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Literatur- und Geschichtsstreit: Bad Mergentheimer Autor wirft Literaturnobelpreisträgerin Plagiat vor

Carl Gibson gegen Herta Müller

Archiv-Artikel vom Dienstag, den 22.10.2013

Von unserer Mitarbeiter Inge Braune

Carl Gibson, in Bad Mergentheim lebender Philosoph, Historiker und Germanist, legt sich mit der Bundesverdienstkreuzträgerin Herta Müller an: "Sie hat bei mir abgeschrieben", wirft er der Literaturnobelpreisträgerin vor.

© Inge Braune

Bad Mergentheim. Carl Gibson, in Bad Mergentheim lebender Historiker, Philosoph und Literat, kennt keine Scheu vor Streit - zumindest nicht, wenn es um die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller geht. Dann legt er sich mit Zeitungen wie "Zeit", "Spiegel", "Freitag", "Cicero" an, wütet gegen die Konrad-Adenauer-Stiftung, das Nobelpreiskomitee, die für die Verleihung von Bundesverdienstorden zuständigen Gremien und streitet sich auch nachhaltig mit seinem Verleger.

David gegen Goliath oder Größenwahn gegen Große? Kämpft da ein von Verfolgungswahn Geplagter gegen Windmühlen - oder ist doch was dran an seinen Vorwürfen?

Gibson wirft Müller, die als von der rumänischen Securitate verfolgte Dissidentin gehandelt wird, auf literarischer Ebene Geschichtsklitterung und Plagiat, auf der politischen Wendehalsspiele und an Volksverhetzung grenzende Geschichtsverfälschung vor. Abseits vom Thema Müller ist Gibson ein eher ruhiger Zeitgenosse: klar denkend, gründlich vorgehend, ohne nennenswerte Neigung zur Cholerik.

Seit Jahren zeiht Gibson Müller der Lüge: In Interviews sage sie bewusst die Unwahrheit, wenn sie sich als Dissidentin verkaufe. "Sie wurde nie von der Securitate verfolgt, nie verhaftet", sagt er und ergänzt, dass er bei der rumänischen Gauck-Behörde CNSAS in Bukarest als Forscher akkreditiert sei und Müllers Akte bereits seit 2010 kenne.

Zudem, findet Gibson, verzerre sie die historische Realität des Ceausescu-Rumänien - einerseits, indem sie nicht zwischen dem rumänischen Volk und den rumänischen Kommunisten unterscheide, andererseits, indem sie unterschiedslos die Banater Schwaben als faschistoid verunglimpfe. Mit dem "Mythos einer Doppelverfolgung" durch den Securitate und die Banater Schwaben habe sie sich einen "Verfolgtenbonus" verschafft, der ihr sogar das Große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland bescherte, poltert er weiter.

In seinem im Frühjahr vorgelegten 400 Seiten starken Band "Allein in der Revolte" zeichnet Gibson seine "Jugend im Banat" nach. Gibson findet Vielfalt in seinem bei Temeschburg - heute Timisoara - im rumänischen Banat gelegenen Heimatort Sackelhausen, wie Gibson findet, eine "im menschlichen Bereich weitgehend 'heile Welt'": Rumänen, Bulgaren, Serben, Ruthenen, Zigeuner lebten im seit 1765 auf Betreiben der österreichischen Kaiserin Maria Theresia von Deutschen besiedelten Ort. Sein Sackelhausen erlebte Gibson nicht nur als Schmelztiegel unterschiedlichster deutschsprachiger Gruppen, sondern auch als Lernort interkultureller Kompetenz über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg.

Dennoch verließ er seine Heimat bereits als 20-jähriger 1979, das Marschgepäck gefüllt mit Bürgerrechts-, Widerstands- und Hafterfahrung. Im kommunistischen Rumänien hatte er als Dissident eine sechsmonatige Haftstrafe wegen "Gründung einer anarchistischen Organisation mit antisozialistischem Charakter" verbüßt.

Diese von ihm mitgegründete Organisation war eine Gewerkschaft - eine kleine, regionale, denn das Regime hatte den größeren freien Bukarester Gewerkschaftsbruder "SLOMR" bereits kurz nach seiner Gründung in großen Teilen zerschlagen. Als Affront hatte das Regime auch den Versuch Gibsons gewertet, den vom oppositionellen Schriftsteller Paul Goma initiierten Charta 77-Solidarisierungsappell zu unterzeichnen. Gibson will sich seine authentischen Securitate-Erfahrungen, die Haft und Misshandlung beinhalten, nicht von Herta Müller rauben lassen. Dass die erst im Westen als Oppositionelle auftrat - die 1953 im banater Nitzkydorf Geborene war erst 1987 gemeinsam mit dem Schriftsteller Richard Wagner, seit 1982 Ehemann der Autorin, nach Deutschland ausgereist - , dass sie gar erst zwei Jahrzehnte später von körperlichen Securitate-Misshandlungen erzählt, macht Müller für Gibson höchst unglaubwürdig.

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