Viernheim

„Wir sind mehr“ Friedliche Veranstaltung ohne laute Parolen / Organisatoren sprechen von 1000, Polizei von 500 Teilnehmern

Klares Votum für Demokratie und Menschenrechte

Archivartikel

Viernheim.„In Syrien wäre sofort das Militär angerückt…“ spricht Lawand Hassan durch das Mikrofon – und man hört dem 19-Jährigen an, wie froh er ist, dass er nun in einem Land ist, in dem Menschen auf die Straße gehen und ihre Meinung sagen dürfen. Gestern bringen viele Viernheimer ihre Meinung zum Ausdruck – und setzen damit ein wichtiges Signal.

Unter dem Motto „Wir sind mehr – unterwegs für Demokratie und Menschenrechte“ ziehen sie vom Apostelplatz zum Bürgerhaus und demonstrieren für die Grundwerte einer demokratischen Gesellschaft – ganz friedlich und ohne laute Parolen. Für die „Wir-sind-mehr“-Veranstaltung haben sich Viernheimer Parteien, Kirchengemeinden, Schulen, Verein und andere Organisationen zusammengeschlossen.

Viele haben ihre Standpunkte auf großen Plakaten notiert. „Frieden“, „Nächstenliebe“, „Freiheit“, „Respekt“, „Toleranz“, „Würde“, „Zivilcourage“ oder „Glaubensfreiheit“ ist zu lesen. Auch Forderungen werden plakativ gemacht: „Kein Rassismus“ oder „Viernheim bleibt bunt“ oder „Menschenrechte statt rechte Menschen“. Die Gruppe Fiddler’s Red mit Eva-Maria und Engelbert Renner und Monika und Frank Enger hat eine musikalische Botschaft: „Wehre dem Anfang und schaue nicht weg, gib keine Chance dem tiefbraunen Dreck. Ziehe Lehren aus der vergangenen Zeit, der Schritt bis zum Abgrund ist gar nicht so weit.“

Bürgermeister Matthias Baaß tritt als Erster ans Mikrofon und berichtet von „Riesengeschenken“ zu seiner Geburt: „Demokratie in Deutschland, Frieden in Europa.“

Diese Geschenke scheinten heute stellenweise als Selbstverständlichkeit angesehen zu werden. „Es ist unsere verdammte Pflicht, dazu beizutragen, dass Deutschland und Europa demokratisch bleiben“, wird Baaß laut. Nur in einer demokratischen Gesellschaft gäbe es ein Vereinsleben wie in Viernheim.

„Sonst würde der Frauenchor nur noch singen, was der autoritäre Staat erlaubt“, nennt der Bürgermeister ein Beispiel. Demokratie bestehe aber nicht aus Grundgesetzen mit Paragrafen und Artikeln. „Es braucht Menschen, die diese demokratischen Dinge leben“, zitiert Baaß den früheren hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer und sieht sich beim Blick auf den Apostelplatz bestätigt: „So, wie es heute hier geschieht: Sie – ich – wir!“ Muzaffer Karagöz ist das Kind eingewanderter Gastarbeiter aus der Türkei und Vorsitzender des Ausländerbeirats. „Wir sind doch keine Probleme - wir bringen doch Bereicherung und Ideen und Kultur mit“ sprudelt es ihm hervor. Obwohl er kein deutscher Staatsbürger sei, könne er sagen: „Ich bin einer von euch – ich bin Viernheimer!“ Mit John Lennons „Imagine“, gesungen von Helen Lenzen, machen sich die Viernheimer dann auf den Weg. Sie gehen hinter dem „Wir-sind-mehr“-Banner her, das erst die Hauptverantwortlichen tragen und dann die Kinder und Jugendlichen übernehmen.

Bis zum Bürgerhaus schließen sich noch mehr Viernheimer an. Mitinitiator Herbert Kohl schätzt, dass rund 1000 Menschen beim zweiten Teil der Veranstaltung dabei sind, die Polizei spricht von 500 Menschen vor dem Bürgerhaus.

Dort erinnert Pfarrer Angelo Stipinovich an „Sternstunden“ der jüngeren deutschen Geschichte: „Als Deutschland Fußballweltmeister geworden ist, war jeder stolz und hat sich eine Fahne ans Auto gehängt.

Man kann sagen, was man denkt

Und dann hat Deutschland die vielen Flüchtlinge so hilfsbereit aufgenommen.“ Das mache das Land aus: herzliche Aufnahme und stete Hilfe. „Man kann hier sagen, was man denkt, und glauben, was man will“, hat Stipinovich erfahren als jemand, der nicht im demokratischen Deutschland aufgewachsen ist. „Wir müssen dafür sorgen, dass diese Demokratie weiter besteht und Deutschland eines der besten Länder der Welt bleibt.“ Dabei würden die Deutschen gut daran tun, nicht jedes kleine Problem so lange zu diskutieren, „bis die Leute glauben, dass ein Mückenschiss ein Kuhhaufen ist“.

Die Teilnehmer applaudieren noch dem Pfarrer und seinen klaren Worten, da greifen sich fünf Mädchen das Mikrofon und singen ganz spontan „Wir sind alle Kinder dieser Welt“. Auch Lawand Hassan meint: „Jeder Mensch auf dieser Welt ist doch gleich wertvoll…“

Der junge Mann erzählt von seiner Flucht aus Syrien – wo er keine Zukunft für sich sah, wo er verfolgt wurde und Angst hatte, auf die Straße zu gehen. Vor dem Krieg und dem IS ist er mit seiner Familie erst in der Türkei gelandet und hat sich dann allein weitergeschlagen. „Du kannst hier nichts erreichen“, habe man ihm in Deutschland immer wieder gesagt. Aber dank der Hilfe und Unterstützung in Viernheim besucht der 19-Jährige sogar das Gymnasium. „Ich habe das Gefühl, doch etwas schaffen zu können“, freut sich Lawand und mahnt: „Im Grundgesetz heißt es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – nicht „Die Würde des Deutschen…“

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