Arbeit - Zwei Experten erklären, wie das Büro der Zukunft aussieht – und warum eine gute Teeküche in keiner Firma fehlen darf „Menschen können nicht acht Stunden in den Rechner hacken“

Von 
Bettina Eschbacher und Tatjana Junker
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Mannheim. Ein klassisches Büro, in dem die Mitarbeiter tagein tagaus am selben Schreibtisch sitzen – dieses Modell hat ausgedient, glauben die Arbeitsplatz-Experten Christine Kohlert und Dennis Stolze. Beschäftigte, die kreativ und innovativ sein sollen, bräuchten stattdessen abwechslungsreiche Räume, in denen sie beliebig wechseln könnten. Kohlert und Stolze raten Unternehmen deshalb, Räume zu schaffen, die viele unterschiedliche Funktionen erfüllen können.

Dennis Stolze



Dennis Stolze (37) arbeitet beim Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation.

Dort leitet er das Team „Cognitive Environments“. Es erforscht und entwickelt Arbeits- und Lebensräume, die Wohlbefinden, Leistungsfähigkeit und Innovationskraft fördern sollen.

Er ist außerdem Lehrbeauftragter an der Universität Stuttgart im Fach „Arbeitsgestaltung im Büro“.

Stolze studierte technisch orientierte Betriebswirtschaftslehre in Stuttgart.

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Frau Kohlert, Herr Stolze, wir sitzen hier in einem Raum des neuen Mannheimer Marchivums. Ihr erster Eindruck: Könnten Sie hier kreativ arbeiten?

Christine Kohlert



Christine Kohlert (65) ist Architektin und Stadtplanerin.

Bei dem Münchner Beratungsunternehmen RBS Group, das zum Konzern Drees&Sommer gehört, leitet Kohlert den Bereich Arbeitsplatzgestaltung.

Zu den Kunden zählen Konzerne wie Microsoft, Siemens, BMW. Auch für Roche in Mannheim entwickelt das Unternehmen derzeit Arbeitsräume.

2018 hat Kohlert zusammen mit Scott Cooper das Buch „Space for Creativity“ veröffentlicht, das sich u. a. mit dem Thema Wohlfühlen am Arbeitsplatz befasst.

Christine Kohlert: Für mich ist das ein typischer Besprechungsraum, also eher etwas Traditionelles. Kreativ werden kann man hier nicht unbedingt. Dafür ist es zu klein. Und durch den großen Tisch sitzen wir zu weit auseinander, um uns richtig auszutauschen.

Wie muss ein Arbeitsplatz aussehen, damit ich dort möglichst produktiv sein kann?

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Dennis Stolze: Die Menschen und Aufgaben sind unterschiedlich. Manche können sich trotz vieler Kollegen drumherum gut konzentrieren, anderen wird es schnell zu laut. Dem muss der Arbeitsplatz gerecht werden.

Wie kann das in der Praxis gelingen?

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Kohlert: Wir nennen das „open space“, also einen offenen Raum, in dem es sehr vielfältige Plätze gibt: Computerplätze, aber auch Rückzugsorte zum ungestörten Arbeiten. Räume zum Telefonieren und solche, in denen das bewusst nicht möglich ist. Schön ist auch eine Art Gewächshaus mit vielen Grünpflanzen. Dort herrscht absolute Ruhe, besseres Klima. Dort kann ich mich wirklich konzentrieren. Auch für Teamarbeit muss Platz sein. Zum Nachdenken oder Austausch mit Kollegen passt ein altes Sofa oder ein Ohrensessel. Mit dem herkömmlichen Großraumbüro hat das überhaupt nichts mehr zu tun. Menschen können nicht acht Stunden in ihren Rechner hacken, sondern müssen auch mal aufstehen und nachdenken. Man kann nicht immer nur produktiv sein. Auch die Teeküche wird oft unterschätzt.

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Inwiefern?

Kohlert: In vielen Firmen ist das ein übriggebliebener, hässlicher, kleiner Raum ohne Fenster. Da holt man sich seinen Kaffee und geht wieder. Wenn Unternehmen nicht viel machen wollen, sollten sie zumindest die Teeküche umgestalten. Dort begegnen sich die Mitarbeiter und kommen spontan ins Gespräch. Dabei entstehen auch neue Ideen. Auch Gäste können sie dort empfangen. In Zukunft braucht man viel mehr Räume, die multifunktional nutzbar sind.

Stolze: Das gilt auch für Kantinen. Die werden oft nur mittags ein bis zwei Stunden genutzt und stehen dann leer. Wenn man sie entsprechend gestaltet, kann man sie den ganzen Tag öffnen, für Besprechungen oder Kundentermine.

Was sagt denn die Wissenschaft: Müssen sich Beschäftigte an ihrem Arbeitsplatz unbedingt wohlfühlen?

Stolze: Ja natürlich. Die Momente, in denen mir die Arbeit gut von der Hand geht, sind doch die, in denen ich mich wohlfühle. Dafür brauche ich wie in meiner Wohnung verschiedene Räume mit unterschiedlichen Funktionen. Im klassischen Büro soll ich auf 1,80 mal 0,90 Meter Schreibtisch alles machen: konzentriert arbeiten, kreativ sein, Besprechungen abhalten. Die besten Ideen haben die meisten aber oft ganz woanders. In der Natur oder an einem gemütlichen Ort. Es geht heute nicht mehr darum, meine Arbeitszeit an einer Stelle abzusitzen, sondern darum, Ziele zu erreichen – egal wann und wo.

Dann brauchen wir künftig in den Firmen doch gar keine Büros mehr.

Stolze: Doch. Weil wir gleichzeitig den direkten Kontakt und Austausch mit anderen brauchen, um Ideen zu entwickeln und Erlebtes zu teilen. Es gibt kein Entweder – Oder. Home-Office ist zum Beispiel sinnvoll, wenn das Kind krank ist oder ich einfach mal keine Lust auf meine Kollegen habe. Das wollen viele aber nur für eine begrenzte Zeit. In einer Befragung in der Schweiz haben 80 Prozent angegeben, dass sie nach zwei Tagen Home-Office wieder ins Büro kommen.

Wie wichtig ist dabei noch ein eigener Schreibtisch in der Firma?

Stolze: Das wird heiß diskutiert – aber ich sehe die Notwendigkeit nicht mehr. Ich habe im Fraunhofer Institut auch keinen eigenen Schreibtisch mehr. Dafür habe ich mehrere Lieblingsplätze, die ich abwechselnd nutze. Die Daten und Adressen haben wir doch alle längst im Rechner.

Kohlert: Wer so viel unterwegs ist wie wir zwei, braucht keinen festen Arbeitsplatz mehr. Das gilt auch für die Chefs, die sind auch dauernd unterwegs. Für die reicht ein super Besprechungsraum mit abschließbaren Schränken. Aber es gibt auch nach wie vor Leute, die fünf Tage die Woche ins Büro gehen und hauptsächlich am Schreibtisch arbeiten. Sekretärinnen zum Beispiel. Für die wäre es Nonsens, wenn sie sich jeden Morgen einen neuen Arbeitsplatz suchen müssten. Das reguliert sich in den Unternehmen von allein und lässt sich nicht rigide vorschreiben. Wechsel um des Wechsels willen ist Blödsinn. Das wäre doch auch wieder Zwang – und genau das ist falsch.

Wie können Mitarbeiter mit einfachen Mitteln ein herkömmliches Büro in einen Wohlfühlort verwandeln?

Kohlert: Von diesen klassischen Büros gibt es noch ganz, ganz viele. Ein erster Schritt wäre wie gesagt, die Teeküche umzubauen und so einen Marktplatz für Mitarbeiter zu schaffen. Die sollten einfordern, dass sie Räume nach ihren Bedürfnissen mitgestalten können. Da kann schon ein Ohrensessel im Flur helfen. Und eine Unternehmensführung sollte sich bewusst sein, dass Büros sich immer wieder verändern und an neue Arbeitsweisen angepasst werden müssen. Da braucht es mehr Offenheit.

Redaktion Bettina Eschbacher ist die Koordinatorin Wirtschaft und Wirtschaftsredakteurin.

Redaktion Wirtschaftsreporterin