Bad Mergentheim

Am heutigen Donnerstag Klaus Dieter Brunotte feiert seinen 70. Geburtstag / Seit 1971 SPD-Stadtrat / Zusammenarbeit mit vier Oberbürgermeistern

Mit OB aus dem Fenster gesprungen

Klaus Dieter Brunotte ist der mit großem Abstand dienstälteste Stadtrat (was ihm aber nicht anzusehen ist) in der Kurstadt, doch der Älteste im Gremium ist er nicht. Heute feiert er seinen 70. Geburtstag.

Bad Mergentheim. Er ist in der Kurstadt geboren und aufgewachsen. "Mütterlicherseits bin ich ein Ur-Taubertäler", väterlicherseits sind Frankreich, Hannover und Berlin zu nennen. Der französische Anteil ist am Namen Brunotte zu erkennen - einer seiner Vorfahren war Hugenotte, der 1685 nach Deutschland auswanderte.

Nach dem Abitur am Deutschorden-Gymnasium 1968 - "ich bin ein echter 68er!" folgte das Lehramtsstudium für Gymnasium (Deutsch, Geschichte und Gemeinschaftskunde) an der Uni Würzburg. Das Staatsexamen legte er 1974 ab, sein Referendariat leistete er von 1975 bis '77 in Ansbach und Rothenburg. Von den 43 Referendaren seines Jahrgangs "wurden neben mir nur zwei weitere direkt übernommen, andere kamen auf die Warteliste, und viele mussten sich völlig neu orientieren", erinnert er sich an die damaligen Verhältnisse.

"Ganz bewusst"

"Ganz bewusst" wollte er in der Nähe von Bad Mergentheim bleiben, denn dort war er seit Oktober 1971 Stadtrat. Seine erste Stelle war am gymnasialen Zweig der evangelischen Bonhard-Schule in Uffenheim, ein Jahr später am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Wertheim ("mein großer Sprung nach vorn über die Landesgrenze zurück ins Ländle") - ein glücklicher Zufall, denn das Land suchte damals 600 Lehrer. Bedingung war, nach Nordwürttemberg zu gehen. "Das habe ich natürlich gerne gemacht." Bereits nach einem Jahr stellte er einen Versetzungsantrag, und dem wurde stattgegeben. So kam er im Herbst 1980 ans Gymnasium Weikersheim, wo er bis zur Pensionierung im 2011 Deutsch, Gemeinschaftskunde und Geschichte unterrichtete.

"Politisch" war er schon seit 1965, wenn auch zunächst kein SPD-Mitglied, denn er arbeitete "einfach so" im Ortsverein mit. 1967 gehört er zu den Gründern der Bad Mergentheimer Jungsozialisten, und 1969 trat er der Partei bei. Erstmals in den Stadtrat wurde er im Oktober 1971 gewählt, dem Gremium gehört er seither ohne Unterbrechung an. Fast 46 Jahre "macht" er nun Kommunalpolitik - ein einsamer Rekord in der Badestadt, zumal die Wahlperiode ja noch andauert.

"Natürlich macht es mir immer noch Spaß", sagt Brunotte. Der Grund für seine Wahl 1971 war sein Einsatz für ein Jugendhaus - ein Thema, das ihn noch jahrzehntelang beschäftigt hat. Und die jungen Leute waren am Wahlabend ganz begeistert "und trugen mich jubelnd über den Marktplatz", nachdem das vorläufige Endergebnis im Rathaus bekannt gegeben wurde. Brunotte war damals jüngster Stadtrat in Bad Mergentheim, im Ländle und - so jedenfalls titelte die "Bild"-Zeitung, in der Bundesrepublik. Das Springer-Blatt wollte ihn interviewen, "aber das habe ich natürlich abgelehnt. Mit denen wollte ich damals nichts zu tun haben".

Durch Brunottes Wahl erreichte die SPD im Stadtrat zudem erstmals Fraktionsstärke, denn sie konnte vier Vertreter stellen - Dr. Gerhard Feldzahn, Helmut Meier, Adolf Lutz und den Youngster Klaus Dieter Brunotte. Bei allen folgenden Kommunalwahlen trat er erneut an und wurde stets im Amt bestätigt. In diesen 46 Jahren hat er "drei Oberbürgermeister verschlissen", erlebte gar die "Farbänderung" im Amtszimmer und einige Jahre später die geradezu wundersame Beilegung des weit über die Grenzen der Kurstadt bekannt gewordenen und berüchtigten Bad Mergentheimer kommunalpolitischen Dauerstreits.

"Mit Herrn Glatthaar habe ich keine Probleme", sagt Brunotte, der seit Mai 1978 Vorsitzender der SPD-Gemeinderatsfraktion ist - auch dies ist rekordverdächtig.

Probleme, zumindest "Dinge, an die man sich nicht gerne erinnert", gab es in dieser Zeit natürlich auch. Als 2006 ein Gespräch der Fraktionsvorsitzenden mit damaligem Investor der Mall stattfand, "haben wir alle die Einladung zum Essen ausgeschlagen". Er selbst trank "ein Achtel Rotwein, das war alles". Dennoch hatte er und die anderen Fraktionschefs wenige Tage später eine anonyme Anzeige wegen Vorteilsannahme am Hals, die von der Staatsanwaltschaft Ellwangen allerdings niedergeschlagen wurde. "Ich weiß bis heute nicht, wer uns da angezeigt hat, kann es mir aber denken", sagt Brunotte dazu. Entmutigt hat es ihn aber nicht, "genau das Gegenteil ist eingetreten".

Eher lustig hingegen war die "Flucht aus dem Wolkenkratzer" 1978, wo ebenfalls die Fraktionschefs mit dem damaligen OB Dr. Elmar Mauch im zweiten Stock im Personalzimmer tagten. Doch als die Sitzung endete, waren sämtliche Türen im Haus abgeschlossen. Ohne Telefon (Handys gab es noch nicht) wurde intensiv beratschlagt, was denn zu tun bliebe, denn natürlich hatte niemand passende Schlüssel dabei. Schließlich gelang den Herren die Flucht aus dem kleinsten Raum des Hauses, der tatsächlich nicht abgeschlossen war, durch einen Sprung aus dem Fenster. "Da ging es zwei Meter runter auf die Straße", erinnert sich Brunotte.

Kräftig engagiert

Kräftig engagiert hat er sich auch bei den Städtepartnerschaften mit Digne-les-Bains, Isawa/Fuefuki und Borgomanero, wo er wie im Falle Digne als Mitinitiator des Partnerschaftskomitees wirkte. Mitorganisator war er zudem bei der Einladung an die ehemaligen jüdischen Mitbürger, wo er auch im Freundeskreis mitarbeitet. 1992 bis 1994 war er Organisator und ehrenamtlicher Mitarbeiter der Gruppe zur Integration der Kontingentflüchtlinge aus der UdSSR und Russland, und schließlich war er auch der Autor des Historienspiels "Mergentheimer Rundgang". "Das Honorar- 10 000 Deutsche Mark - habe ich für die Jugoslawienhilfe gespendet."

Seit 2015 gibt er ehrenamtlich Deutschunterricht für Kriegsflüchtlinge. Dazu kamen viele Ämter und Aufsichtsratsmandate (Solymar, Sparkasse, Kurverwaltung, Stadtwerk, Deutschordenmuseum), zudem ist er seit 2004 Bürgermeister-Stellvertreter.

Ehrungen hat er in den vergangenen Jahrzehnten viele bekommen, darunter den "Orden vom dicken Fell" (2015), die Bürgermedaille der Stadt Bad Mergentheim (1992), Ehrennadeln des Gemeindetages in Siber und Gold (1991/2001) und 2012 das Verdienstabzeichen des Städtetages. 2009 ehrte ihn seine Partei mit der Willy-Brandt-Medaille. Ebenso zeichneten ihn die Partnerstädte Digne als "Chevalier de Lavande" und Fuefuki als "verdienter Bürger" aus. Aus Borgomanero erhielt er den Ehrenwimpel der dortigen Alpinisten.

Ob er 2019 nochmals kandidiert? "Das lasse ich offen", sagt Brunotte. Gleichwohl ist ihm durchaus anzumerken, dass der Job ihn weiterhin reizt. "Möglich ist viel", sagt Brunotte und lächelt. Immerhin könnte er dann einen neuen Rekord als dienstältester Gemeinderat Deutschlands markieren - die Zeitschrift "Der Gemeinderat" mutmaßte nach eigens angestellten Recherchen bereits 2014, dass er diesen Titel hält.

"Eine erneute Kandidatur wäre aber definitiv die letzte", betont Brunotte. Aber "Nichtstun macht mich nervös", betont der Jubilar mit Blick auf sein Lebensmotto, die Horaz-Worte "Carpe diem" ("Nutze den Tag!").

Seit 1971 ist Brunotte mit seiner Ingrid (eine Mergentheimerin) verheiratet. Tochter Ann-Kathrin macht gerade ihren Studienabschluss in Deutsch und Geschichte, sie will wie der Vater ins Lehramt.

Die Hobbys Lesen, Reisen und Jogging sowie das Amt als Stadtführer "halten mich fit", sagt Brunotte und verrät: Gefeiert wird "im engsten Kreis" und zwar außerhalb von Bad Mergentheim. "Wir fahren an diesem Tag weg!"