arbeit einarbeiten wollen. So können Heilwirkung und Schönheit des Waldes in vielen Bereichen eingesetzt werden. dib