Viernheim

Seniorenbegegnungsstätte Literaturkreis zum Thema Entwicklung des Dramas / Stefan Ackermann und Lessings „Nathan der Weise“

Leitbild: Vernunft und Toleranz

Viernheim.„Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang.“ Mit diesen Worten – vom Literaturexperten Stefan Ackermann vorgetragen – endet das Drama „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing (1729 bis 1781). Hiermit waren nicht nur alle Konflikte der Religionen Vergangenheit, sondern es stellte sich heraus, dass die Hauptrepräsentanten dieser Religionen (Judentum, Christentum, Islam) durch verwandtschaftliche Bande miteinander verbunden sind. Gleichzeitig lasen die zahlreich in der Seniorenbegegnungsstätte versammelten Literaturfreunde, diese Zeilen eifrig in ihren mitgebrachten Reclam-Ausgaben mit.

Stefan Ackermann begann mit dem „ersten Lehrstück im Brechtschen Sinne“ – wie er das „Dramatische Gedicht“ Lessings von 1779 nennt – seine Veranstaltungsreihe „Die Entwicklung des Dramas“, in der er in 12 Sitzungen die Literaturepochen von der „Aufklärung“ bis zur „Moderne“ (Dürrenmatt, „Die Physiker“ von 1962) behandelt. Dies tut er anhand von Bühnenstücken, die jeweils exemplarisch für die ausgewählte Epoche stehen. „Nathan der Weise“ ist das klassische Drama der Epoche der „Aufklärung“ – wobei „Drama“ literaturwissenschaftlich als Schauspiel in Dialogform verstanden wird. Die geistesgeschichtliche Epoche der Aufklärung (rund 1720 bis 1790) stellte den Begriff der „Vernunft“ in den Mittelpunkt. Neben französischen Enzyklopädisten war der Königsberger Philosoph Immanuel Kant (1724 bis 1804) der Hauptvertreter der Aufklärung. In seinen Essay „Beantwortung der Frage: „Was ist Aufklärung?“ (1784) lieferte er die berühmte Definition: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines Anderen zu bedienen.“

In dieser Epoche haben sich auch die Literaturformen sehr gewandelt - gerade in Bezug zum Barock. Im Mittelpunkt stand nicht mehr das Lob der Fürsten und die Unterhaltung der höfischen Gesellschaft, sondern das bürgerliche Leben und die Aufklärung. An Stelle der höfischen Dichtung trat eine Literatur, die Ideen der Aufklärung vertrat: Vernunft, Humanität und Gemeinsinn. Die Ideale wurden auf sämtliche literarische Gattungen übertragen. Bei den Literaten der Aufklärung wurde der Mensch nicht mehr nach seinem sozialen Status betrachtet. Auch gab Lessing der Literatur eine neue Funktion: Sie sollte das Publikum sittlich läutern.

Ackerman ging auch auf die Entstehungsgeschichte des „Nathan“ ein: Lessing war ein heftiger Kritiker der starren, orthodoxen evangelischen Theologie, bis ihm sein Dienstherr verbot, sich öffentlich zu Religionsfragen zu äußern. Daraufhin wählte er das Mittel des Dramas, das er in Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge spielen lässt. Hauptperson ist der reiche jüdische Kaufmann „Nathan“, der auch der Weise genannt wird. Dessen Ziehtochter Recha war von einem christlichen Ritter aus den Flammen eines Hauses gerettet worden. Dieser wiederum war nach seiner Gefangenschaft von dem islamischen Herrscher Jerusalems, Sultan Saladin, begnadigt worden.

Wegen seiner Geldsorgen erhofft sich Saladin ein Darlehen von Nathan. Doch vorher stellt Saladin Nathan die knifflige Frage, welches die wahre Religion sei, Christentum, Judentum oder Islam. Der schlaue und gütige Nathan – in dem sich Lessing selbst verkörpert hatte – antwortet ihm durch die Erzählung der „Ringparabel“: Ein alter Mann besaß einen Ring, der vor Gott und den Menschen gefällig machte. Da er aber drei Söhne hatte, ließ er zwei weitere Ringe anfertigen, die sich nicht vom ersten Ring unterschieden. Das Vermächtnis der Ringe an die drei Söhne stellt Nathan als Symbol für die drei monotheistischen Weltreligionen dar. Indem Nathan die drei Religionen als nicht unterscheidbar darstellt, legt Lessing eine humanistische Praxis als Wertmaßstab der Religionen zugrunde, da er die Frage nach der absoluten Wahrheit als unergiebig erkannt hat. Das Drama zeigt somit die Prinzipien des humanen Handelns über die Grenzen der Konfessionen hinweg.

Besondere Rolle des Dramas

Die Literaturgattung Drama spielte in der Aufklärung eine besondere Rolle. Hier hoffte man, die Zuschauer und Leser besser erziehen und verändern zu können als in anderen literarischen Gattungen.

Lessing brachte die Entwicklung des bürgerlichen Dramas weit voran. Mit Minna von Barnhelm, Emilia Galotti und Nathan der Weise schuf Lessing Werke, die bis heute noch zum Standartrepertoire vieler Bühnen gehören.

Als Nächstes stellt Ackermann am 10. Oktober die Epoche des „Sturm und Drangs“ anhand Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“ vor.

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