Adelsheim

Land und Leute Wilfried Lenuweit erfüllte sich zu seinem 70. Geburtstag einen großen Wunsch und radelte 1300 Kilometer durch Osteuropa

Mit zwei Rädern im Land der Vorfahren

Archivartikel

Adelsheim.Seinen 70. Geburtstag feierte Wilfried Lenuweit Anfang Juni nicht wie üblich mit Verwandten und Freunden, sondern erfüllte sich mit einer 1300 Kilometer langen Radtour in Osteuropa einen großen Wunsch. Er startete in St. Petersburg und fuhr durch Russland, Estland, Lettland, Litauen und wieder Russland nach Kaliningrad (ehemals Königsberg). Eines seiner großen Hobbys ist die Erforschung der Familiengeschichte der vergangenen 350 Jahre im Land seiner Vorfahren zwischen Memel und Pregel, in Litauen und Ostpreußen. Darüber hat er bereits viel herausgefunden, doch eine Frage blieb für Lenuweit immer offen: Lebten die Vorfahren schon immer hier? Oder kamen sie aus dem Westen, dem Land der Kelten oder aus dem Osten, dem Land der Slawen?

Start in St. Petersburg

Mittels eines alten Fotos aus dem Jahr 1930 gelang es ihm, das Haus seiner Urgroßeltern in Neman (Ragnit) ausfindig zu machen. Anfang Juni begann die Radtour an der Isaak-Kathedrale im Zentrum von St. Petersburg. Von hier aus fuhr er drei Tage durchs russische Hinterland, wo er bei sehr schlechten Straßenverhältnissen nur wenige Dörfer und heruntergekommene Häuser vorfand. Aufgrund der schlechten Infrastruktur musste er die erste Nacht im Freien auf einem alten Flugplatz verbringen.

Am nächsten Tag ging die Tour weiter Richtung Westen. Am dritten Tag erreichte er über den Grenzfluss Narva Estland. Auf russischer Seite erkundete er die Festung Ivangorod aus dem 15. Jahrhundert, erbaut zur Sicherung des damaligen russischen Reiches. Auf der anderen Flussseite erhebt sich die Hermannsfeste aus dem Jahr 1256 zur Sicherung des damaligen „Deutschen Ritterordens“ gegen den Osten.

In Estland erreichte er den europäischen Sprach- und Einflussbereich, was an den Straßen sichtbar wurde. Auch die Verständigung in englischer Sprache war, im Gegensatz zu Russland, wieder möglich. Durch das flache Land mit den vielen Wäldern radelte er tagelang immer weiter westlich, auch durch den Lahemaa-Nationalpark, in dem Wölfe, Elche und auch Bären frei leben. Er besuchte Fischerdörfer wie Käsmu an der Ostsee, die hier Westmeer genannt wird. In diesem Streckenabschnitt traf er auf viele prächtige Gutshöfe aus deutsch-baltischer Zeit. Nach rund 460 Kilometern erreichte er die Hauptstadt Tallin, wo er einen Ruhetag verbringen wollte. Dies war allerdings nicht möglich, da tausende irische Fußballfans lautstark ihren Sieg über die Fußballnationalmannschaft von Estland feierten – auch mit Lenuweit.

Hilfsbereiter Autofahrer

Weiter ging die Fahrt südlich durchs Landesinnere zum Seebad Parnü, danach weiter an der Ostsee entlang durch viele Dörfer. Der Kontakt zu den Menschen war sehr freundlich und sie luden ihn sogar zum Essen ein, so Lenuweit. Bei Ainazi überquerte er die Grenze nach Lettland. Infolge maroder Gleise fiel die Fahrt mit der Bahn aus, doch ein hilfsbereiter Autofahrer nahm den Radfahrer rund 90 Kilometer mit in die Ordensritterstadt Cesis. Von hier aus ging die Tour bis zur lettischen Hauptstadt Riga mit ihren vielen Jugendstilbauten. Die 800-jährige Geschichte der Stadt erkundete er zu Fuß: verwinkelte Gassen, zahlreiche Kirchen, verwunschene Klosterhöfe, Kaufmanns- und Gildehäuser. An der Ostseeküste setzte er seine Tour fort ins nördliche Livland, wo noch etwa 300 Nachfahren der Finnougrischen Liven als Fischer leben. Es ist die kleinste Ethnie Europas mit eigener Sprache. Zügig ging es dann die nächsten Tage weiter entlang der Küste nach Süden durch ehemalige deutsche Städte wie Ventspils (Windau) und Liepaja (Liebau). Nach einem weiteren Tag überquerte er die Grenze von Lettland nach Litauen. In dem kurischen Seebad Palanga besuchte er das Schloss des Grafen Feliks Tyszkiewicz, erbaut vom Berliner Architekten Schwechten, in dem sich heute ein berühmtes Bernsteinmuseum befindet.

Er traf dort zu einer Feier anlässlich des 30. Jahrestages der Unabhängigkeitsbewegung „Sajudis“ ein. Damals bildeten rund 2,5 Millionen Menschen eine über 600 Kilometer lange Menschenkette von Tallin über Riga bis Vilnius und läuteten damit die Unabhängigkeit ein. Der Chor von fast 2000 Menschen sei ein beeindruckendes, unvergessliches Erlebnis gewesen, so Lenuweit. An der Memel entlang erreichte er Tilsit über die Königin-Luise-Brücke und damit wieder Russland (vorher Ostpreußen). Hier wanderte er auf den Spuren seiner Vorfahren und fand anhand der alten Fotos aus dem Jahr 1930 das Haus seines Urgroßvaters in Ragnit. „Es waren sehr emotionale Tage und Stunden in Ostpreußen“, erklärte der Adelsheimer. Weiter ging die Fahrt nach Kaliningrad (Königsberg) und auf die kurische Nehrung nach Nidden, dem Kurendorf, das durch Thomas Mann berühmt wurde. Am nächsten, seinem 19. Reisetag erreichte er mit dem litauischen Klaipeda (Memel) sein Endziel. Mit der Fähre ging es zurück nach Deutschland. jüh