Viernheim

Energie Martin Beickler und Gerhard van Hülst beraten Bürger beim Kauf von Photovoltaikanlagen / Experten sehen in Viernheim großes Potenzial

Zwei Pioniere mit gutem Draht zur Sonne

Archivartikel

Viernheim.Nachdenklich schaut Thorsten Hülse auf die Luftaufnahme seines Hauses. Auf dem südlichen Dach sind blaue Vierecke eingezeichnet. Aber es ist noch Dachfläche frei. Hülse hebt den Kopf und blickt zu den beiden Besuchern, die an seinem Küchentisch sitzen. „Wäre da noch mehr möglich?“, fragt er. Seine Gäste nicken begeistert. „Sie könnten eine noch größere Photovolatikanlage bauen und dazu eine Batterie kaufen, um den Strom zu speichern“, sagt Gerhard van Hülst. „Später könnten Sie mit Ihrem Strom ein E-Auto laden und über eine Wärmepumpe Ihr Haus heizen“, ergänzt Martin Beickler. „Es gibt unheimlich viele Möglichkeiten, die Sonne zu nutzen.“

Wärmepumpe? Batterie? E-Auto? Hülse lehnt sich auf seinem Stuhl zurück und überschlägt die Kosten. Dann schüttelt der Familienvater seufzend den Kopf. „Ich bleibe erstmal bei der Photovoltaikanlage.“ Das Prinzip, auf dem eigenen Hausdach Strom zu gewinnen, habe er immer schon gut gefunden, sagt Hülse. „Aber erst als mein Onkel sich eine Anlage gebaut hat, habe ich gemerkt: Das lohnt sich auch.“

Hülse beginnt sich mit dem Thema zu befassen – und wird mit Informationen überschwemmt. „Die Angebote der Firmen sind total unübersichtlich“, sagt er und tippt kopfschüttelnd auf einen Stapel eng beschriebenes Papier vor ihm auf dem Tisch. Hülse fragt im Brundtlandbüro nach Hilfe und erhält einen Tipp: Die Viernheimer Martin Beickler und Gerhard van Hülst beraten ehrenamtlich andere Viernheimer, die an Photovoltaik interessiert sind. Wenig später sitzen die beiden an Thorsten Hülses Küchentisch und helfen ihm, Licht ins Dunkel zu bringen.

Seit einem Jahr sind Beickler und van Hülst als Berater unterwegs. Abgeschaut haben sie sich die Idee von einer ähnlichen Gruppe im Odenwald, die schon seit einigen Jahren Bürger beim Bau von Photovoltaikanlagen berät. Auch Beickler und van Hülst erzeugen eigenen Strom auf dem Dach. Beide begeistern sich schon lange für erneuerbare Energien. Beickler gründete vor Jahren als Lehrer an der Alexander-von-Humboldt-Schule die Energie-AG und baute mit den Schülern unter anderem zwei Photovoltaikanlagen auf dem Schuldach.

Eigenes Haus umgerüstet

Gerhard van Hülst rüstete sein eigenes Haus in Eigenarbeit immer weiter auf erneuerbare Energien um. „Wir waren immer schon Pioniere“, sagt van Hülst schmunzelnd. Sowohl Diplom-Elektroingenieur van Hülst als auch Mathematik- und Physiklehrer Beickler sind mittlerweile in Rente. Aber sie wollen ihr Wissen weitergeben.

„Viernheim hat ein Wahnsinnspotenzial“, schwärmt Martin Beickler. „Wenn nur auf der Hälfte aller Dächer Photovoltaikanlagen stehen würden, könnte gemeinsam mit den Windkraftanlagen der Stadtwerke im Odenwald der Strombedarf der ganzen Stadt gedeckt werden.“ 13 Viernheimer hat das Duo bisher beraten, vier Anlagen sind schon gebaut. Und die beiden Berater haben noch viel vor: „Unser Ziel ist, dass eines Tages die ganze Region Photovoltaik auf dem Dach hat“, erklärt Gerhard van Hülst mit leuchtenden Augen.

Aber zu zweit wird das schwer. „Eine Beratung bedeutet viele Stunden Arbeit“, erklärt Beickler. Seine Hoffnung ist, dass sich um ihn und seinen Beraterkollegen eine Gruppe Interessierter bildet, die untereinander Erfahrungen austauscht, „wie eine Art Selbsthilfegruppe“, sagt Beickler und lacht.

Bis es soweit ist, stecken die beiden allein ihre ganze Energie in das Beraterprojekt. „Wir wollen die Menschen mitnehmen und das Thema Erneuerbare Energien voranbringen“, sagt van Hülst. „Die Sonne gehört uns allen, also sollten wir auch beim Stromerzeugen selbstbestimmt sein.“ Beickler nickt: „Das ist auch ein Stück Demokratie.“

Die beiden wollen ihren Teil dazu beitragen, dass die Energiewende nicht von Vorurteilen oder Angst ausgebremst wird. „Wir wollen den Menschen zur Seite stehen, sie unvoreingenommen beraten und ihnen die Angst nehmen, von den Firmen über den Tisch gezogen zu werden“, erklärt Beickler. „Das zu tun, gibt mir ein gutes Gefühl. Es ist wie Nachbarschaftshilfe.“

Thorsten Hülse hat diese Hilfe gern angenommen. Die Berater haben sich nicht nur sein Dach angesehen, sondern ihm gleich noch Tipps zum Senken des Stromverbrauchs im Haushalt gegeben. Zusammen haben sich die drei die Möglichkeiten, die das Dach bietet, angesehen und schließlich die von Hülse selbst eingeholten Angebote auf Stichhaltigkeit geprüft.

Jetzt nickt Hülse. „Ich habe einen konkreten Plan“, sagt er zufrieden. Eine Anlage mit zehn Kilowatt-Peak Leistung will er bauen, die Batterie dann später nachkaufen. „Da kann eigentlich nichts schiefgehen“, sagt er mit Blick auf seine Berechnungen. „Und wenn Sie Fragen haben“, sagt Beickler lachend, „keine Angst: Wir kommen wieder!“

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