Bad Mergentheim

„Winterlese“ Büchermarkt unabhängiger Verlage fand wieder ein großes Publikum

Treff für Literaturverrückte

Bad Mergentheim.Ganz Deutschland sei von Lesemüdigkeit befallen, heißt es in letzter Zeit. Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Lesern bevölkerter Landstrich hört nicht auf, der kulturellen Lustlosigkeit Widerstand zu leisten. Wo sich dieser Flecken der glückseligen und wilden Büchernarren befindet? Mitten im Hohenlohischen, genauer: in Bad Mergentheim. Im Deutschordensmuseum fand zum dritten Mal die „Winterlese“, der Büchermarkt unabhängiger Verlage statt, organisiert von „Literatur im Schloss“, mitveranstaltet von der Stadt Bad Mergentheim und maßgeblich gefördert vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg.

Wer sich als Großstädterin ins Schloss – bewusst – verirrt hat, kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus: Woher strömten nur die vielen Leute? Den ganzen Tag über wimmelte es im Roten Saal, im Götterzimmer und im Foyer vor literaturverrückten Menschen.

Im Foyer hatte neben dem Bad Mergentheimer Künstler Michael Blümel und seinem improvisierten Atelier auch Norbert Wehr seinen Stand. Seit über 40 Jahren gibt er eines der bemerkenswertesten Literaturmagazine des Landes heraus, das „Schreibheft“. Und er erzählte bei einer der Veranstaltungen im Götterzimmer von seiner Leidenschaft gerade für die noch unentdeckten Autoren. Denen widmet er in jeder Ausgabe ein ausführliches Dossier – das „Schreibheft“ ist eigentlich ein Buch, das sich hinter dem bescheidenen Namen Zeitschrift verbirgt.

Auch Irene Ferchl war mit ihrem leider vor dem Aus stehenden „Literaturblatt für Baden-Württemberg“ in der Zeitschriftenecke des Büchermarkts vertreten. Das „Literaturblatt“ ist eine Institution – und es wäre ein herber Verlust, wenn es nicht weitergeführt werden könnte. Die Finanzierung ist nicht mehr gesichert – aber wer weiß, vielleicht gibt es noch einen enthusiastischen Mäzen, der dem Projekt neues Leben einhaucht.

Auf der Bühne des Götterzimmers gaben sich Schriftsteller und Verlegerinnen das Mikrofon in die Hand, voller Esprit moderiert von der Lektorin und Übersetzerin Beatrice Faßbender. Der in Creglingen geborene Literaturkritiker und -historiker Helmut Böttiger erzählte von seiner früh entflammten Faszination für die Lyrik Paul Celans. In einer Würzburger Buchhandlung hatte er erstmals in einem Suhrkamp-Band von Celan geblättert – und inzwischen hat der 63-Jährige mehrere Bücher über den Lyriker veröffentlicht.

Lena Anlauf vom Kunstanstifter Verlag berichtete davon, wie man Illustrationen lektoriert. Der Würzburger Schauspieler Rainer Appel gab bei einer Lesung dem legendären Kommissar Maigret eine Stimme, nachdem Cornelia Künne vom Kampa Verlag über die suggestive Sprache von Georges Simenon und das imposante Werk des belgischen Autors gesprochen hatte. Herbert Kapfer, gerade mit dem Tukan-Preis ausgezeichnet, erklärte, wie man einen Roman verfassen kann, ohne selbst ein Wort zu schreiben: „1919. Fiktion“ ist eine Montage, die durch das Zusammenschneiden verschiedener Textfragmente aus der Umbruchszeit zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Geburt der Weimarer Republik Erkenntnisfunken schlägt.

Über die italienische Kultur und Literatur gab es schließlich von Maike Albath etwas zu erfahren.

An die 1000 Besucherinnen und Besucher waren bei der „Winterlese“. Und die Verlegerinnen und Verlagsmitarbeiter hatten zu ihrer eigenen Freude keine freie Minute: Man spürt, mit welcher Begeisterung diese oft am Rande des finanziellen Abgrunds agierenden selbständigen Kleinverlage ihr Geschäft betreiben. Die Besucher, die teils aus Würzburg, Ulm, Wertheim und sogar Unna angereist waren, wussten das zu würdigen.

Barbara Weidle soll das Schlusswort haben: „Es war wieder wunderbar in Bad Mergentheim. Es passt einfach unheimlich gut: der Ort, der schöne Park, das Schloss, und nicht zuletzt die liebevolle Betreuung und Vorbereitung“.

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