Weikersheimer Tauberphilharmonie - Eines der außergewöhnlichsten Konzerte im Coronajahr / Junge Deutsche Philharmonie reißt Gäste von den Sitzen Taufrisch – fast wie noch nie gehört

Von 
Inge Braune
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Kaum je dürfte ein Konzertpublikum Beethovens 7. Sinfonie so direkt, frisch, begeistert und mitreißend erlebt haben. © Braune

Die Siebte? Die Siebte! Stehende Ovation gab es in der Tauberphilharmonie von schlicht hingerissenem Publikum nach dem Konzert der Jungen Deutschen Philharmonie.

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Weikersheim. Es dürfte das wohl außergewöhnlichste Tauberphilharmonie-Konzert im Coronajahr gewesen sein: Mit ihrem Projektkonzert „Alle Sinne für die Siebte“ begeisterte die Junge Deutsche Philharmonie die rund zweihundert Zuschauer und Zuhörer im Konzertsaal der Tauberphilharmonie restlos.

Mit dem Schlussakkord riss es die Gäste regelrecht von den Sitzen zu einer gar nicht enden wollenden stehenden Ovation. So strahlend - deutlich sichtbar trotz Mund-Nasen-Masken - sah man kaum je ein Publikum dieses Konzerthaus verlassen, so lange stand man selten nach einem Konzert zusammen, um sich auszutauschen über das so ganz andere Stille- und Klangerlebnis.

Angekündigt war im durch die Pandemie meist nur virtuell erlebbaren Beethoven-Jahr ein Konzert mit multimedialer Performance: Die 1812 – also vor über zweihundert Jahren – fertiggestellte 7. Sinfonie Ludwig van Beethovens in A-Dur op. 92.

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Es sind vier weithin zumindest in Ausschnitten auch jenseits der Klassikszene bekannte Sätze – Poco sostenuto-Vivace, Allegretto, Presto und Allegro con brio; vier hoch emotionale, spannungsgeladene, ungeheuer vielfältige Sätze, die selbst mit Notenvorlage eine Herausforderung für auch für große Orchester darstellen. Hier war kein Notenblatt zu sehen, dafür ein bis auf die beiden Cellistinnen komplett stehendes 32-köpfiges, ungeheuer spielfreudiges junges Orchester, das die Sätze kaum noch spielte, sondern von den Haar- bis zu den Zehenspitzen lebte.

Aus dem Dunkel heraus

Dem 1974 von ehemaligen Mitgliedern des Bundesjugendorchesters gegründeten selbstverwalteten Studentenorchester gehören eigentlich um die 200 Instrumentalisten zwischen 18 und 28 Jahren an, Musikstudenten und -studentinnen deutscher Musikhochschulen, die während der Semesterferien bei intensiven Probenphasen ihre Auftritte in Konzerthäusern in Frankfurt, Berlin, Köln Essen Hamburg, Leipzig und bei internationalen Festivals vorbereiten. Alle zwei Jahre organisieren sie mit „Freispiel“ ein eigenes Festival, das sie im Beethovenjahr dessen siebter Sinfonie widmeten.

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Mit allen Sinnen den Komponisten erlebbar zu machen, war dabei ihr Ziel. Action Painting – für die Umsetzung zeichnet Patriks Zwaigzne verantwortlich – gestaltet aus dem Dunkel heraus die symphonische Einleitung des ersten Satzes: Drei gläserne Malfenster, die von hinten mit Spachtel und erst weißer, dann ockerfarbener, gelber roter und blauer Farbe wie von einem Ballett in weiten Farbzügen gestaltet werden, kommentieren die von Hector Berlioz mit einem Bauerntanz verglichene rhythmische Taktung, ehe die Fenster, von hinten angestrahlt und in den Hintergrund der Bühne gezogen, wie Kirchenfenster auf den feierlichen, fast sakralen Satz überleiten.

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Den gestalteten Bénédicte Billiet und Sophia Otto – ein spielerisch-pantomimisches Ballett ganz in Schwarz. Luca Fournoy erarbeitete mit den jungen Darstellern im Physical Theatre eine aussagestarke Tanztheater-Szene, die Aufruhr, Hoffnung, Leiden, Ängste und Kampfeswillen perfekt zur erst später erklingenden Sinfonie in Bewegung umsetzte. Für den vierten Satz der Sinfonie der Stille setzte die Junge Deutsche Philharmonie auf Videokunst, übertrug dabei Beethovens Auseinandersetzung mit Napoleon auf die aktuelle Herausforderungen der Gegenwart: Black lives matter wurde da ebenso pointiert angesprochen wie die Umweltverschmutzung, steigende Meeresspiegel, Gletscherschmelze – und der Aufruf, einander über Grenzen hinweg auch mit den Mitteln der Musik einander die Hand zu reichen.

So heiter wie radikal

Und dann: Das Konzert! Ohrstöpsel raus, und eintauchen in eine grandiose Komposition, die so lebendig, so frisch, so intensiv kaum je zu hören sein dürfte. Auch Konzertfreunde, die sonst geneigt sind, Musik mit geschlossenen Augen zu genießen, konnten sich kaum losreißen aus der Beobachtung der so virtuos Spielenden und ihres Dirigenten Joolz Gate, auch er übrigens zuvor köstlich selbstironischer Mitspieler im vorherigen Konzert der Stille. Wie er mit einzelnen Instrumentalisten und Instrumentalgruppen kommunizierte, wie modellierend, knetend, streichelnd, mitschwingend die furiosen Aus- und Aufbrüche, elfenhaft schwebenden, dann wieder heiter tänzelnden und sich radikal aufbäumenden Passagen mit solch überspringender Begeisterung zusammenführte, war ein schlicht fesselndes Erlebnis.

Beschreiben kann man diesen Beethoven-Abend mit Stille und Klang nicht. Darum hier der Verweis auf den Mitschnitt der am Vortag in Frankfurt am Main erfolgten Uraufführung: https://www.youtube.com/watch?v=NyiY9QDRJcA .

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