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„Relâche – Heute keine Vorstellung“: Satie-Abend am Theater Heilbronn / Zusammenarbeit mit dem Württembergischen Kammerorchester

Absurde Szenen aus dem Alltag

Archiv-Artikel vom Montag, den 28.04.2014

Von unserem Redaktionsmitglied Jürgen Strein

Der Tod des Sokrates: Szenenbild aus dem Satie-Abend des Theaters Heilbronn mit Johannes Bahr, Claus Emrich, Ksenija Lukic, Rolf-Rudolf Lütgens

© Fotostudio M 42

Satie 1, Satie 2 und Satie 3 schlafen. Ein Wecker schrillt, die drei Saties - schwarzer Gehrock, Melone, Bart, Nickelbrille - erwachen mehr oder weniger schnell, machen sich ("Frisch ans Werk") fertig für einen mehr oder weniger skurrilen Tag, für die Absurditäten des Alltags. Dazu gehört zum Beispiel der Versuch, einen Liegestuhl aufzuklappen; oder die vergebliche Anstrengung, eine Videoprojektion von der Wand zu wischen; der Streit um den passenden Überzieher; und der Versuch, sich selbst zu erwürgen: "Ende gut, alles gut".

Mit den drei Saties, dem Philosophen Sokrates, einer singend kommentierenden Frau, einem Passanten, einem Wanderer und einer Totenwäscherin gestaltete das Theater Heilbronn einen Musiktheaterabend, der mit absurden Szenen Musik von Eric Satie beleuchtete. "Relâche - heute keine Vorstellung" in der Regie von Christian Marten Moln´ar und mit dem Württembergischen Kammerorchester (WKO) unter der Leitung von Ruben Gazarian hatte am Freitag Premiere.

Das Leben schreibt bekanntlich die unglaublichsten Geschichten. So auch bei der geplanten Uraufführung des Balletts "Relâche" von Francis Picabia mit der Musik von Eric Satie am 24. November 1924. Denn Jean Börlin, der Solist der Ballettcompagnie, der Ballets suédois, war erkrankt und das Théâtre des Champs-Élysées musste notgedrungen plakatieren: "Relâche" - "Heute keine Vorstellung". Das Publikum glaubte an einen dadaistischen Scherz und strömte dennoch ins Theater. Bei der tatsächlichen Uraufführung drei Tage später kam es dann zu den von Picabia ersehnten Tumulten - und Satie und Picabia nahmen die Wut des Premierenpublikums in einem kleinen Citroën entgegen, mit dem sie auf die Bühne gefahren waren und ironisch gegrüßt hatten.

Der provokative Impuls von Eric Saties Musik ist heute weg. Der im Paris der Jahrhundertwende seine Skurrilitäten pflegende Komponist ist zum Klassiker der Moderne geworden. Seine musikalischen Konzepte wurde beispielsweise von den Vertretern der Minimal music aufgegriffen und weiter entwickelt. Geblieben ist die Qualität des musikalischen Materials.

Der Satie-Abend vereinigt drei Musikstücke von Eric Satie: zwei auf der Bühne, eines schon im Foyer. Denn hier spielte am Premierenabend Christoph Becher, der Intendant des WKO, am Klavier die "Vexations". Das ist ein kurzes Klavierstück mit der Tempobezeichnung "sehr langsam", das nach Saties Angabe 840 Mal wiederholt werden soll. Bei Gesamtaufführungen hat das Stück schon zwischen zwölf und 28 Stunden gedauert - Christoph Becher ließ es bei einer halben Stunden bewenden (sein Part wird bei späteren "Relâche"-Aufführungen von Musikschülern übernommen).

Dann ging es im ersten Teil der Bühnenaktion um die Bebilderung von Saties Ballettmusik, wobei Regisseur Marten-Molnar seine drei metaphysische Clowns namens Satie mit den musikalischen Miniaturen des Namensgebers durch den Alltag schickt, der sich so, wie die Musik, nicht in ein Schema zwängen lassen will. Dazu lässt der Regisseur die drei Saties auf der Bühne (Johannes Bahr, Rolf-Rudolf Lütgens und Ingrid Richter-Wendel) Texte von Sibylle Berg sprechen, Kolumnistin von S.P.O.N., der Spiegel-Online-Kolumne, bei der es auch häufig um die Zumutungen des ganz alltäglichen Lebens geht.

Im zweiten Teil stand die Streichorchester-Version (beide Stücke Saties werden vom britisch-irischen Komponisten Ian Wilson neu instrumentiert) des ursprünglich für Klavier und Stimme(n) geschriebenen Werkes "Socrate", ein "drame synphonique en trois parties".

Darin vertonte Satie Auszüge aus der französischen Übersetzung von Platons Dialogen mit der Beschreibung des Lebens und Sterbens von Sokrates. Wie dieser die Leidenschaft überwunden hatte, versuchte Satie, eine leidenschaftslose Musik zu schreiben, was seiner Vorstellung von der "musique d'ameublement" entgegen kam, einer Musik, die sich zurückhält und zurückzieht gegenüber dem Text und wie ein Möbelstück nicht mehr bewusst wahrgenommen wird.

Die Sopranistin Ksenija Lukic sang die komplette Partie, deren Text der Regisseur ins Deutsche übertragen hatte. Dazu spielten Bahr, Lütgens und Richter-Wendel kleine Szenen, in der die Unsicherheit des Menschen mit dem Gleichmut des Philosophen - bis in den Tod hinein - kontrastiert wird. Zusätzlich kommentieren großformatige Videosequenzen des Künstlers Marc Stephan die Atmosphäre der Handlung

Der Satie-Abend am Theater Heilbronn ist keine leichte Kost, was wohl auch damit zusammen hängt, dass Saties Musik kaum einen dramatischen Impetus in sich trägt. Anregend ist "Relâche - Heute keine Vorstellung" aber allemal.

© Fränkische Nachrichten, Montag, 28.04.2014
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