Neues Buch aus Weikersheim - „So war es…“ – Erinnerungen an die Nachkriegszeit / Einheimische und Zugezogene erinnern die Zeit von 1944 bis 1949 Nächte auf Matratzen, Care-Pakete und Handschuhe

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ibra
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Weikersheim. Es sollte ursprünglich ein Büchlein sein „für unsere Kinder und Enkel – damit Erinnerungen nicht verloren gehen“. Zu siebt machten sie sich ans Werk, die sieben Autoren: Ur-Weikersheimer, Zugezogene, Menschen, in der Region von Kind auf oder später Ver- und Eingewurzelte.

Erinnerungen an die Nachkriegszeit, gesammelt für ein Buch. © Autoren
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Sie teilen die Erfahrung, dass sich die Nachgeborenen schlicht nicht mehr vorstellen können, wie es war, damals, bei Kriegsende und in den ersten Nachkriegsjahren. Schulkinder waren sie seinerzeit oder junge Erwachsene, Menschen, die kaum je das Taubertal verlassen hatten ebenso wie eher weltläufig aufgewachsene mit engen Beziehungen zwischen dem Tauberland und der sowjetischen Besatzungszone. Sie stöberten in alten Fotoalben, Zeitungsarchiven, Familienerbstücken, entdeckten erinnernd manch Skurriles, Anrührendes, Bedrückendes. Je mehr dieser Hinterlassenschaften sie entdeckten, desto deutlicher tauchten Blitzlicht-Erinnerungen aus der Vergangenheit auf, die sich zu regelrechten kleinen Filmen formten.

Hannelore Becker etwa, die aus dem thüringischen Saalfeld stammt – ein Vorkriegskind, 1941 Erstklässlerin. Erinnerungsschnipsel: Der „Tag der Wehrmacht“, bei dem die Zweitklässer auf Panzern herumkrabbeln durften, Fahnengruß mit „Sieg Heil“ – und an den immer kleiner werdenden Klassenverband: „weggezogen“ habe es geheißen. Dann Luftschutzkellernächte im Trainingsanzug und die Zusammenlegung von zwei Schulen: eine wurde zum Lazarett umfunktioniert. Zeitungsausschnitte und Werbeplakate ergänzen den kurzen Bericht aus der Kriegszeit.

Die letzten Kriegstage in Weikersheim hat Roselinde Laukhuff in Erinnerung: Verdunkelung mit Papierrollos, Nächte auf Matratzen im Keller, das Feuer, die nächtliche Flucht zum halbfertigen Bunker am Winterberg und die mit durchschossenem Kinderbeinchen durchlittene Bunkernacht. Und nach dem Krieg: Graupensuppe, wechselnde Unterkünfte und Winterkleidung, umgearbeitet aus nicht mehr gebrauchten Sodatenmänteln, das Sammeln von Bucheckern im Wald – und fröhliche Kinderspiele.

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Etliches davon erlebte auch Klassenkamerad Klaus Frey, der die erste, drei Tage und Nächte dauernde Reise zur Großmutter in Kiel beschreibt, eine Fahrt auf offenem Pritschenwagen und im fensterlosen Vieh- oder Kohlewaggon, nach der Rückkehr Ausquartierung, Schlange stehen mit Lebensmittelkarten. Von den ersten Care-Paketen blieben einige ganz besonders in Erinnerung: die, die der kinderlose Lehrer mit seinen 65 Schulanfängern teilte.

Die in Niedersachsen geborene Erika Müller erinnert sich an die „Weihnachtsstube“, die 1949 auf dem Dachboden der Bäckerei des kleinen Heidedorfs eingerichtet wurde: Die Gaben kamen wohl aus Spenden. Wie anrührend seinerzeit Kinder das Christkind anflehten, dokumentiert Walters Wunschzettel auf der letzten Seites des nur 50-seitigen, reich bebilderten Büchleins: zwei Paar Kniestrümpfe, zwei Bleisstifte und Handschuhe zum Schlitten fahren.

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Die Situation in der „Ostzone“ erlebte Annelotte Laukhuff im Sommer 1948 als äußerst bedrückend. Das Wiedersehen mit Bekannten und Verwandten: trostlos. Ausgezehrt und mutlos erlebte sie die Menschen, Häuser und Infrastruktur vernachlässigt. Es ist der Westzonenblick – nach der Währungsreform, bereits an den Wiederaufbau gewöhnt, der sie schaudern ließ.

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Ihr Bruder Georg Albrecht-Früh schlug sich aus dem Kriegsgefangenenlager zu ihr nach Weikersheim durch, von wo er mehrfach „schwarz“ die Grenze zur Ostzone passierte, ehe er in der Silvesternacht die endgültige Flucht in den Westen antrat.

Willi Rübling erinnert sich noch an die Namen der Grundschullehrer, die im letzten Kriegsjahr einheimische und aus dem Ruhrgebiet evakuierte Kinder unterrichteten. Interessiert beobachteten sie Volkssturm-Männer beim Ausheben von Deckungslöchern und Splittergräben, fasziniert sammelten sie nach dem Absturz eines deutschen Fliegers Schlackestückchen auf. In telegrammartigem Stakkato lässt er die Kriegsweihnacht 1944, Verteidigungsübungen am Bahnhof und im Schlossgarten, Brückensprengungen und die letzten zwecklosen Aktivitäten der Verteidiger passieren, den Beschuss des Städtchens, den Einmarsch amerikanischer Truppen, die Inhaftierung örtlicher NS-Funktionäre und die beginnende Nachkriegsnormalität.

Es sind spannende, zum Teil sehr persönliche Zeugnisse, die das Autorenteam in dem 50 Seiten starken Paperback-Bändchen zusammengetragen hat. Zu bekommen ist das als Privatdruck entstandene Büchlein für zehn Euro in etlichen regionalen Buchhandlungen sowie unter anderem im Weikersheimer Stadtmuseum am Gänsturm und im Tauberländer Dorfmuseum. ibra